DGFM -

Risikomanagement Wirksam: Klare Sprachkultur

Stress und Hektik im Klinikalltag sind oft die Ursachen für mangelnde Aufmerksamkeit und in der Folge die Ursache für vermeidbare Fehler.

Themenseite: DGFM

Neben der hohen Arbeitsbelastung ist ein Teil dieser Hektik auch auf selbstgemachten Druck zurückzuführen, der schon durch die Sprachstruktur verursacht werden kann. Im Folgenden wird anhand einiger Beispiele gezeigt, wie diesem Aspekt von Hektik und damit einer wichtigen Fehlerquelle wirksam vorgebeugt werden kann.
In den Organisationen des Gesundheitswesens ist Risikomanagement zu einem etablierten Instrument geworden. Das am 26. Februar 2013 verabschiedete Patientenrechtegesetz stärkt die Bedeutung des Risikomanagements und Critical Incident Reporting Systems (CIRS). Hinzu kommt, dass die derzeit immer noch vorherrschende Fehlerkultur im Gesundheitswesen durch die „Culture of Blame“ geprägt ist. Die Suche nach dem Schuldigen postuliert die Vertuschung, anstatt nach der Ursache zu fragen. Zukünftig, so fordert das Patientenrechtegesetz, soll ein konstruktiver Umgang mit Fehlern erlernt werden.
Die erste Stufe des CIRS ist das unerwünschte Ereignis. Es wird als ein schädliches Vorkommnis bezeichnet, das eher auf einer Behandlung denn auf der Erkrankung beruht. Bereits in dieser ersten Stufe können zwischen 50 und 60 Prozent der unerwünschten Ereignisse durch bessere Organisation, höhere Aufmerksamkeit und wirkungsvollere Kommunikation vermieden werden.

Reorganisation und Prozessoptimierung stehen auf beinahe jeder Agenda des Managements. Kommunikationsschulungen und Konfliktmanagement finden sich in den Institutionen in unterschiedlicher Weise wieder. Dennoch: Es zeigen sich Fehler, die oft ihren Ursprung in der Kommunikation und Aufmerksamkeit haben.

Beobachtungen ergeben, dass die Ressource Zeit den Arbeitsalltag dominiert. Auch unsere Sprache zeigt das. Mit der Struktur der Sprache senden wir Inhalt und eine eigene Botschaft. Sie hat Wirkung auf den Sprecher und den Hörer. In unserem Grundwortschatz sind Wörter wie „hetzen“, „jagen“, „schnell“ und „müssen“ fest verankert. Bei der Sprachformulierung des „schnell“ ist gleichzeitig auch ein „muss“ dabei. Jeder kennt Sätze wie: „Ich muss zur Visite, vorher muss ich noch schnell den Patienten in den OP bringen.“ Oder: „Ich muss Visite machen, vorher muss ich noch schnell den Entlassbrief schreiben. Dann muss ich schnell Herrn Meier anrufen.“ Hören Sie und fühlen Sie sich in die Sätze ein. Diese Sätze implizieren Hektik und Zeitmangel. Die Aufmerksamkeit ist auf die Zukunft orientiert. Sie ist nicht im Hier und Jetzt.

Wie gelingt es, Geruhsamkeit in den Arbeitsalltag zu bringen, und wie gelingt es, die Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt zu erhalten? Der sprachkonzeptionelle Ansatz ist die Wandlung unserer ge­speicherten Sprachmuster. Das erste ­Beispiel wird gewandelt in: „Ich werde Herrn Meier in den OP bringen. Dann werde ich mit Dr. Müller Visite machen.“ Das zweite Beispiel wird gewandelt „Ich rufe jetzt Herrn X an. Danach werde ich den Entlassbrief diktieren. Dann werde ich die Visite machen.“

Als Element der sprachlichen Wandlung wurde das Futur eingesetzt. Das Futur strukturiert den zeitlichen Ablauf der Handlung und die Reihenfolge der Aufgaben. Es zeigt die klar strukturierte Folge der Handlung. Das Futur schenkt Zeit.

Auch gehört in den heutigen Sprachjargon das Wort „Stress“. Zu dieser Wortspeicherung gehören Worte und Redewendungen wie „Endspurt“, „jetzt aber fix“, „rasch“, „loslegen“, „Druck“, „durchpeitschen“, „durchfliegen“ und andere. Ein Gang durch eine Klinik kann zum wahrhaftigen Stress werden. Die Resonanz aus den Aussagen wie „Ich bin gestresst!“, „So ein Stress!“ und anderen strahlt aus und erfasst die Umgebung. Sie wirkt auf den Sprecher selbst und auf den Hörer. Bin ich noch nicht gestresst, so werde ich es nach zahlreichen Rückmeldungen auf meinem Gang durch das Klinikum sein. Mit dem Wissen um die Wirkung der Resonanz ist es für Institutionen wichtig, neue positive Resonanzen zu entwickeln.

Es lohnt sich, die eigene Sprach- und Kommunikationsstruktur sowie deren Wirkung bewusst wahrzunehmen. Mit gezielten, minimalen Änderungen in unserer Sprachstruktur kann es gelingen, Ruhe, Struktur und damit auch Aufmerksamkeit in den Arbeitsalltag zu bringen.

Ein Literaturtipp dazu ist das Buch „Meine Sprache und ich“ von Dr. Theodor von Stockert, Lingva Eterna Verlag.

Dr. Zenobia Frosch und Prof. Dr. Hans-Joachim Flocke, beide FOM Hochschule, Essen

© hcm-magazin.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen