Bundestagswahl 2021 Wie viel Geld darf mit Gesundheit verdient werden?

In einer digitalen Podiumssitzung diskutierten Personen aus dem Gesundheitswesen und der Politik kurz vor der Bundestagswahl über Fragen zur Rendite von stationären Einrichtungen, Personalmangel und -kosten sowie Digitalisierung.

In einer digitalen Podiumsdiskussion ging es um Rendite und Verbesserungsvorschläge im Gesundheitssystem. – © HCM

Die Podiumsdiskussion der WISO stand im Zeichen der zentralen Frage „Wie viel Geld darf mit Gesundheit verdient werden?“ Dafür wurden die folgenden fünf Personen eingeladen, um vor der anstehenden Bundestagswahl am 26. September eine mögliche Antwort zu suchen:

  • Prof. Dr. Andreas Beivers, assoziierter Wissenschaftler an der Hochschule Fresenius München
  • Prof. Andrew Ullmann, FDP, MdB und Facharzt für Innere Medizin
  • Dr. Wolfgang Albers, Die Linke, ehemaliger Oberarzt
  • Dr. Clara Matthiessen, Bündnis Junge Ärzte
  • Sven Supper, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin

Ärzte unzufrieden und überlastet

Bei der Diskussion kam v.a. eines zum Vorschein: Die Branche ist besorgt und bietet für Ärztinnen und Ärzte keine optimalen Arbeitsbedingungen. Zumindest wenn es nach Clara Matthiessen geht. „Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Weiterbildungen werden nicht vergütet und sind qualitativ nicht zufriedenstellend. Ärztinnen und Ärzte haben ein hohes Burnoutrisiko“, sagt sie. Das führe auch zu erhöhter Medikamenteneinnahme in der Ärzteschaft. Sie fordert daher, dass die Weiter- und Fortbildungen künftig ebenso vergütet werden.

Der Bundestagsabgeordnete der FDP Andrew Ullmann sieht viel grundlegendere Probleme. Die Bürokratie habe stark zugenommen, während die Digitalisierung kaum voranschreitet. „20 Prozent der stationären Behandlungen hätten auch ambulant stattfinden können.“ Zudem habe das DRG-System dazu beigetragen, dass die Behandlungszeit kurzgehalten wird. Kinderarzt Sven Supper bestätigt Ullmanns Eindruck in der Digitalisierung. Für ihn habe es in ländlichen Gebieten in den letzten 15 Jahren keinen sehenswerten Fortschritt gegeben, obwohl es die Arbeit vereinfachen würde.

Höheres Gehalt führt zu mehr Personal

Eine einfache Erklärung, weshalb ein akuter Fachpersonalmangel in der Gesundheitsbranche besteht, hat Matthiessen: „Die sogenannte sprechende Medizin, also der Dialog mit Patientinnen und Patienten wird nicht vergütet.“ Meistens dauere das aber länger als die eigentliche Behandlung. Sie fordert daher eine Renditengrenze, um Einrichtungen dazu zu bringen, in sich selbst und ihr Personal zu investieren. Das unterstützte Wolfgang Albers, der die Frage in den Raum warf, inwieweit Behandlung von Krankheiten zur Ware gemacht werden darf. Die SPD hat diesbezüglich im Wahlprogramm auch eine Renditenbeschränkung aufgenommen.

Letztendlich seien Renditen nichts Schlechtes, bekräftigt Ullmann und macht es am Beispiel BionTech fest. Die rund eine Milliarde Gewinn, die der Konzern erwirtschaftete, soll größtenteils in die Forschung zur Behandlung und Vorbeugung von Krebs fließen. Das ist auch die Meinung von Linken-Politiker Albers. Personalkosten sind bei Einsparungen die leichteste Stellschraube. Ihm sei die Höhe der Rendite egal, „Hauptsache nicht zu Lasten des Personals.“

Staatliche Unterstützung fehlt

Ökonome Andreas Beivers sieht für eine Verbesserung der Situation auch den Staat in der Pflicht. Ohne finanzielle Mittel seitens der Regierung sei es nicht möglich, Digitalisierung oder Personalaufstockung voranzutreiben. Ullmann sagt dazu, dass die Ökonomisierung die Einrichtungen zu Ausgaben zwinge, wo das Geld fehlt. Eine große Investition müsse zeitnah getätigt werden, ist sich Beivers sicher. Das Gesundheitssystem sei kein Selbstzweck. Er schloss die Runde mit der Aussage: „Eine Ressourcenknappheit führt auch zu Effizienz und Innovation.“