Import -

Moderne Dienstplanung „Wir haben über den Zaun geblickt“

Andrea Albrecht ist Pflegedirektorin im Lukaskrankenhaus GmbH der Städtischen Kliniken Neuss. Anfang des Jahres wurde sie für ihre herausragenden Leistungen in der Pflege vom Bundesverband Pflegemanagement und der Springer Pflege als Pflegemanagerin 2019 ausgezeichnet.

Themenseite: Auszeichnungen & Awards

Eines ihrer Projekte ist ein neues Flexpool-System in der Personalplanung. Zwei Jahre lang hat sie den Flexpool optimiert, der aus Mitarbeitern besteht, die angeben, in welcher Schicht sie arbeiten wollen, und so flexibel auf unterschiedlichen Stationen eingesetzt werden können.

Frau Albrecht, welche Über­legungen standen der Einführung Ihres Flexpools voran?

Ich wollte den Teufelskreislauf durchbrechen, dass Mitarbeiter, die frei haben, einspringen müssen, weil drei Kollegen auf der Station krank sind. Die Frage war, wie man so etwas kompensieren kann. Der Pool ist die Lösung.

Und wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ich war schon immer auf der Suche nach einem guten Ausfallmanagement. Vor ein paar Jahren bin ich mit einem niederländischen Kollegen in Kontakt gekommen. Dort arbeiten sie schon sehr lange mit solchen Pools. Die Kliniken und Arztpraxen sind in Holland anders organisiert. Es gibt Pools mit bis zu mehreren 100 Mitarbeitern. Das habe ich mir vor Ort angesehen. So ist die Idee entstanden.

Bei der Konzeption wurden Sie von Ihren niederländischen Kollegen beraten. Stehen Sie noch in Kontakt?

Ja, darüber sind tiefergehende Arbeitsbeziehungen entstanden. Kürzlich waren wieder zwei meiner Mitarbeiter, die den Pool mitkoordinieren, in den Niederlanden. Wir haben uns u.a. elektronische Programme zur Unterstützung angesehen. Die Mitarbeiter können über eine App Einfluss auf ihren Dienstplan und ihre Arbeitszeitgestaltung nehmen, sich einbuchen und gefiltert werden. So etwas habe ich für Deutschland noch nicht gefunden.

Wie wird das System in der Praxis angenommen?

Von den Mitarbeitern auf den Stationen wird das Pool-Konzept geliebt, von den Mitarbeitern, die in dem Flexpool tätig sind, auch. Deren Hauptintension, in diesen Pool zu gehen, ist, so zu arbeiten wie sie möchten. Dazu zählen Väter und Mütter, aber auch Studierende oder Mitarbeiter mit bestimmten sportlichen Verpflichtungen.

Ist der Pool vollständig aus­geschöpft bzw. sehen Sie noch ­Verbesserungspotenzial?

Wir haben mittlerweile insgesamt 45 Stellen des Flexpools von außen besetzt. Das sind examinierte Pflegekräfte. Unser Ziel ist es, dieses Jahr insgesamt 60 Mitarbeiter in den Pool aufzunehmen. Inzwischen sind auch medizinische Fachangestellte und Servicekräfte dabei. Das finde ich schon ziemlich nah am Optimum. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, die Stellen von Mitarbeitern, die im Urlaub sind oder wegen Fortbildungen ausfallen, auch zu kompensieren. So kann letztendlich die Anzahl der Mitarbeiter auf den Stationen abgesenkt und noch mehr über den Pool gesteuert werden.

Sie setzen sich ja auch für die Weiterentwicklung der Pflegeaus­bildung ein. Was sind hierbei Ihre nächsten Ziele?

Wir bieten schon jetzt dem einen oder anderen Pflegestudenten eine Perspektive an, indem wir die ausgebildeten, meistens Bachelorabsolventen, bei uns einsetzen. Als Nächstes wollen wir mit einer Hochschule in der Region das Pflegestudium verorten. Das heißt, wir wollen eine duale Ausbildung über vier Jahre anbieten, so dass wir Pflegestudierte bei uns in der Region haben.

Sehen Sie die Chance, so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken?

Ja. Ich hoffe, dass wir damit auch junge Menschen erreichen, für die vielleicht auch aus Qualifikations­gründen der Pflegeberuf heute nicht so attraktiv ist. Untersuchungen belegen, dass 80 Prozent der Schulabgänger im Jahr 2023 eine Qualifikation für ein Studium haben werden. Es ist davon auszugehen, dass diese nach einer beruflichen Perspektive suchen. Jedoch verlieren wir sie durch das bisherige Modell. Der Pflegeberuf hat heute eine andere Stellung in der Gesellschaft als noch vor 20 Jahren. Das heißt, immer weniger Menschen interessieren sich für diesen Beruf. Und das in Zeiten, in denen weniger Menschen geboren werden. Das führt dazu, dass wir sowieso auf einen Mangel zusteuern. Mithilfe des dualen Studiums hoffe ich, dass wir mehr Menschen ansprechen. Aber den Mangel werden wir damit nicht ausgleichen können. Weil der deutsche Markt quasi leergefegt ist, fahren ja auch viele meiner Kollegen in Drittstaaten, um dort Fachkräfte zu gewinnen. Aber auch das ist schwierig, weil Deutschland nicht unbedingt der attraktivste Markt für Fachkräfte aus anderen Ländern ist.

Also noch ein Grund, warum ein flexibles Personalmanagement, wie Sie es eingeführt haben, so wichtig ist?

Ja so ist es. Weil wir damit die ansprechen, die schon im Beruf sind und die auch bleiben wollen. Wir sollten und dürfen die nicht verlieren, die gerne in ihrem Beruf arbeiten wollen, aber – weil sie sich z.B. um Familienangehörige kümmern – nicht so flexibel sind,weil für sie die Dienstzeiten so unattraktiv sind.

Was benötigt ein flexibles Personalmanagement Ihrer Meinung nach?

Die Systeme in vielen Krankenhäusern sind sehr statisch und starr und noch sehr durch das bisherige Arbeitsverhalten der Menschen geprägt. Das war eben früher so. Und in Zeiten, in denen es genügend Fachkräfte gab, hatte das ja auch seine Berechtigung. Heute kann es sich ein Arbeitgeber aber nicht mehr leisten, Mitarbeiter durch unflexible Modelle zu verlieren. Das trifft überhaupt nicht mehr den Zeitgeist. Die Antwort findet sich in einem modernen Management, einer modernen Personalplanung. Den Pool, den wir eingeführt haben, können andere ja auch adaptieren. Es waren bei uns ja auch schon Kollegen von anderen Kliniken, die sich den Flexpool angesehen haben.

Das heißt, Sie sind in der Vor­reiterrolle?

Albrecht: (lacht) Erstaunlicherweise ja. Ich wundere mich dann immer, warum das andere nicht auch so machen. Es ist ja keine so ungewöhnliche Idee. Aber offensichtlich schon.

© hcm-magazin.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen