Der hürdenreiche Weg von der Theorie zur Praxis Wie lassen sich neue Formen der Gesundheitsversorgung erfolgreich umsetzen?

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Versorgungsforschung

Die Versorgungsforschung hat in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Ansätze für die Gesundheitsversorgung untersucht. Viele vermeintlich nutzenstarke Versorgungsinnovationen stoßen beim Überführen in die Praxis auf Schwierigkeiten. Wo liegen die Gründe des Scheiterns? Diese Grundsatzfragen diskutierten Versorgungsforschende beim 20. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung (DKVF).

Prof. Dr. Holger Pfaff, Kongresspräsident DVKF 2021. – © Christian Wittke

Höhere Qualität, stärkere Patientenorientierung, Kostenkontrolle, Zugang für alle zur Versorgung: Wichtige Impulse für die Arbeit an diesen Zielen brachte der Innovationsfonds , der eine qualitative Weiterentwicklung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland zum Ziel hat. Bei der Evaluation der durch den Innovationsfonds geförderten Versorgungsformen spielt die Versorgungsforschung eine wichtige Rolle. Für viele der bislang evaluierten Modellprojekte geht es jetzt um die Frage, ob und wie sie sich in die Regelversorgung überführen lassen.

Theorie als Fundament

„Die Ideen für neue Versorgungsformen entstehen im Kontext der genannten Ziele häufig auf der Suche nach Lösungen für Herausforderungen im Versorgungsalltag“, erläuterte Prof. Dr. Holger Pfaff, Kongresspräsident des 20. Deutschen Kongresses für Versorgungsforschung (DKVF). Die Kernfrage lautet: Wird sich diese Versorgungsform in der Breite durchsetzen? „Die Antwort auf diese Frage gelingt leichter, wenn Ansatz und Evaluationsmethoden theoretisch gut fundiert sind. Denn die Akzeptanz einer Idee hängt von vielen Aspekten ab, nicht nur von medizinischen oder ökonomischen, sondern auch von psychologischen und soziologischen Faktoren. Sozialwissenschaftliche Theorien können helfen, wirkungsvollere Interventionen zu entwickeln, den Versorgungskontext zu gestalten, Umsetzungsdefizite zu beheben und die Vielzahl der empirischen Ergebnisse zu ordnen.“

Neue Versorgungsformen mit Potenzial

Innovationen können zum einen technischer Natur sein, sagte Pfaff. Hierzu zählen beispielsweise die digitalen Gesundheits-Apps. Auch die telemedizinische Vernetzung der Ärzte, insbesondere um spezialisiertes Know-how außerhalb von Zentren, etwa im ländlichen Raum, zugänglich zu machen, ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Das Virtuelle Krankenhaus NRW ist hier ein gutes Beispiel; die Charité ist ebenfalls bestrebt, Anästhesie-Know-how an kleinere Krankenhäuser zu bringen und so eine qualitativ hochwertige Versorgung in der Region zu ermöglichen.

Enorme Potenziale für technische Angebote sieht der Experte bei der Rehabilitation und Nachsorge. Wie können Behandler den Gesundheitszustand ihrer Patientinnen und Patienten besser nachverfolgen? Chancen gibt es hier etwa für die Verlaufskontrolle mit Vitalwerten und Motivations-Apps, die bei Veränderungen des Lebensstils unterstützen.

Ein anderes positives Beispiel für die technologische Unterstützung, so der Kongresspräsident, ist die digitale Arzneimitteltherapiesicherheit, bei der der Ärzteschaft behandlungsrelevante Kranken­kassen­abrechnungsdaten, potenzielle Risiken wie auch medizinisch-pharmazeutische Fachinformationen patientenbezogen zur Verfügung gestellt werden, sodass Risiken schnell und umfassend erkannt werden können.

Weitere Projekte streben Verbesserung von Organisationsstrukturen und -prozessen im Gesundheitswesen an, erläuterte Pfaff. Viele von ihnen setzen Lotsen oder so genannte Case Manager ein. Sie sollen den Patienten bei der Orientierung durch die verschiedenen Organisationen und Instanzen unterstützen, mit denen er während seines Krankheitsverlauf zu tun hat.

Ausschlaggebende Rolle der Akzeptanz

Ärztinnen und Ärzte sind Fachleute für körperliche Beschwerden; Forschende der Sozialwissenschaften hingegen untersuchen das Verhalten von Menschen und von sozialen Systemen – wie Krankenhäuser und Arztpraxen, erklärte Pfaff: „Wir müssen besser verstehen, wie Ärzte, Krankenhäuser, Arztpraxen ‚funktionieren‘ – und dies zu analysieren, ist Aufgabe von Versorgungsforschern“. Stroke Units sind ein gutes Beispiel für die Bedeutung der Akzeptanz in der Umsetzung von Versorgungsformen – manche Krankenhäuser haben sie rasch aufgebaut, andere haben über Gebühr gezögert und damit Menschenleben riskiert. „Das Beispiel demonstriert die sehr unterschiedliche Fähigkeit von Krankenhäusern zur Aufnahme von Innovationen“, meint Pfaff.

„Not invented here“

Im Gesundheitswesen herrscht oft eine mechanistische Sicht vor. Man geht davon aus, dass sich ein Modellprojekt, dass sich in einem bestimmten Setting bewährt hat, auf Knopfdruck in der Breite umsetzen lässt.  „Aber dann stellt sich heraus, dass der Ansatz auf Widerstände stößt, bei Ärzten, beim Pflegepersonal, oder bei den Patienten“, sagt der Professor. Solche systemischen „Abstoßungsreaktionen“ lassen sich durch geeignete Maßnahmen in Grenzen reduzieren.

„Eine dieser erfolgversprechenden Methoden lautet: Die Menschen einbeziehen!  Wer mitüberlegen kann, wie sich eine Innovation an den eigenen Klinikkontext anpassen lässt, ist eher bereit, diese Neuerung mitzutragen“, betont Pfaff.

„Versorgungskontext verstehen – Praxistransfer befördern“ …

… so lautete das Motto des DVKF 2021. „Gute Organisationen ‚können‘ Routine. Bessere Organisationen können neben der Routine auch Wandel anstoßen und einleiten. Und die besten unter ihnen können dazu noch Störungen (z,B. Covid-Pandemie) bewältigen. Sie sind agil und resilient zugleich“, erklärt der Experte. Dessen ungeachtet müssen neue Versorgungsformen realitätstauglich sein: Manche erweisen sich als ungeeignet für die Arbeitswirklichkeit andere sind gut, werden aber falsch eingeführt.

Erst (Kontext) verstehen – und dann ändern!

Pfaffs Resümee für die Versorgungsforschung lautet: „Wir haben unsere methodische Kompetenz sehr gut ausgebaut. Der Aufschwung der Versorgungsforschung in den vergangenen Jahren macht sich nicht zuletzt an der Zunahme entsprechender Lehrstühle an Universitäten und Hochschulen bemerkbar“. Jetzt gehe es darum, diesen empirischen Aufschwung durch fundierte Theoriearbeit zu ergänzen.