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Teil 3 der HCM-Umfrage-Serie zur Bundestagswahl „Wir brauchen eine neue Innovationskultur“

Endspurt im Bundestagswahlkampf: Nach TV-Duell, „Wahl-Arenen“ und „Klartext“-Sendungen äußerten sich Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz doch noch vor Fernsehkameras zu Gesundheit, Medizin und Pflege. Jetzt endet auch die HCM-Serie mit Statements renommierter Akteure aus der Branche.

„Von der nächsten Bundesregierung erwarte ich weitere Schritte zur Überwindung der Sektorengrenzen und eine breit angelegte Qualitätsoffensive. Wichtig wird auch sein, dem Präventionsgesetz aus dieser Legislaturperiode weitere Schritte folgen zu lassen. Die Prävention muss eine echte 4. Säule im Gesundheitssystem werden“, fordert Ulf Fink, Gesundheitssenator a.D. und Vorstandsvorsitzender von Gesundheitsstadt Berlin e.V..

„Massive Verbesserung der sektorübergreifenden Versorgung“

Ähnlich äußert sich Finks Ehefrau Dr. Ingrid Völker: „Das dringlichste Ziel für die nächste Legislaturperiode ist eine massive Verbesserung der sektorübergreifenden Versorgung. Das haben ja auch alle großen Parteien auf ihre Agenda gesetzt, ebenfalls der Sachverständigenrat. Besonders wichtig ist weiter, dass Digitalisierung endlich in der Praxis umgesetzt wird, denn Deutschland ist dabei international bereits in Rückstand geraten, wie die Kanzlerin zu Recht kritisiert hat.“ Die WISO-Geschäftsführerin und Kongressveranstalterin hält ebenfalls eine Stärkung der nichtärztlichen Berufe für dringend notwendig, „denn das Gesundheitswesen benötigt einen anderen Skillmix und eine andere Arbeitsteilung bei der medizinischen Versorgung und der Pflege. Und: Uns fehlen heute die Institutionen und Aktivitäten, die die Translation im Gesundheitswesen gezielt stärken. Wir brauchen eine neue Innovationskultur.“

Weniger Modellprojekte, mehr messbare Maßnahmen

Auch Prof. Dr. Björn Maier setzt auf zwei dieser Schwerpunkte. „Von der neuen Bundesregierung würde ich mir wünschen, dass Sie v.a. das Thema der Versorgung über die Sektorgrenzen hinweg angeht. Dabei geht es natürlich einerseits darum, den Menschen in den Mittelpunkt des Handelns zu stellen, andererseits aber auch darum, den Beteiligten Stakeholdern – niedergelassene Ärzte, Kliniken, Reha-/Pflegeeinrichtungen – die Möglichkeit zu geben, dies zu tun.“ Für den Diplom-Kaufmann und Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Vereins für Krankenhaus-Controlling (DVKC) heißt das: „Organisations- und Abrechnungsstrukturen schaffen, die dies auch entsprechend vergüten und auch die technischen Strukturen fördern, die uns erlauben, alle Möglichkeiten zum Wohle der Patienten und Mitarbeiter zu nutzen. Das bedeutet konkret auch die Digitalisierung im Gesundheitsbereich voranzubringen. Der Fokus sollte auf in der Fläche umsetzbare und konkret messbare Maßnahmen der Versorgung liegen, nicht auf Modellprojekten.“

„Wir erwarten ein klares Bekenntnis der Politik zur gemeinsamen Selbstverwaltung“

Versorgungsstrukturen stellt ebenfalls der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in den Vordergrund. „Oberstes Ziel muss die Anpassung der Versorgungsstrukturen an den Bedarf der Bevölkerung sein – Stichworte demografischer Wandel und Ambulantisierung der Medizin. Dazu gehört vor allem eine bessere Zusammenarbeit der Sektoren, sowohl fachlich als auch in Bezug auf die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur“, so Dr. Andreas Gassen. Einer besseren Kooperation bedarf es für ihn auch bei der Notfallversorgung: „Hierfür werden wir ein Konzept vorlegen, das dem Patienten multimedial die passenden Informationen vermittelt, wo die richtige Anlaufstelle für ihn ist. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens wird ebenfalls eine Rolle spielen. Auch sie muss weiter ausgebaut und gefördert werden. Last but not least erwarten wir ein klares Bekenntnis der Politik zur gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Psychotherapeuten, Zahnärzten und Krankenkassen. Sie stellt ein prägendes und bewährtes Element unseres Gesundheitswesens dar, das nicht weiter geschwächt werden darf.“

Notfall Notfallversorgung

Georg Baum knüpft an: „Die neue Bundesregierung muss sich zuerst dem Thema Notfallversorgung widmen. Es kann nicht weiterhin sein, dass die Krankenhäuser Ausfallbürge für die kassenärztliche Vereinigung sind und zugleich mit einer Milliarde Defizite im Jahr belastet werden. Hier muss angesetzt und nachgebessert werden“, fordert der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). „Die zweite große Baustelle wird das Thema Fachkräftemangel sein. Wir brauchen mehr Menschen in der Pflege, aber das wird nur gelingen, wenn der Beruf attraktiver wird, auch durch die Entbürokratisierung. Mehr Personal muss aber auch finanziert werden. Deshalb braucht es die volle Tarifausfinanzierung.“ Zudem erwartet die DKG, dass sich die Bundesregierung auch der Themen Investitionskosten und Digitalisierung annimmt: „Das Schwarze Peter-Spiel zwischen Land und Bund muss hier endlich ein Ende haben“, kritisiert Baum, „denn attraktive Arbeitsplätze beginnen auch bei baulichen Rahmenbedingungen. Es gibt also viel zu tun.“

Das gesamte „Continuum of Care“ in den Fokus nehmen

Dazu greift der Univ.-Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff auf: „Dringend reformbedürftig ist die Organisation der Notfallversorgung in Verbindung mit einer leistungsgerechten Vergütung von Notfallbehandlungen. Die bisherige Organisation der Notfallversorgung hat die Qualitätsgrenzen der Kassenärztlichen Vereinigung bei der Wahrnehmung des Sicherstellungsauftrags offenbart und Fehlanreize durch eine mangelhafte Vergütung bewirkt. Mancherorts ist die Abstimmung zwischen dem vertragsärztlichen und dem akutstationären Bereich aus Patientensicht eine Katastrophe.“ Ein zentrales Zukunftsanliegen sei die Digitalisierung des Medizinbetriebs. „Hier sollte die Bundesregierung ein Investitionsprogramm auflegen und in Zusammenarbeit mit der Selbstverwaltung die Implementierung eines Rahmenkonzepts vorantreiben, das das gesamte ‚Continuum of Care’ in den Fokus nimmt“, so von Eiff.

Zu den weiteren Punkten, die die neue Regierung dringend anpacken müsse, zählt der Management-Fachmann auch: „Das Anreiz- und Vergütungssystem muss in Zukunft den Möglichkeiten der ‚Precision Medicine’ Rechnung tragen und es sind sogenannte ‚Theragnostische Vergütungsansätze’ zu entwickeln. Dabei gewinnt die wertorientierte Vergütung an Bedeutung: medizinische Qualität, Service-, Indikations-, Prozess- und Strukturqualität werden zur Vergütungsbewertung herangezogen.“ Dringend anzugehen sei ebenso das Problem der verbesserungsbedürftigen Arbeitsbedingungen sowie der verantwortungsgerechten Entlohnung von Pflegekräften und Ärzten. Sowie: „Auch der Ansatz der populationsorientierten Versorgung sollte weiter forciert werden.“

Forderung nach einer „Stiftung Gesundheitstest“

Und dann war da noch eine Zielgruppe … „Nicht mehr alle Patienten lassen sich widerspruchslos ‚überweisen’, ‚zuweisen’ oder ‚einweisen’. Sie wollen vielmehr an den sie betreffenden Entscheidungen mitwirken“, appelliert der Vorsitzende der Initiative Gesundheitswirtschaft, Prof. Heinz Lohmann. Hintergrund sei die sich mit Hilfe des Internets ein klein wenig lichtende Intransparenz. „Damit verliert die aus der Wissensasymmetrie in der Vergangenheit erwachsene Dominanz der Experten ganz langsam an Bedeutung. Patienten, die auch Konsumenten werden, sind weit mächtigere Treiber als alle öffentlichen Planungsinstrumente zusammen. Innovative Politiker sind also gut beraten, diesen Trend nachhaltig zu unterstützen“, sagt der Gesundheitsunternehmer. Und: „Die Initiierung der von der Initiative Gesundheitswirtschaft geforderte ‚Stiftung Gesundheitstest’ nach dem Muster der Stiftung Warentest gehört deshalb ganz oben auf die politische Agenda.“

Weitere Statements der HCM-Wahl-Umfrage finden Sie im ersten Teil als Gesamtüberblick und im zweiten Teil speziell zur Pflege.

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