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Terminservice- und Versorgungsgesetz und MVZ Wie es um die Lage von nichtärztlichen Investoren steht

Einige Funktionäre in Zahnärzteverbänden, Zahnärztekammern und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen haben vor kurzem die Diskussion aufgebracht, dass hinter nicht-ärztlichem Investment in MVZ nur "Kapitalinteresse" steckt. Doch es geht um mehr. Dr. Oliver Klöck, Taylor Wessing, erklärt im HCM-Interview die Hintergründe.

HCM: Herr Dr. Klöck, wie genau kam eigentlich die Diskussion über die Investoren von MVZ auf?

Dr. Klöck: Besonders einige Funktionäre in Zahnärzteverbänden, Zahnärztekammern und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen haben diese Diskussion aufgebracht. In diesen Vereinigungen haben sich offenbar Besitzstandswahrer durchgesetzt – leider mit teilweise falschen Fakten. Letztlich ging und geht es diesen Funktionären, nach meinem Eindruck, darum, ihre Klientel vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Sie verkennen dabei, dass es überhaupt nicht das Ziel ist, den freiberuflich tätigen Arzt und auch das von Freiberuflern betriebene MVZ abzuschaffen. Nicht-ärztliche Investoren ergänzen lediglich das Versorgungsangebot – zum Wohle der Patienten, gerade im ländlichen Raum. Wenn Funktionäre gegen „Kapitalinteressen“ wettern, verschweigen sie übrigens, dass selbstverständlich auch freiberuflich tätige Ärzte Kapitalinteressen haben und haben müssen. Sie sind Unternehmer und müssen als solche ein Interesse an einer Gewinnerzielung haben, auch weil sie sonst nicht in neue Technologien und Qualität investieren könnten.

HCM: Woran wird bemessen, dass nicht-ärztliche Investoren die Qualität von MVZ negativ beeinflussen können?

Dr. Klöck: Das ist mir auch nicht klar. Denn der Vorwurf ist falsch. Das belegen alle Zahlen. Mir sind aus meiner Beratungspraxis sogar etliche Fälle bekannt, in denen die Qualität der Versorgung nach der Übernahme einer Praxis durch einen Investor deutlich besser geworden ist. Investoren fällt eine Qualitätsverbesserung oft leichter als einzelnen Ärzten, weil sie innerhalb ihrer MVZ-Netze Benchmarking-Systeme etablieren, so dass Ärzte voneinander lernen können und auch das nötige Kapital mitbringen, um in Qua-lität zu investieren. Im Übrigen: Sollte der Gesetzgeber glauben, dass es im ambulanten Sektor signifikante Qualitätsmängel gäbe – wofür es meines Erachtens keinen Grund gibt –, mag er die Qualitätsanforderungen verschärfen. Damit kämen nicht-ärztliche Investoren im Durchschnitt sicher besser zurecht als nieder-gelassene Ärzte in kleinen Praxen.

HCM: Wie ist denn derzeit aus Ihrer Sicht das Verhältnis zwischen ärztlichen und nicht-ärztlichen Investoren in Deutschland?

Dr. Klöck: Der ambulante Sektor ist weiterhin durch freiberuflich tätige Ärzte geprägt. 2017 gab es 118.000 niedergelassene Ärzte und nur 2.800 Medizinische Versorgungszentren. Von ihnen wurden wiederum fast die Hälfte von Ärzten betrieben, knapp ebenso viele von Krankenhäusern. Strategische- und Finanzinvestoren spielen zahlenmäßig weiterhin eine untergeordnete Rolle. Aber sie bilden schon jetzt eine wichtige Ergänzung und schaffen gerade für junge Ärzte zunehmend attraktive Arbeitsplätze. In manchen Regionen und Fachrichtungen – v.a. in den kapitalintensiven technikbasierten Fächern wie Labor, Radiologie oder Dialyse – sichern sie schon jetzt maßgeblich die ambu-lante Versorgung. Sie sind deshalb unverzichtbar und sollten unterstützt und nicht behindert werden. Emotional ist das Verhältnis zwischen niedergelassenen Ärzten und nicht-ärztlichen Investoren deutlich besser, als es manche Verbandsfunktionäre glauben machen wollen. Ärzte, die nicht übersehen, dass ihre jungen Kollegen verstärkt im Angestelltenverhältnis hochwertige Medizin betreiben möchten, wissen genau, dass es ohne Investoren schon lange nicht mehr geht.


HCM: Wahrscheinlich dürfte der Teil der nicht-ärztlichen Investoren in der boomenden Gesundheitsbranche eher steigen, richtig?

Dr. Klöck: Richtig – es sei denn, der Gesetzgeber würde dem durch das TSVG einen Riegel vorschieben. Das wäre aber für die Versorgung schädlich und ordnungspolitisch nicht zu rechtfertigen.

HCM: Kann es sein, dass sich hier ein unbegründetes Bedrohungsgefühl ausgehend von den nicht-ärztlichen Investoren eingestellt hat?

Dr. Klöck: Ja. Dieses Bedrohungsgefühl wird maßgeblich von Interessenvertretern geschürt. Es ist nach meiner Wahrnehmung weder bei den Patienten – die eine hochwertige Behandlung im MVZ schätzen – noch bei der Mehrheit der Ärzte vorhanden.

HCM: Wie ist Ihre Einschätzung dazu? Nicht-ärztlich oder ärztlich?

Dr. Klöck: Beides. Wie gesagt: Niemand will den niedergelassenen Arzt verdrängen oder behindern.

HCM: Worin liegt eigentlich der genaue Unterschied für die Arbeit der Angestellten im MVZ?

Dr. Klöck: Junge Ärzte möchten heute seltener als ihre älteren Kollegen selbstständig, unternehmerisch arbeiten. Viele scheuen den hohen Kapitaleinsatz und legen Wert auf planbare Arbeitszeiten, eine gesunde Work Life Balance und den fachlichen Austausch mit hochqualifizierten Kollegen. Diese Ziele lassen sich in einem Anstellungsverhältnis im MVZ optimal realisieren.

HCM: Wie wird die geplante Gesetzesänderung wohl ausgehen?

Dr. Klöck: Ich hoffe sehr, dass der Gesetzgeber nicht-ärztlichen Investoren keinen Riegel vorschiebt und ihnen – ebenso wie freiberuflich tätigen Ärzten – weiterhin Entwicklungschancen eröffnet.

HCM: Was konkret würde denn die Gesetzesänderung für bisherige nicht-ärztliche Investoren bedeuten und was für neue?

Dr. Klöck: Wenn der Gesetzgeber der radikalen Stellungnahme des Bundesrates folgen würde, würden Investoren, die bereits im ambulanten Sektor tätig sind, mit ihren bestehenden MVZ Bestandsschutz genießen. Allerdings könnten sie kaum weiterwachsen. Dadurch würden sich viele aus diesem Sektor zurückziehen. Neue Investoren hätten keine Chance mehr, es gäbe einen wettbewerbs- und innovationsfeindlichen „Closed Shop“. All dies wäre verheerend für die ambulante Versorgung und würde dafür sorgen, dass noch mehr exzellent ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner in versorgungsfremde Berufe – etwa die Unternehmensberatung – abwandern würden. Und ältere Ärzte hätten Probleme, ihre Praxen zu einem halbwegs attraktiven Preis an Nachfolger zu verkaufen. Das würde ihre Lebensplanung für den Ruhestand gefährden – übrigens auch ein Punkt, den die Phalanx der besitzstandswahrenden Funktionäre übersieht oder bewusst verschweigt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Bundestag ein Gesetz verabschieden würde, das derart verheerende Folgen hätte.

HCM: Danke für die Einschätzungen.


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