Pflege -

Kommentar Wie soll der Pflegenotstand behoben werden, wenn die Profession nicht bekannt ist?

Diese Frage stellt sich HCM-Autorin Dr. Christiane Chadasch im folgenden Beitrag. Es geht dabei u.a. um das Grundverständnis für den Beruf Pflege und "drei, unmittelbar umsetzbare Handlungsansätze zur Lösung des Pflegenotstandes".

Bei der Begegnung von Theorie, Praxis und Politik im Rahmen der professionellen Pflege entstehen einige Fragen, die folgend diskutiert werden:

  • Was ist der Unterschied zwischen Pflege und professioneller Pflege?
  • Wer hat an welcher Stelle was zu tun, um den Pflegenotstand zu beseitigen?

Immer wieder, sind in Verbindung mit der Pflege Sätze zu hören wie: „Hintern abwischen kann doch jeder.“ Das Erschreckende an diesem Satz ist nicht nur, dass er sich seit Jahrzehnten in den deutschen Köpfen hält, sondern auch, dass jede Bildungsstufe diese Gedanken hin und wieder äußert.

Wie aber soll eine Regierung den Pflegenotstand verändern, wenn das Grundverständnis für den Beruf fehlt?

Um professionelle Pflegekraft zu werden, müssen Theorien und Hintergründe erlernt und selbstständig angewendet werden. Hierzu bedarf es nicht nur einer Risikoeinschätzung, sondern auch der Pflegeplanung. Das bedeutet, dass Probleme erfasst, Ressourcen erkannt, Ziele definiert und geeignete Maßnahmen festgelegt werden, um Probleme zu minimieren und Ressourcen auszubauen. Diese Ausbildung dauert drei Jahre und erfordert auch nach der Ausbildung gute Mentoren, welche unerfahrene Kollegen auf ihrem Weg begleiten, erfahrene Kollegen zu werden.

Nutzen wir den Blick auf das „Hintern abwischen“ sind wir an dieser Stelle im Bereich der professionellen Pflege bei den Fragen von Berührung, Nähe, Distanz, Ethik, Menschenwürde auf beiden Seiten sowie der Anwendung einschlägiger Prophylaxen zur Vermeidung von Folgeproblemen, um nur einige Aspekte dieser so einfach anmutenden Tätigkeit zu nennen. Greifen wir den Aspekt der Prophylaxen an dieser Stelle beispielsweise heraus, hat eine professionelle Pflegekraft bei der laienhaft beschriebenen Tätigkeit, mehrere Prophylaxen zu berücksichtigen, die sie „automatisch“ und ohne große Anerkennung anwendet. Dieser Automatismus hat für den auf die Pflege angewiesenen Menschen große Auswirkungen. Betrachten wir an dieser Stelle exemplarisch die Dekubitusprophylaxe, hat eine adäquat agierende Pflegekraft darüber hinaus auch einen großen Machtanteil an den Ausgaben der Krankenkassen. Wenn sie einen Dekubitus durch fachspezifisches Handeln vermeidet, werden Behandlungskosten eingespart. Hierfür erhält sie nichts.

Bonus für gute Arbeit einer Pflegefachkraft

Nach der Reform durch den DRG, ist es nun an der Zeit, eine Reform hinsichtlich der Salutogenese anzustoßen. Bezahlung darf nicht ausschließlich auf die Krankheit bezogen stattfinden, sondern mithilfe einer Bonuszahlung. Wenn also eine Pflegekraft einen Dekubitus durch eine professionelle Versorgung vermeidet, ist ein Bonus auszuschütten. Durch dieses Handeln wird sich die Betrachtung der Profession stark verändern. Die Qualität der Versorgung rückt in den Mittelpunkt. Der Stolz auf diesen Berufszweig erhält wieder den Rahmen, der notwendig ist, um Menschen in diesem Beruf willkommen heißen zu dürfen.

Das heißt, dass festzustellen sein muss, dass in den Diskussionen über den Fachkräftemangel und die Erschöpfung die Profession Pflege an Qualität gewinnt. Hier muss ein klares Umdenken stattfinden. In der Betreuung von Menschen mit einer dementiellen Erkrankung ist die Anwendung von Konzepten wie die Validation (Feil, Richards) und bei der Versorgung von neurologisch erkrankten Menschen die Basale Stimulation (Fröhlich, Bienstein) kostenlos einsetzbar. Orthopädische Probleme können durch Kinästhetik (Hatch) verhindert werden. Wer diese kurzen Beispiele nicht kennt, sollte mit oben genannten Zitaten vorsichtig sein, denn er hat die professionelle Pflege nicht verstanden.  

Zahlreiche Menschen warten darauf, diese Ausbildung machen zu können. Das in Zeiten des Fachkräftemangels zu wenig ausgebildet wird, erscheint nicht sinnvoll.

Dieser Beruf hat sich gewandelt. Es gibt Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist gegeben. Durch die flexible Gestaltung der Arbeitszeiten, hat der Mitarbeiter die Macht seinen Verdienst mitzubestimmen. Ein krisensicherer Job, ist bei der Anzahl an Menschen ohne Arbeit ebenfalls ein Kriterium sich für diesen Beruf zu entscheiden. Wer sich für diesen Beruf nicht voller Stolz entscheidet, hat sich gefangen nehmen lassen von der allgemeinen Meinungsbildung – und sehr lange nicht mehr über die zahlreichen Vorteile reflektiert.

Die ersten drei, unmittelbar umsetzbaren Handlungsansätze zur Lösung des Pflegenotstandes:

  • Der Stolz auf diesen Beruf muss durch die Klarheit des professionellen, qualitativ durchdachten und fachlich fundierten Handelns zurückgewonnen werden.
  • Politische Entscheider brauchen eine Weiterbildung, um zwischen Pflege und professioneller Pflege zu unterscheiden.
  • Humanethische Diskussion müssen zu einem salutogenetischen Finanzierungsmodell führen. 

Über die Autorin:
Dr. Christiane Chadasch ist seit drei Jahrzehnten im Gesundheitswesen aktiv. Auf eine pflegerische Ausbildung und während der jahrzehntelangen Berufspraxis, folgte ein pädagogisches Studium sowie eine sechsjährige Forschungszeit an der Universität zu Köln im Bereich der Heilpädagogischen Psychologie. Forschungsschwerpunkt war die Lebenszufriedenheit von Menschen in stark belasteten Situationen. Als Geschäftsführerin der Gesundheitsakademie Chadasch – DIE Gesundheitsakademie für erfolgreiche Führungskräfte organisiert Dr. Chadasch Persönlichkeitsentwicklungsseminare und coacht im Rahmen eines erfolgreichen Lebensgefühls ihre Kunden. Dr. Chadasch ist Expertin für gesunde Führung durch Coping und Resilienz . Konktat: kontakt@christiane-chadasch.de
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