Digitalisierung -

Was nicht ist, muss werden Wie Corona die Gesundheitsbranche zur Digitalisierung zwingt

Die Corona-Krise ist ein gigantischer Stresstest für unser Gesundheitssystem. Ein Test, der zeigt, dass Vieles richtig läuft und die Strukturen eine Menge aushalten können. Die Krise deckt aber auch ganz deutlich die Bereiche auf, in denen in den letzten Jahren der Status Quo zu bequem war und man sich darauf verlassen hat, dass die Dinge, so wie sie sind, “schon irgendwie passen”. Das war und ist ein Trugschluss!

Topic channels: Digitalisierung und Coronavirus

Eine der größten Baustellen im Gesundheitswesen ist die fehlende Digitalisierung, jahrelang haben entsprechende Anreize und Zielbilder gefehlt. Und das, obwohl sich der Fachkräftemangel wie ein schleichendes Gift immer und immer deutlicher bemerkbar gemacht hat. Die Potenziale technischer Unterstützung wurden nicht gesehen.

Und so stehen wir jetzt da, z.B. in Pflegeeinrichtungen ohne WLAN und folglich ohne die Chance auf die Nutzung von telemedizinischen Anwendungen – der nun beinahe einzigen Lösung für die ärztliche Versorgung auf Distanz. Ja, in letzter Zeit ist im Bereich Telemedizin auch durch Initiativen des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn Vieles besser geworden, Gesetze und berufsständische Ordnungen sind geändert worden. Doch der Einsatz der Technik ist noch lange nicht selbstverständlich.

Auch hätte man schon vor längerer Zeit ernsthaft über die Einführung des digitalen Rezepts nachdenken sollen – ebenso eine Maßnahme, die die medizinische Versorgung aufrechterhalten und trotzdem den persönlichen Kontakt minimieren kann. Das DVG (Digitale-Versorgung-Gesetz) wurde im Herbst 2019 durch den Bundestag beschlossen, doch bis die Krankenkassen Formatvorschläge zur Abwicklung machen, diese diskutiert und umgesetzt werden, wird noch viel Zeit ins Land gehen. Die konsensorientierte Selbstverwaltung ist langsam und in Digitalisierungsfragen bedenklich sperrig.

Über diesen und weiteren spezifischen Anwendungsfeldern schwebt die Diskussion um die digitale Patientenakte. Sie wurde oft und hitzig geführt und zumeist aufgrund von Datenschutzbedenken beendet. Natürlich sind Patientendaten in besonderer Form zu schützen, natürlich müssen dafür Lösungen gefunden werden, die maximale Sicherheit trotz zunehmender Cyberangriffe gewährleistet. Trotz der Gefahren muss aber zwischen den Vor- und Nachteilen abgewogen werden. Denn es zeigt sich, dass die analogen Prozesse in Stresssituationen nicht ausreichen. Schlimmstenfalls fehlt sogar die Zeit, Arztbriefe zu lesen, PDF-Dokumente nach Informationen zu durchsuchen oder diese erst anzufordern. Eine zentrale Datenbank, in der alle verfügbaren Informationen – z.B. Labordaten, Untersuchungsergebnisse, Vorerkrankungen etc. – gebündelt und gespeichert werden, würden u.a. Doppeluntersuchungen verhindern und somit Ressourcen und Zeit sparen.

Diese Beispiele stehen exemplarisch für viele weitere Anwendungsfelder, in denen das deutsche Gesundheitswesen die Potenziale der Digitalisierung nicht nutzt. Und zwar nicht, weil wir es uns nicht leisten könnten, das technische Verständnis oder die Ressourcen fehlen würden. Alleine deshalb, weil wir uns zu lange zurückgelehnt und in ergebnislosen Diskussionen verloren haben. Diese Versäumnisse treffen uns jetzt wie ein Hammerschlag und wir müssen versuchen, sie unter höchstem Druck aufzuholen. Denn auf Angebotsseite, bei den Pflegefachpersonen, herrscht ohnehin schon ein Mangel und gleichzeitig steigt die Nachfrage. Dieser Zustand fällt jetzt, da wir uns in einer absoluten Ausnahmesituation befinden, zig-fach deutlich auf.

Digitale Unterstützung

Was hätte man also machen können, um die Pflegefachpersonen schon vor der Corona-Krise zu entlasten und gleichzeitig in der aktuellen Situation flexibler reagieren zu können?

Die Zahl der in der Kranken- und Altenpflege unbesetzten Stellen ist seit Jahren bedenklich hoch. Nach einem bestimmten Schlüssel hätte man diese Stellen also – da finanzielle Mittel zwar vorgesehen, jedoch nicht genutzt werden – in Ressourcen zum Ausbau der IT-Infrastruktur umwandeln können. Und zwar nicht, um Arbeitsplätze durch Technik zu ersetzen, sondern um die wenigen Fachkräfte durch digitale Technik bestmöglich zu entlasten!

Denn das Problem ist folgendes: Während zum Teil die Anfangsinvestitionen in die IT-Infrastruktur noch finanziell unterstützt werden, bleiben Unterhalt und Wartung ausschließlich Sache der Einrichtungen, abgerechnet u.a. über Pauschalen zur Instandhaltung der baulichen Substanz. Das ist eine falsche Herangehensweise, denn die beiden Bereiche haben nichts miteinander zu tun. Um eine zeitgemäße und gut gewartete IT-Infrastruktur zu unterhalten, braucht es mehr als eine initiale Bereitstellung. Die Daten im System haben einen besonderen Schutzbedarf und pauschale Kostenübernahmen reichen dann nicht aus, um den ständigen Wettlauf gegen Hacker zu gewinnen. Nur wenn die Infrastruktur kontinuierlich gewartet und instand gehalten wird, ist sie bereit, um die Maßnahmen, die ich eingangs beschrieben habe, zu tragen. Maßnahmen, die dem Pflegepersonal v.a. administrative Arbeit abnehmen und ihnen Zeit geben, sich um die Menschen zu kümmern.

Behelfsmäßige Digitalisierung

In der aktuellen Situation kommen wir nicht weiter, wenn wir ausschließlich über die Versäumnisse der Vergangenheit sprechen. Wir müssen sie aber ganz klar benennen und Salz in die Wunde streuen, um endlich daraus zu lernen. Wir müssen unseren Blick jetzt nach vorne richten und Sofortmaßnahmen ergreifen, die kurzfristig Ergebnisse bringen. Das Zauberwort ist: behelfsmäßige Digitalisierung. Wir können nicht von heute auf morgen komplexe Systeme implementieren. Wir können aber Methoden finden, die die jeweiligen Funktionalitäten zum Teil erfüllen und somit schnell für Entlastung sorgen. Sie überbrücken die Zeit, bis wir wieder in der Lage sind, mit ruhigem Kopf zu planen und wirklich zu digitalisieren.

Der Blick voraus

Der Fachkräftemangel hat dem Gesundheitssystem auch schon vor der Corona-Krise zu schaffen gemacht. Ich bin überzeugt davon, dass die Situation, in der wir jetzt sind, irgendwann in gar nicht so weiter Zukunft auch ohne die Pandemie eingetreten wäre. Deshalb muss die Krise ein Weckruf für das System sein! Wir müssen endlich anfangen die verfügbaren Kräfte digital zu unterstützen, denn das ist unsere einzige Chance, um die Versorgung auf dem aktuellen Niveau zu halten und auf ähnliche Situationen in Zukunft besser vorbereitet zu sein. Denn wenn wir jetzt nicht digitalisieren, dann bringen wir weiterhin Menschen in Lebensgefahr.

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