Krankenhauseinkauf und Digitalisierung Zeit für die Hausaufgaben

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Digitalisierung und Einkauf

Weil er gesehen hat, dass die Diskussion um den Krankenhauseinkauf der Zukunft primär auf den Branchenkongressen und weniger von den Einkäufern selbst geführt wird, startete Stefan Krojer eine Befragung unter mehr als 80 Krankenhauseinkäufern. Sein Ziel: Herausfinden, wo die Entwicklung im Einkauf hingehen könnte.

Eine beispielhafte Roadmap für den Krankenhauseinkauf 4.0 von Stefan Krojer. – © Stefan Krojer/HCM

„Machen wir uns auf den Weg 2025. Krankenhauseinkauf 4.0“ lautet der Titel von Stefan Krojers Roadmap für den digitalen Krankenhauseinkauf. Der Leiter des Bereiches Wirtschaft und Versorgung am St.-Marien-Krankenhaus in Berlin hat sich mit Start 2017 eine digitale Marschrichtung vorgegeben; Details einzelner Meilensteine diskutierbar, das Ende noch offen. Aber die Schritte stehen fest, beginnend mit dem Einleiten digitaler Prozesse, einer flächendeckenden Struktur und digitalem Stammdatenmanagement. Für Krojer ist klar: „Wenn der Einkäufer, Einkaufsgemeinschaften und Lieferanten in der digitalen Transformation mitgehen möchten – und das sollten sie – dann müssen sie jetzt ihre Hausaufgaben machen.“ Was das konkret bedeutet, hat Krojer in seiner in der zweiten Jahreshälfte 2017 durchgeführten Studie „Zukunft Krankenhaus-Einkauf 2025“ ( www.zukunft-krankenhaus-einkauf.de/studie) in Kollegenbefragungen untersucht. Beteiligt haben sich 86 Teilnehmer, knapp drei Viertel aus dem Klinikumfeld.

An den Ergebnissen erkennt Krojer Trends, wie jene, dass Internet der Dinge im Einkauf Einzug hält, dass die Standardisierung von Daten aus Sicht der Praktiker eine Grundlage des digitalen Fortschritts darstellt und dass Einkäufer ihr Wissen zu Lieferanten, Produkten und Ansprechpartnern in Realtime immer mehr über soziale Netzwerke abgreifen werden. Damit ist nicht die Facebookgruppe gemeint, sondern vielmehr ein professionelles Netzwerk wie der Sales-Navigator von LinkedIn oder Procurious, ein weltweites Einkäufernetzwerk. Kurz gesagt, Social Buying wird Einzug halten.

Was nach Krojers Einschätzung ebenfalls kommen wird: Cognitive Procurement (CP). In seiner Roadmap in etwa um 2023. Und zwar in Form von künstlicher Intelligenz, die sämtliche Daten interpretiert und darauf basierend auto­matisch Vorschläge für Warengruppen herausgibt und Vertragsmuster sowie Konditionsmodelle erstellt. Auf all diese Trends gilt es für den Einkauf, sich intensiv vorzubereiten.

Wenn auch nicht repräsentativ, so hat Krojers Studie noch eine weitere Erkenntnis gebracht: Wie der Einkauf seine zukünfitg nötigen Skills einschätzt. Der Einkäufer sollte v.a. ein

  • Prozessdenker mit Fachwissen,
  • Schnittstellenmanager,
  • Problemlöser mit Veränderungskompetenz und
  • Datenanalyst sein.

„Nur mit diesen Fähigkeiten kann er in der Lage bleiben, für die Geschäftsleitung ein verlässlicher Partner, für die Chefärzte ein kompetenter Ansprechpartner und konstruktiver Verhandlungspartner für die ­Stakeholder zu sein“, sagt Krojer.

Auch interessant: Die Einschätzung der Befragten zur zukünftigen Rolle der Einkaufsgenossenschaften und Lieferanten: Lieferanten werden demnach zu strategischen Partnern, die v.a. durch Betreibermodelle, Innovationscoaching und Softwarelösungen unterstützen und damit beim Erreichen von Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitszielen helfen. Krojer denkt noch etwas weiter: „Es könnte sogar so weit gehen, dass Kliniken mit Lieferanten Start-ups gründen. Denn Krankenhaus und Lieferanten beurteilen Produkte und Prozesse gemeinsam und lernen voneinander.“ Den Einkaufsgemeinschaften stehen aus Einkäufersicht Konsolidierungen bevor. Im Jahr 2025 könnten zwei große Einkaufsgemeinschaften den Markt dominieren. Ihre von der Basis geforderten Eigenschaften: Der Auftritt als Komplettanbieter, der strategischen und operativen Einkauf sowie Logistik und passende IT-Lösungen anbietet.

Was die Wissenschaft zu diesen Einschätzungen sagt, hat HCM im Gespräch mit Univ.-Prof. Wilfried von Eiff hinterfragt. Das Interview finden Sie in der kommenden Ausgabe. bf

Monitoring des Beschaffungsmanagements

Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff analysiert und erklärt in seinem Buch „Monitoring des Beschaffungsmanagements im Krankenhaus“ das Entscheidungsverfahren im Beschaffungsbereich im Krankenhaus auf der Grundlage verschiedener empirischer Studien. Inhalt ist auch die Langfassung des Interviews mit HCM-Redakteurin Bianca Flachenecker zum Krankenhauseinkauf der Zukunft. www.holzmann-medienshop.de

HCM hat bei den bekannten Einkaufsgemeinschaften nach deren Einschätzung zum Krankenhauseinkauf der Zukunft und ihrer Rolle darin gefragt. Antworten kamen von Adelheid Jakobs-Schäfer, Generalbevollmächtigte Einkauf und Logistik bei Sana, Dr. Frank Obbelode, Geschäftsführer der EK-UNICO, und Anton J. Schmidt, Vorstandsvorsitzender der P.E.G.

1/ Wie kann sich der Einkauf für die Digitalisierung rüsten?

Schmidt: Die Beschaffungsprozesse sind transparent darzustellen und wenn notwendig zu verbessern. Es gilt das Primat der Bedarfsorientierung. Alle Mitarbeiter sind eng ins Umdenken einzubeziehen.

Jakobs-Schäfer: Ich sehe zwei Ansatzpunkte: die korrekte Aufstellung des Stammdatenmanagements und ein effektives Wissensmanagement.

Obbelode: Sauberes Stammdatenmanagement ist oberstes Gebot. Es muss ganzheitliche Systeme geben, in die alle Häuser ihre Daten importieren. Das ist ein wichtiger Erfolgsfaktor.

2/ Wie gehen dem die Einkaufsgemeinschaften entgegen?

Jakobs-Schäfer: Wir haben für den Sana Klinik Einkauf verschiedene Themen im Fokus, d.h., Stammdaten und Branchenstandards zügig aufarbeiten, strategische Herausforderungen im Content und im Wissensmanagement bearbeiten und Kennzahlen mit Routinedaten erstellen.

Schmidt: Professionelle Einkaufsgenossenschaften beraten und begleiten ihre Anteilseigner in allen Beschaffungsfragestellungen, die Digitalisierung ist hier ein Bereich unter vielen anderen. Wichtig dabei ist die Nachhaltigkeit, d.h., die Veränderungsprozesse mittelfristig zu begleiten.

Obbelode: Wir arbeiten an einer gemeinsamen Datenbank aller unserer Kunden, die zum gegenseitigen Vergleich transparent nutzbar ist. Außerdem muss die Gemeinschaft als Betreuer und Kompetenzzentrum auftreten.

3/ Wann wird der Krankenhauseinkauf digital sein und was bedeutet dann digital?

Obbelode: Der Prozess geht sehr zäh vonstatten, denn der Langsamste bestimmt das Tempo, in den nächsten fünf Jahren wird nichts passieren. Doch der Druck von allen Seiten ist wahrnehmbar.

Schmidt: Die Hightechstrategie der Bundesregierung und insbesondere die Digitalisierungsoffensive des Bundesministeriums für Gesundheit werden die Entwicklung sicher beschleunigen. Entscheidend wird aber sein, die Chancen dieser Veränderung positiv erlebbar zu vermitteln. Ohne ambitionierte Menschen wird es zumindest länger dauern, im Worst Case sogar scheitern.

Jakobs-Schäfer: Digital heißt dabei automatische Disposition, vollständige Verbrauchssteuerung über Kennzahlen und Reports, Vernetzung mit ­Leistungskennzahlen, vollständige Abbildung der Supply-Chain bis hin zur ­Qualitätssicherung von Registern und der elektronischen Patientenakte.

Die Fragen stellte Bianca Flachenecker.