Von unsicheren Zeichen und fehlerhaften Diagnosen Zwischen Leben und Tod

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Ethik

Die Frage, wann ein Mensch wirklich tot ist, beschäftigt die Gesellschaft seit der Antike. Vor 300 Jahren galt die beginnende Fäulnis, heute gilt der Hirntod als Beweis – doch wie sicher sind solche Zeichen und Diagnosen? Das wiederum spielt eine Rolle nicht zuletzt für Organspenden, deren Zahlen in Deutschland dramatisch zurückgegangen sind.

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    © Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
    Die Ausstellung „Scheintot” läuft bis zum 18. November 2018 im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité (www.bmm-charite.de/ausstellungen/sonderausstellung.html).
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    © BZgA
    Die Feststellung des unumkehrbaren Ausfalls der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) erfolgt in einem dreistufigen Verfahren. (* primär supratentorielle Schädigungen betreffen das Großhirn und das Zwischenhirn. ** primär infratentorielle Schädigungen betreffen das Kleinhirn und den Hirnstamm.)
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    © Carolina Heske
    Vor genau 200 Jahren erschien Mary Shelleys „Frankenstein“, der Roman um den gleichnamigen Studenten und sein Monster – eine künstliche Kreatur aus toter Materie, der „Leben“ eingehaucht wurde.

Oktober 2014: In einem Supermarkt im US-Bundesstaat New York erleidet Michael Cleveland einen schweren Herzinfarkt. Kurz danach wird er im Krankenhaus von einem Notarzt für tot erklärt. Die Geräte werden abgeschaltet, die Familie muss Abschied nehmen. Doch der 46-Jährige scheint noch am Leben: Er atmet, sein Brustkorb hebt und senkt sich – das rühre von der Luft her, die noch in den Lungen sei, behauptet der Arzt und ignoriert die Bitten der Ehefrau, ihren Mann nochmals zu untersuchen. Erst als der Gerichtsmediziner eintrifft, um die vermeintliche Leiche abzutransportieren und ebenfalls Zweifel anmeldet, wird Cleveland medizinisch nochmals versorgt. Zu spät, er stirbt. Jetzt steht der Notarzt vor Gericht.

Ein Anfang des 21. Jahrhunderts so unfassbarer wie verstörender Fall, bei dem offenbar noch nicht einmal der Hirntod überprüft worden war. Denn längst gilt der „unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen“, wie diese Diagnose vollständig genannt wird, als Beweis für den Tod eines Patienten. Ein dreistufiges Verfahren, bei dem mindestens zwei Ärzte zum gleichen Befund kommen müssen, geht der offiziellen Feststellung eines Ablebens voraus. In Folge: „Die Feststellung des Hirntodes bedeutet, dass keine ärztliche Indikation für therapeutisch ausgerichtete Maßnahmen mehr besteht. Deshalb gibt es auch keine Verpflichtung mehr, Atmung und Herz-Kreislauf-Funktionen aufrechtzuerhalten“, wie es der Deutsche Ethikrat 2015 in einer Stellungnahme formulierte. Berühmte Ausnahme war im Jahr 1992 das „Erlanger Baby“: Ärzte wollten den Fötus im Bauch einer hirntoten werdenden Mutter retten und behielten alle intensivmedizinischen Maßnahmen bei, da ihre inneren Organe noch funktionsfähig waren. Der Versuch scheiterte jedoch, u.a. aufgrund von Entzündungen kam es fünf Wochen später zu einer Fehlgeburt. Aber – auch bei solchen Diagnosestellungen kommen Fehler vor. So passierte es 2008 in Oklahoma City, dass Ärzte alle Untersuchungsvorschriften akribisch einhielten und bei einem 21-Jährigen dessen Hirntod bestätigten, weil das Gehirn, so schien es, nicht mehr durchblutet war. Da sich danach das Explantations­team verspätete, beobachtete seine Cousine plötzlich Reaktionen aufgrund von Schmerztests an seinem Fingernagelbett. Tatsächlich befand sich der junge Mann in einem Wachkoma, konnte später wieder laufen und sprechen – und erinnerte sich sogar an Konversationen der Ärzte, die an seinem Bett über seinen Tod geredet hatten.

Ein Phänomen, das inzwischen genauso erforscht wird wie der Hirntod selbst. In seinem spannenden Buch „Zwischenwelten“ beschreibt Prof. Dr. Adrien Owen die schmale Gratwanderung zwischen minimalem Bewusstsein und Hirntod. Unter anderem widerlegt der britische Neuropsychologe die Annahme, dass Menschen in dieser Grauzone schon nichts mehr spüren oder von ihrem Umfeld nichts wahrnehmen. So schildert eine Wachkoma-Patientin, dass sie sich unwürdig behandelt fühlte: „Die dachten, ich sei nicht ich. Sie dachten, ich sei bloß ein Körper. Es war schrecklich“, erinnert sie sich an die Zeit auf der Intensivstation, als ihr Bewusstsein sehr wohl noch funktionierte. Nur eine Therapeutin habe sich damals namentlich vorgestellt und erklärt, was sie tut. „Ich war immer noch ein menschliches Wesen“ und „unglaublich wütend im Inneren.“ Gleichwohl: Zeigen konnte sie das eben nicht.

Owen, der heute das renommierte „Brain and Mind Insitute“ an der Western University im kanadischen Ontario leitet, stellt daher – auch aufgrund von ihm begleiteter weiterer Fälle – die klinisch definierte Grenze zwischen Leben und Tod infrage. Er hält die Forschung noch nicht für so weit, den sogenannten Hirntod wirklich final diagnostizieren zu können.

Diskussionen um genau diesen Punkt, wann ist ein Mensch am Sterben bzw. endgültig verstorben, spielen derweil mehr denn je eine Rolle, wenn am Ende eines Lebens die Frage im Raum steht: Organspende ja oder nein. Kaum ein Thema sorgte zuletzt für so viel Aufmerksamkeit, denn während derzeit allein in Deutschland 10.000 Patienten auf ein neues Organ warten, erreichte die Zahl der Spender 2017 mit 797 (und 2.594 eingesetzten Organen) nach 20 Jahren einen absoluten Tiefpunkt, wie die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) alarmierte. Immerhin haben, so eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), inzwischen 36 Prozent der Bürger einen Organspendeausweis, nachdem es 2012 nur 22 Prozent waren. Krankenkassen müssen Versicherte ab 16 Jahren alle zwei Jahre anschreiben und über das Thema informieren – eine Einwilligung ist freiwillig oder muss von Verwandten entschieden werden. Führenden Verbänden und Wissenschaftlern ist das zu wenig: So forderte zuletzt der 121. Deutsche Ärztetag im Mai die Einführung der Widerspruchslösung – das Entscheidungsverfahren also umgekehrt, wer nicht einverstanden ist, muss aktiv widersprechen. Wie dramatisch die Situation ist, belegen auch mehrere Broschüren der BZgA, die – laut Transplantationsgesetz (TPG) mit der Aufklärung der Bevölkerung über die Möglichkeiten der Organ- und Gewebespende beauftragt – auf ihrer Homepage Informationen zum Hirntod sogar für Ärzte anbietet. Ob solche Druckwerke den Krankenversicherten allerdings die Angst nehmen, wie die BZgA sich das wünscht, darf bezweifelt werden.

Bei den Spenden führt die Charité – Universitätsmedizin Berlin als Entnahmeklinik die Liste an. Ganze 18 Personen waren es dort 2017. So will es der Zufall, dass auf dem Campus im Stadtteil Mitte ausgerechnet jetzt eine Ausstellung nicht nur über den Hirntod bis zu Organspenden, sondern auch rund um den „Scheintod“ informiert. Die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden, steht im Fokus der Schau im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, die einen Blick zurück auf 300 Jahre Wissenschaft wirft und somit des Pudels Kern der modernen Forschung trifft.

Dabei reichen die Exponate von vergleichsweise plausiblen Utensilien bis hin zu skurrilen Erfindungen. Dass in den von Christoph Wilhelm Hufeland initiierten ersten Leichenhäusern auf deutschem Boden schlicht die Verwesung eines Körpers abgewartet werden konnte, hatte der Arzt schon 1794 für Berlin durchgesetzt. Noch weit bis ins 18. Jahrhundert sollte etwa ein Handspiegel zeigen, ob das Glas noch vom Atem beschlug, oder ob ein mit Wasser gefülltes Trinkglas, das auf den Brustkorb gestellt wurde, noch für Bewegung sorgte. Abenteuerlicher gestaltete sich die Erforschung der Elektrizität am tierischen und menschlichen Körper: Was mit Experimenten an Froschschenkeln begann, führte die Gelehrten um 1800 bis zu Versuchen an Hingerichteten. Die beobachteten Zuckungen an toten Körpern ließen sie glauben, die lebenserhaltende Kraft sei eine elektrische, die noch nach dem Tod weiter existiert oder wieder geweckt werden kann – „Frankenstein“ lässt grüßen. Nachbauten einer Elektrisiermaschine und der sogenannten Voltasäule, Vorläufer der heutigen Batterie, zeugen von dem ungeheuren wissenschaftlichen Aufwand, der letztlich auch auf Wiederbelebungsversuche zielte. Wie etwa durch die Spanische Fliege, die zu Reizmitteln aller Art zählte. Särge mit Klingel-Sicherungssystemen sollten Scheintote vor ihrer Beerdigung bewahren. Doch wer ganz sichergehen wollte ordnete per Testament den radikalen Einsatz eines Herzstichmessers an. Der Puls der Zeit war somit garantiert beendet. Für die Erforschung des Hirntodes hingegen hat die Stunde erst geschlagen.

Carolina Heske