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Europäischer Gesundheitskongress 2018 Zwischen Super-Hospitals und Fachkräftemangel

Internationaler Austausch, wegweisende Vorträge und hitzige Diskussionen: Der 17. Europäische Gesundheitskongress in München wagte unter dem Motto „Aufbruch im Gesundheitswesen“ einen Blick in die Zukunft. Als Vorbild für die Mitteleuropäer kristallisierte sich einmal mehr Skandinavien heraus.

Wird Deutschland von anderen europäischen Ländern abgehängt? Was sind die größten Mängel im Gesundheitswesen und wo besteht dringender Handlungsbedarf? Rund 160 Referenten informierten auf dem 17. Europäischen Gesundheitskongress unter dem Slogan „Aufbruch im Gesundheitswesen“ über diese und ähnliche Zukunftsfragen.

Die Redner schlugen dabei regelmäßig Brücken zu anderen europäischen Ländern, die als Vorreiter gelten. Ganz vorne mit dabei: Dänemark.

Was kann Deutschland vom Norden lernen?

Dem Brennpunktthema Krankenhaus kam auf dem Kongress vom 25. bis 26. Oktober 2018 eine besondere Bedeutung zu. Bereits in der Eröffnungsrede präsentierte der dänische Architekt Julian Weyers deshalb das Konzept der Super-Hospitals – die skandinavische Antwort auf Strukturprobleme in der Krankenhauslandschaft.

Im Rahmen einer „Qualitätsinitiative“, die mehr Effizienz in den Gesundheitssektor bringen soll, plant Dänemark sieben offen und großflächig gestaltete Super-Hospitals mit besonders guter Ausstattung. Durch die „Krankenhausstädte“ soll u.a. ein Konkurrenzkampf zwischen den rund 50 kleinen dänischen Kliniken um die gleichen Ressourcen verhindert werden. „Die Super-Hospitals erhalten größere Budgets, z.B. für weitere Spezialisierungen. Eine Stufe darunter bleiben einige Unfallkrankenhäuser bestehen“, erklärte Weyers. Kleinere Krankenhäuser würden in Gesundheitszentren umgewandelt. Der Weg der Patienten zu einem der Super-Hospitals sei zwar wenige Minuten länger. Die Versorgung sei aber deutlich besser als in vielen kleinen Krankenhäusern. Das erste Super-Hospital ist laut Weyers bereits in Betrieb, der Rest befindet sich im Bau.

Diskussion um Klinikschließungen: Von 1.329 auf 330?

Ist dieses Konzept für mehr Effizienz auch in Deutschland denkbar? Prof. Dr. Reinhard Busse vom Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin findet: „Ja“. In einem sehr gut besuchten Vortrag plädierte er für eine radikale Reduzierung der knapp 1.329 Plankrankenhäuser auf 330.

Denn Deutschland kämpft laut Busse mit drei Problemen: „Wir haben unangemessen viele Patienten. Diese Patienten werden in technisch und personell nicht adäquat ausgestatteten Krankenhäusern behandelt. Und: Wir haben ein Betreuungskonzept am Bett und dadurch zu wenig Personal beim Patienten.“

Busse zufolge hat Deutschland von einem Wandel oder gar Umbruch bisher wenig mitbekommen. Seit zehn Jahren sei die Bettenzahl hierzulande relativ stabil, das gelte auch für die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus. „Im Schnitt sind das 1,7 Tage. Zum Vergleich: In Dänemark sind es 0,7“, erklärte Busse. Andere Länder, beispielsweise Schweden, hätten ihre Bettenzahl hingegen drastisch reduziert.

Was in Deutschland aber kontinuierlich steige, sei die Zahl der Patienten. Fast 50 Prozent mehr Fälle seien es als noch vor einigen Jahren, ein zu großer Teil komme mittlerweile (häufig unbegründet) über die Notaufnahme ins Krankenhaus. Doch nicht nur die Patienten sind Busse zu viele. Auch die 1.329 Plankrankenhäuser, die es in Deutschland gibt, kritisiert der Ökonom. Kleine Krankenhäuser wären schlechter auf Notfälle wie Herzanfälle, Schlaganfälle und Co. vorbereitet, das Personal hätte weniger Übung. Er kann sich ein Konzept nach dänischem Vorbild in Deutschland gut vorstellen: „Wollen wir schlechte Krankenhäuser um die Ecke haben oder wollen wir Krankenhäuser mit guter Qualität und dafür ein bisschen weiter fahren?“

17. Europäischer Gesundheitskongress

Digital Screening und gutes Essen

Nicht genug Ärzte, zu wenig Pflegepersonal und zu viele Patienten. Auch der Fachkräftemangel war ein Kernthema des Europäischen Gesundheitskongresses. Gleich mehrere Referenten beschäftigten sich mit der Fragestellung „Fachkräftemangel als Treiber?“, darunter auch Swjatoslaw Aksamitowski. Der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens QI Consult setzte den Schwerpunkt seines Vortrags z.B. auf das Recruiting ausländischer Ärzte durch digitales Screening. 

Aksamitowski sieht eine Chance im Anwerben ausländischer Ärzte, beispielsweise aus Vietnam oder den Philippinen. Bewerbungen soll es mehr als genug geben: „85 bis 90 Prozent aller Bewerbungen kommen aus dem Ausland. Nochmal 85 bis 90 Prozent davon aus dem Nicht-EU-Ausland“, betonte der Unternehmer. Die eigentliche Hürde liege in den ausländischen Dokumenten der Ärzte, die einer Anerkennung der Approbation im Wege stehen. Durch ein digitales Screening, das alle wichtigen Informationen einer Bewerbung abfragt, sollen Personaler entlastet und Einstellungen schneller von statten gehen.

Wie man das gefundene Personal anschließend hält, damit beschäftigte sich Prof. Dr. Georg Sabin, Chefarzt der Kardiologie des Elisabeth-Krankenhaus Rheydt. Er schreibt dem Softfaktor Ernährung eine besondere Bedeutung zu. „Die Mitarbeiter laufen weg, wenn das überhaupt nicht schmeckt“, sagte Sabin. Er warnte hier vor Sparmaßnahmen an der falschen Stelle und empfahl sowohl für Mitarbeiter als auch für die Patienten eine mediterrane Ernährung inklusive viel frischen Obst und Gemüse: „Eine gute Ernährung rettet Leben.“

Was tut die Politik?

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sollte den Europäischen Gesundheitskongress eröffnen, steckte aber mitten in den Koalitionsverhandlungen nach der Landtagswahl in Bayern. Sie wurde von Ruth Nowak, Amtschefin des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, vertreten. In einer Eröffnungsrede lobte sie die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre und kritisierte den Titel des Kongresses.

Der „Aufbruch ins Gesundheitswesen“ habe in Deutschland längst begonnen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) würde Bayern regelrecht mit „neuen und teilweise fast revolutionären Gesetzesentwürfen überschütten“. Auch in Zukunft wolle man vermehrt in das Gesundheitswesen investieren. Pläne für die neue Legislaturperiode konnte die Amtschefin allerdings noch nicht preisgeben.

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