Politik -

Wie soll der Kuchen gerecht verteilt werden?

Wenn von Priorisierung medizinischer Leistungen die Rede ist, dann ist der Aufschrei oft groß. Dahinter steckt nur die Streichung medizinischer Leistungen, so eine häufige Vermutung. Doch so einfach ist es nicht. Hier lesen Sie, was sich hinter den Begriffen Priorisierung, Rationierung und Rationalisierung tatsächlich verbirgt.

Themenseite: Rationierung & Priorisierung

Innovation macht in der Medizin immer mehr möglich – verbunden ist das zum Teil mit teureren Diagnose- und Therapieverfahren. Außerdem steigt infolge des demografischen Wandels die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Was nicht steigt, sind die finanziellen Mittel, die dem Gesundheitssystem zur Verfügung stehen. Sie sind knapp. Daher ist heute schon abzusehen, dass künftig nicht mehr alle bisherigen Leistungen für alle gesetzlich Krankenversicherten finanziert werden können. Was fehlt, ist ein gerechter Verteilungsmechanismus, der dabei hilft, mit der Mittelknappheit richtig umzugehen.


Schon im Jahr 2009 machte sich der damalige Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, beim Deutschen Ärztetag für die Priorisierung medizinischer Leistungen stark und brach damit ein Tabu: Er stellte das unbegrenzte Leistungsversprechen der Politik in Frage. Mit der Priorisierung medizinischer Leistungen forderte Hoppe ein konsensbasiertes Verfahren, um die knappen Mittel nach gesellschaftlich bestimmten Kriterien möglichst gerecht zu verteilen.

Wirrwarr der Begriffe

Mit seinem Vorschlag stieß er bei der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) auf wenig Gegenliebe. In einem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt sagte die Politikerin: „Dass es eine Liste von Krankheiten gibt, die man behandelt und andere nicht (...), stimmt nicht mit meinem Verständnis von Humanität und dem Artikel 1 des Grundgesetzes überein.“ Diese Reaktion macht zweierlei deutlich: Zum einen ist es keine einfache Aufgabe, zu entscheiden, welche Leistungen im Gesundheitswesen Priorität haben sollen. Zum anderen herrscht vielfach Unwissenheit darüber, was Priorisierung überhaupt ist.


Meist werden die Begriffe Rationierung und Rationalisierung in einem Atemzug mit dem Thema genannt. Doch diese Sichtweise greift eindeutig zu kurz, denn mit diesen Begriffen ist jeweils etwas ganz anderes gemeint. Priorisierung ist die Feststellung einer Vorrangigkeit bestimmter Indikatoren, Patientengruppen oder Verfahren vor anderen, wie es Hoppe in seiner bereits erwähnten Rede erläuterte. Sie erfordert Kriterien, nach denen Gesundheitsleistungen in eine Rangfolge gebracht werden können.


Priorisierungen können dabei sowohl horizontal als auch vertikal vorgenommen werden. Mit der horizontalen Priorisierung ist die Gewichtung nach unterschiedlichen klinischen Arbeitsbereichen wie etwa der Kardiologie oder Onkologie gemeint. Dagegen ist unter vertikaler Priorisierung eine Gewichtung bestimmter Krankheitsbilder und ihrer jeweiligen Behandlungsmöglichkeiten innerhalb eines klinischen Arbeitsbereichs zu verstehen.

Priorisierung bedeutet nicht Vorenthalten


Nicht zu verwechseln ist die Priorisierung von Leistungen mit der Rationierung. Denn bei der Priorisierung von Gesundheitsleistungen geht es allein darum, dass Leistungen nach festgelegten Kriterien in eine Rangfolge gebracht werden. Sie ist daher nicht mit dem Vorenthalten von bestimmten Leistungen gleichzusetzen. Anders verhält es sich bei der Rationierung von Gesundheitsleistungen. Angesichts knapper Ressourcen geht es bei der Rationierung darum, dass manchen Patienten Leistungen vorenthalten werden – obwohl diese medizinisch notwendig und sinnvoll sind.


Rationalisierung im Gesundheitswesen zielt im Gegensatz zu Priorisierung und Rationierung nicht auf die medizinischen Leistungen ab. Vielmehr geht es bei der Rationalisierung darum, die Effizienz und die Produktivität der Versorgung zu steigern.Und zwar nicht, indem für die Patienten Leistungen gestrichen werden, sondern indem Prozesse und Abläufe im System optimiert werden.

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