Import -

Fachtagung Technik im Gesundheitswesen Wir brauchen eine Fortschrittskultur

Ist das deutsche Gesundheitswesen tatsächlich eine Krise mit Zukunft? Wir sollten uns nicht länger mit unseren Bedenken, Ängsten, einer praxisfernen Überreglementierung und unserer Entscheidungsunfähigkeit im Weg stehen und öfter die Menschen im Krankenhaus selbst fragen, wie es besser laufen könnte, fordern die FKT-Präsidenten Horst Träger und Wolfgang Siewert.

Topic channels: Einrichtung & Ausstattung und FKT

Was brauchen unsere Kranken­häuser im Moment am dringendsten?

Träger: Zeit ist das Wichtigste, was wir brauchen. Die zunehmende Verknappung dieses Faktors hat sehr negative Auswirkungen auf den Klinikbetrieb. Die Motivation sinkt, das Sicherheitsrisiko durch Flüchtigkeitsfehler steigt. Es gibt mehr Stress, mehr Burn-out, mehr Mitarbeiter, die in den Krankenstand gehen. Das schwächt die Leistungsfähigkeit der Einrichtung. Eine Klinik, die überleben will, muss nicht nur profitabel sein, sondern auch Ergebnisqualität liefern.

Siewert: Gelöst werden kann das Dilemma des Zeitdrucks nur mit mehr Personal, und zwar in allen Bereichen. Krankenhäuser müssen wieder zu attraktiven Arbeitgebern werden. Dazu muss zuallererst natürlich die Bezahlung stimmen. Flexible Arbeitszeitmodelle, angenehmes Arbeitsumfeld und v.a. eine wertschätzende Unternehmenskultur sollten das Gesundheitswesen zusätzlich zu Personalmagneten machen. Technik muss darauf abzielen, das wenige zur Verfügung stehende Personal, wo immer möglich, zu ersetzen und zu entlasten. Bei alledem muss Technik verständlich und bedienbar bleiben und letztendlich ja auch gewartet und instandgehalten werden. Viel mehr als bisher werden diese Aufgaben künftig wohl outgesourct. Dem Krankenhaus fehlt das entsprechend qualifizierte Personal.

Wird das Geld, das dem System verfügbar ist, bestmöglich genutzt?

Siewert: Mein Nein als Antwort auf diese Frage ergibt sich aus zuvor Gesagtem. Dazu kommt, dass die meisten Häuser nach dem Motto außen hui, innen pfui agieren. In werbewirksamen Pilotprojekten wird nach außen das Krankenhaus 4.0 demonstriert, während die Infrastruktur hinter den Kulissen auf dem Stand von –4.0 verharrt und irgendwie weiter am Laufen gehalten wird. Was man nicht sieht, wird nicht aufpoliert. Mit dieser Investitionspolitik fahren wir das Gesundheitswesen an die Wand. Geschäftsführer mit Drei- oder Fünf-Jahres-Verträgen haben kein Interesse, den Fortbestand ihrer Häuser langfristig zu sichern.

Träger: Aus Sicht der Technik wird das verfügbare Geld nicht bestmöglich genutzt, obwohl sich Deutschland eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt leistet. Im vergangenen Jahr dürften bei uns fast 360 Milliarden Euro an Gesundheitsausgaben angefallen sein. Es werden OP-Roboter angeschafft; OPs verlaufen besser durch den Einsatz von robotischer Assistenz, jedoch wird die dafür notwendige Infrastruktur nicht betrachtet. „Das Krankenhaus ist wie das gesamte Gesundheitswesen eine Krise mit Zukunft“, urteilt Wulf-Diet­rich Leber, Leiter der Abteilung Krankenhäuser beim GKV-Spitzenverband. Dass etwas geschehen muss, da sind wir uns alle einig. Kliniken sind keine Wirtschaftsbetriebe. Die Herausforderungen werden weiter wachsen, u.a. durch den technischen Fortschritt, den Fachkräftemangel und durch die Alterung der Gesellschaft.

Was wäre für Sie echter Fortschritt im Gesundheitswesen?

Träger: Die weitere Entwicklung von einfachen Kommunikationsanwendungen und Apps, die Patienten beim täglichen Streben nach einer besseren Gesundheit oder bei der Genesung unterstützen. Allerdings stehen derartige Innovationen im Gesundheitswesen im Spannungsfeld verschiedener politischer Ziele: Datenschutz, immer neue Regelwerke, Kosten, die Personalsituation und das Fehlen notweniger technischer Strukturen kommen uns immer wieder in die Quere und verhindern Fortschritt. Innovative Lösungen sollten zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung, einer langfristigen Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems und – analog zu anderen Wirtschaftsbereichen – auch zu wirtschaftlichem Wachstum beitragen. Dies stellt die beteiligten Akteure vor erhebliche Herausforderungen. Jedoch darf der Fortschritt nicht an den Strukturen des Systems scheitern. Im Augenblick stehen wir uns mit unseren Bedenken, Ängsten bis hin zu Technikfeindlichkeit und einem realitätsfernen Regelwerk immer wieder selbst im Weg.

Siewert: Echter Fortschritt wäre auch, Krankheiten schneller erkennen und heilen zu können – durch bessere Analysemethoden und Therapien. Das Erforschen des Weltraumes und Planeten ist sicherlich wichtig, aber auch das Fortbestehen der „Erdbewohner“ sollte nicht vergessen werden. Statt rein wirtschaftliche müssen wir im Gesundheitswesen wieder verstärkt humanitäre Aspekte berücksichtigen. Zudem müssen wir Organisations­strukturen und Technologien entwickeln, die es Ärzten und Pflegern ermöglichen, wieder ganz für die Patienten da zu sein. Vor allem müssen wir sie von administrativen Aufgaben entlasten, d.h. der Patient steht wieder im Mittelpunkt, nicht der eigene Egoismus (ich bin für das Krankenhaus da, nicht umgekehrt), wie in der derzeitigen Politik.

Was wäre erforderlich, um nützliche Technologien schneller in die Krankenhäuser zu bringen?

Siewert: Viel stärker als bisher sollten wir das Wissen und die Ideen der Mitarbeiter selbst nutzen. Viele Geräte in unseren Krankenhäusern sind so komplex, dass sie gar nicht mehr oder nur ein kleiner Teil der zur Verfügung stehenden Features genutzt werden. Nicht alles, was schick und hipp ist, hilft im Alltag weiter.

Träger: Wir benötigen im deutschen Gesundheitswesen eine „Fortschrittskultur“, die sich an den Mitarbeiter-/Patientenbedürfnissen orientiert. Dazu fällt mir als aktuelles Beispiel die enorme Bürokratisierung durch die neue Medical Device Regulation ein. Diese erschwert den zeitnahen Zugang zu modernen Medizintechnologien. Wir müssen uns verabschieden von dieser in allen Bereichen hinderlichen Überreglementierung. Stattdessen sollten wir neue Technologien mit den Menschen planen und einführen, die sie später anwenden, und einfach auch mal machen. Dem Gesundheitswesen fehlen Menschen mit Rückgrat und Mut zu nach vorne gerichteten Entscheidungen.

Der Gesundheitsbetrieb hängt immer mehr von Technik ab, die Bedeutung der Technik im Gefüge Krankenhaus wird jedoch zunehmend verkannt? Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch und was könnte man tun, um das zu einem Gleichgewicht zu bringen?

Träger: Die Frage ist doch: Ermöglicht mehr Technik zwangsläufig eine bessere Arbeit? In der Mensch-Maschine-Interaktion wird diese Diskussion immer ausgeblendet. Letztlich haben diese Rationalisierungen soziale Dynamiken zur Folge, wie sie auch charakteristisch für die Industrie sind. Neue Technologien werden am grünen Tisch entwickelt. Sie sind nicht ganz falsch, aber oft fehlen am Ende die entscheidenden 20 Prozent, um sie zu wirklich sinnvollen Anwendungen zu machen. Hier braucht es mehr Austausch zwischen Entwicklern und Anwendern. Viele Fragen sind aus meiner Sicht zudem offen, etwa: Was bewirken die Standardisierungsprozesse durch neue Technologien? Wie verändern sich die Arbeitsroutinen in Raum und Zeit, wie die Berufsbilder auch im Gesamtkontext der Medizin?

Siewert: Die Krux für uns ist dabei: Wenn alles läuft, wird die Technik als selbstverständlich und easy wahrgenommen, wenn sie nicht läuft, ist der Technikmanager der Schuldige, der es nicht hinkriegt. Das erzeugt einen schwierigen Stand. Dazu kommt: Vielen Menschen macht Technik, die sie nicht mehr durchschauen, Angst. Die mit der Digitalisierung einhergehenden Verbänderungen erzeugen enorme Unsicherheiten. Hier ist es wohl an uns Technikern, diese Ängste zu zerstreuen, indem wir Technik begreifbar machen und als Mediatoren zwischen Herstellern und Anwendern fungieren.

Werden Techniker im Krankenhaus angemessen fortgebildet?

Siewert: Das hängt davon ab, ob die Geschäftsführung die Bedeutung der Technik erkannt hat. Meistens sind die Fortbildungsbudgets für die Technik aber viel zu knapp bemessen.

Träger: Hier ist es dringend notwendig, ähnlich wie bei Medizinern oder bei Architekten eine Fortbildungs- und Fortbildungsnachweispflicht einzuführen. Dann wären die Kollegen unabhängig vom Goodwill der Geschäftsführungen verpflichtet, an den notwendigen Schulungen für die vorher genannten Herausforderungen teilzunehmen. Nur so sind die Gesundheitseinrichtungen in der Lage, die technischen Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Das Gespräch führte Maria Thalmayr.

© hcm-magazin.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen