Import -

Interview mit dem Gesundheitsunternehmer Prof. Heinz Lohmann „Zu warten ist keine Option“

Innovationsfähigkeit der Medizin, demografische Entwicklung, Fachkräftemangel etc. Wohin treibt das Gesundheitssystem? Der Österreichische Gesundheitswirtschaftskongress geht dieser Frage nach. Er ist die österreichische Plattform der Zukunftsbranche Gesundheit.

Themenseiten: Personalentwicklung, Digitalisierung und Health&Care International

Am 13. März bringt Kongresspräsident Prof. Heinz Lohmann wieder Verantwortliche der Gesundheitsanbieter, aus den Unternehmen der Industrie, der Servicedienstleister, Finanzdienstleister und Fachberater, der Einrichtungen von Forschung und Lehre sowie der Krankenkassen und der Versicherungen in Wien zusammen. Das Branchenevent jährt sich damit zum elften Mal. HCM sprach mit Prof. Lohmann im Vorfeld über das Fachprogramm.

Herr Prof. Lohmann, welches Themenspektrum deckt der Kongress im Jahr 2019 ab?

Lohmann: Die wieder weit mehr als 400 Teilnehmer des 11. Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses werden alle relevanten Themen der Branche diskutieren. Das Spektrum reicht von der aktuellen Gesundheitspolitik über die Folgen der Digitalisierung bis hin zum dramatischen Personalmangel. Auf der Agenda stehen auch die verfehlte Spitalfinanzierung, die sektorübergreifenden Gesundheitsangebote, der Wandel in der ambulanten Medizin sowie auch das innovative Gesundheitsmarketing.

Wir erleben derzeit einen Umbruch in der Gesundheitswirtschaft. Auch die Rolle des Patienten verändert sich stark: Er emanzipiert sich. Ist er noch Patient oder ist er bereits schon Konsument? Und ist er der zentrale Treiber auf dem Gesundheitsmarkt?

Lohmann: Richtig. Der Patient wird auch schon ein wenig Konsument und damit zum Treiber auf dem Gesundheitsmarkt. Bisher galt „einweisen, zuweisen, überweisen“. Diese Begriffe sprechen eine verräterische Sprache. Da war keine aktive Rolle für den Patienten vorgesehen. Das wird sich in Zukunft ändern.

Wie bewerten Sie die zukünftige Bedeutung des Patientenerlebnisses?

Lohmann: Wie Patienten ihre Behandlung erleben, wird in Zukunft für die Bewertung der Leistung entscheidend sein. Schon heute können Patienten leichter an Informationen gelangen. „Dr. Google“ und das Internet machen es möglich. Das war vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar. Zudem haben wir bisher in der überwiegenden Zahl, nämlich der 70-Jährigen und Älteren, Kriegs- und unmittelbare Nachkriegsgenerationen behandelt, die mit Entbehrungen und Mangel aufgewachsen sind. Ihre Erwartungshaltung ist maßgeblich durch diese Erfahrung geprägt. Die künftig mehrheitlich auf die Gesundheitsanbieter zukommenden Menschen sind in den Zeiten des Wirtschaftswunders sozialisiert und seit der Jugend an eine aktive Konsumentenrolle gewohnt. Sie werden die Akteure in unserer Branche ganz anders herausfordern.

Stichwort Patientenzentrierung: Was erwarten die Patienten von den Leistungserbringern?

Lohmann: Krankenhäuser sind traditionell Expertenorganisationen. Grund dafür ist, dass der Gesundheitsmarkt bisher von der Anbieterseite dominiert wurde. Die Nachfrageseite hat praktisch keine Rolle gespielt. Solche Märkte sind fokussiert auf Institutionen. Medizin ist bisher an den vorhandenen Ressourcen ausgerichtet. Was da ist, wird eingesetzt. Das gilt für die Mitarbeiter, ihr Wissen und ihre Erfahrung sowie für die vorhandene Technik und die vorgefundenen Medizingeräte und Laborleistungen, aber auch für die Organisation. Daher ist die Behandlung überall verschieden und sogar am Samstag anders als am Montag. Das ist nicht länger akzeptabel. Patienten erwarten mehr und mehr ein stabiles Leistungsversprechen. Deshalb muss die Medizin jetzt „vom Kopf auf die Füße gestellt“ werden, um sie auf die Bedürfnisse der Patienten auszurichten.

Wie kann ein Gesundheitsunternehmen seine Leistungen auf die Bedürfnisse der Patienten ausrichten?

Lohmann: Der Fokus muss eindeutig auf die wachsenden Ansprüche der Patienten gerichtet werden. Das Patientenerlebnis muss ab sofort mehr als eine unverbindliche Floskel sein. Alle Beteiligten, Ärzte und Pflegekräfte, aber auch Manager und Techniker sind zur Aktion aufgerufen. Es gilt, die Behandlungsprozesse im Detail zu strukturieren und damit einem digitalen Workflow zugänglich zu machen.

Die Digitalisierung hat die Gesundheitswirtschaft erreicht. Wie schätzen Sie den aktuellen Stand ein?

Lohmann: Die Gesundheitswirtschaft ist bereits, wenn auch noch nicht von allen erkannt, in einem gewaltigen Transformationsprozess. Neue Player aus der digitalen Wirtschaft und damit aus ganz anderen Branchen sind auf dem Vormarsch. Sie kennen sich mit den Erwartungen von Konsumenten exzellent aus und sind in ihrem Denken den traditionellen Akteuren der Gesundheitswirtschaft weit überlegen. Die müssen sich jetzt sputen, sonst werden sie in den kommenden Jahren links und rechts überholt.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf das Patientenerlebnis aus?

Lohmann: Mit digitalen Workflows können einerseits die rarer werdenden Experten von Routinetätigkeiten aller Art entlastet und andererseits die Arbeitsabläufe stabilisiert werden. Darüber hinaus kann durch die Digitalisierung deutlich wissensbasierter gearbeitet werden. Für die Patienten bringt das erhebliche Vorteile.

In welchem Verhältnis stehen dabei Kosten und Nutzen? Rechnen sich Investitionen zur Optimierung des Patientenerlebnisses wirklich?

Lohmann: Strukturierte Prozesse, die die Qualität der Medizin und des Services erhöhen und damit das Patienten­erlebnis verbessern, wirken sich auch positiv auf die Produktivität aus. Das bisherige „Improvisationstheater“ bei den Abläufen der Gesundheitsanbieter ist ineffizient. Gezielte Investitionen zur Optimierung des Patientenerlebnisses rechnen sich. Ökonomie und Humanität sind hierbei kein Widerspruch.

In Wien wird u.a. auch über die zentrale staatliche Steuerung diskutiert werden. Reguliert die Politik aktuell zu viel? Wie kann ein Umdenken der Verantwortlichen aussehen? Und wie müssen die Verantwortlichen jetzt handeln?

Lohmann: Generell ist international die Neigung der Politik, regulierend in die Gesundheitswirtschaft einzugreifen, aktuell sehr groß. Allerdings verschiebt das Internet zurzeit gerade die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft und damit auch in unserer Branche.

Weil sie heute leichter an Informationen gelangen, werden Patienten auch immer mehr zu Konsumenten. Wie in anderen Märkten wird daher die Nachfrageseite bedeutender. Gleichzeitig strebt der Staat nach mehr Einfluss und verstärkt die zentralen Steuerungsinstrumente. Ob diese Ziele zusammenpassen, wollen wir mit Politikern in intensiven Diskussionen ausloten. Auf jeden Fall sind unternehmerische Manager gefordert, um die Spitäler auf den Paradigmenwechsel vorzubereiten. Patientenorientierung ist künftig ein absolutes Muss. Zuwarten ist angesichts der Herausforderungen keine Option mehr. In einer solchen Situation ist der Austausch aller Verantwortlichen zu aktuellen Themen des notwendigen Wandels in der Gesundheitswirtschaft ein zentraler Erfolgsfaktor.

Was wünschen Sie sich persönlich für den Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress?

Lohmann: Das Wichtigste für einen erfolgreichen Kongress ist eine offene Atmosphäre mit der Bereitschaft, um die besten Antworten auf die immensen Herausforderungen zu ringen. Ziel ist auch in diesem Jahr die Positionierung der Zukunftsbranche für die weitere gesellschaftliche Debatte. Wenn das 2019 gelingt, bin ich sehr glücklich.

Unterbeiträge zu diesem Artikel
© hcm-magazin.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen