Gebäude&Technik -

Norddeutscher Brandschutztag „Wer nicht fragt, bleibt dumm!“

Nicht blind auf die Kompetenz selbst ernannter Experten zu vertrauen, sondern alle Vorhaben und Vorgaben aufmerksam und kritisch zu hinterfragen, sei beim Thema Sicherheit unerlässlich, betonte Hans-Jörg Scherbening auf dem 1. Norddeutschen Brandschutztag im Schloss Schwerin.

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Ein schlüssiges Brandschutzkonzept ergäbe sich bis zu einem gewissen Grad allein schon aus dem gesunden Menschenverstand. Darum: „Blöde Fragen gibt es nicht, und wer nicht fragt bleibt dumm.“ Dieses Sesamstraßenprinzip sollten sich die Technikverantwortlichen in den Kliniken im Umgang mit jedweden Planern und Sachverständigen zu eigen machen. „Lassen Sie sich nicht mit Floskeln und abgeschriebenen Passagen aus den Landesbauverordnungen abspeisen. Sie zahlen gutes Geld für Konzepte, die am Ende echte Sicherheit schaffen sollten.“ Beim Thema Brandschutz agieren Krankenhausplaner und -betreiber im diffusen rechtlichen Rahmen der durch die Landesbauordnungen nicht eindeutig geregelten Sonderbauten. Eine Krankenhausbauverordnung wurde als Sonderbauverordnung nur in NRW eingeführt und im Jahr 2000 wieder zurückgezogen. Besondere Regelungen für Krankenhäuser gibt es derzeit nur in Brandenburg, Baden-Württemberg und Hamburg. Ansonsten werden diese in der Regel geplant und gebaut wie alle anderen Sonderbauten. „Jegliche Planung mit Blick auf die besonderen Gebäudenutzer zu Ende zu denken, ist im Krankenhaus deshalb besonders wichtig“, betonte Scherbening.

Funktioniert das wirklich?

„Funktioniert das tatsächlich?“, ist bei alledem die zentrale Fragestellung und: „Kann man als Nutzer mit dem erstellten Sicherheitskonzept auch tatsächlich leben und arbeiten?“ „Kann ich wirklich voraussetzen, dass eine Schwester mit einem Wandhydranten hantiert oder sollte ich den Umgang damit lieber der Feuerwehr überlassen und stattdessen, den einen oder anderen Feuerlöscher mehr vorhalten? Kann ich in Bettenstationen tatsächlich so genannte notwendige (gemeint ist als Fluchtweg notwendige und somit brandlastfreie) Flure realisieren oder stehen hier im Alltag dann doch Stationswagen, Reservebetten, Müllsammler und andere Gebrauchsgegenstände herum? Brandschutztüren werden solange mit Keilen aufgehalten, solange sie den Betrieb behindern. Ohne Feststellmechanismus sollten sie daher gar nicht mehr verkauft werden … .“ Scherbening zählte viele typische Schwachstellen gängiger Brandschutzkonzepte auf. Sie hinzunehmen, kann im Ernstfall zur tödlichen Falle werden. Scherbening mahnt: Der Verweis „das haben wir immer schon so gemacht“ werde die Ermittler in einem Brandfall nicht von der Sorgfalt der Verantwortlichen überzeugen. Brandschutzplaner können sich ab nächstem Jahr – das ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Botschaft – zertifizieren lassen.

Mit Herz und Wissen das Richtige tun

Hilfestellung bei der Erarbeitung wirklich funktionierender Brandschutzkonzepte leistet der von der gleichnamigen DACH-Arbeitsgruppe erarbeitete Leitfaden „Brandschutz im Krankenhaus“. „Wer die darin aufgelisteten Empfehlungen – das Beste aus Deutschland, Österreich, Italien, der Schweiz sowie den Niederlanden – erfüllt, sollte auf der sicheren Seite stehen“, erklärte der Architekt und Journalist Reinhard Eberl-Pacan, der in der Arbeitsgruppe mitwirkte und das hilfreiche Paper in Schwerin präsentierte. Eine wichtige Erkenntnis in diesem länder­übergreifenden Projekt war: „Wir müssen viel mehr voneinander abschauen. Denn: Italienische, österreichische, Schweizer oder niederländische Krankenhäuser brennen nicht anders als deutsche. Dennoch gibt es hier in Sachen Brandschutz unterschiedliche, teilweise strengere, teilweise auch moderatere Vorgaben. Da muss man sich letztendlich immer wieder überlegen: Was macht wirklich Sinn?“ Der Leitfaden rankt sich um die Menschen, die es im Krankenhaus zu schützen gilt: „Habe ich mehr Personal, kann ich eventuell beim baulichen Brandschutz eine Stufe runterfahren“, erklärt Eberl-Pacan. Sicherheit sei immer ein Gesamtkonzept, das auf Grundlage des organisatorischen Brandschutzes errichtet werden sollte. Dass Gesundheitseinrichtungen selbstverständlich mit Brandmeldeanlagen leben, die 20 Jahre und älter sind, während sich wohl in keiner Klinik ein Computer findet, der auch nur älter als fünf Jahre ist, warf er zum Nachdenken in den Raum. Ebenso wie die Tatsache, dass die meisten Notfalleinsatzpläne in deutschen Krankenhäusern hoffnungslos überholt seien. „Tun Sie mit Herz und Wissen das Richtige!“, lautet sein Credo bei diesem sensiblen Thema.

Der Leitfaden „Brandschutz im Krankenhaus“ steht Mitgliedern der Technikerorganisationen im DACH-Raum auf der Wissensdatenbank Technik im Gesundheitswesen (www.wtig.org) zum kostenlosen Download zur Verfügung. Alternativ kann er als Druckerzeugnis bei der FKT-Geschäftsstelle angefordert werden: fkt@fkt.de

Sicherheit auf dem Prüfstand

Ob der technische Brandschutz funktioniert wie angedacht, soll – so fordert es eine neue Musterprüfverordnung – in einer sogenannten Wirk-Prinzip-Prüfung regelmäßig getestet werden. In Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein ist diese neue Forderung bereits in die Prüfverordnungen der Länder übernommen worden. Die Prüfung des bestimmungsgemäßen Zusammenwirkens aller sicherheitstechnischen Anlagen, die von der Brandmeldeanlage geschaltet werden, steht hier nun also alle drei Jahre an. Bisher wurden diese Systeme nur jedes für sich getestet. Abhängig vom Prüfturnus der betroffenen Häuser sind die Verantwortlichen unter Zeitdruck. Auch wenn die Wirk-Prinzip-Prüfung die Krankenhäuser vor eine enorme Herausforderung stellt, helfe im Endeffekt nur eins: Endlich damit zu beginnen, forderte Dr. Roland Zickler vom gleichnamigen Ingenieurbüro. Natürlich sei das nicht zuletzt ein Kostenpunkt. Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) aus dem Jahr 2013 enthält kein eigenes Leistungsbild für die Brandschutzplanung. Daher hat der Ausschuss der Verbände und Kammern für Ingenieure und Architekten (AHO) für die Honorarordnung seine eigene Schrift angepasst. Die 3. vollständig überarbeitete AHO Nummer 17 Leistungen für den Brandschutz vom Juni 2015 hilft bei der Budgetierung der für die Wirk-Prinzip-Prüfung anfallenden Kosten. Auf Grundlage der Bruttogeschoßfläche und unter Berücksichtigung gesonderter Schwierigkeitsbeiwerte kann für jede Leistungsphase ein Honoraranteil errechnet werden. Zickler beschönigt nichts: „Für ein größeres Haus kommen hier schnell mal 250.000 Euro extra zusammen.“

Viel Nützliches für mehr Sicherheit

Neben vielen wichtigen Informationen rund um das Thema Brandschutz bot der 1. Norddeutsche Krankenhaustag seinen Teilnehmern viele nützliche Lösungen und Techniken für dieses sensible Aufgabengebiet. Marc Schlicksupp, Geschäftsführer des Unternehmens Brandschutzfit, präsentierte ein E-Learning-Programm, das es Krankenhausmitarbeitern ermöglicht, ihre Brandschutzunterweisung dann zu absolvieren, wenn es für sie gerade am besten passt. Da das Programm interaktiv aufgebaut ist, sei der Lernerfolg größer als bei den sonst üblichen Frontalvorträgen, versprach Schlicksupp. Hajo Bollmann von der Firma Würth präsentierte platzsparende Kapselungen für Leitungsdurchführungen, die sich im Brandfall mit einer feuerhemmenden und rauchdichten Masse füllen. Rainer Wadlinger von der Firma Multimon, der die Tagung organisiert hatte, erörtere, wie Wassernebel-Löschanlagen insbesondere auch dort Sicherheit gewährleisten, wo eine offene Architektur auf bauliche Barrieren verzichten möchte, oder wo Wasser als Löschmittel einen zu hohen Schaden anrichten würde, wie beispielsweise in der EDV oder in OPs.

Eine kleine Ausstellung hielt für die rund 70 Teilnehmer weitere durchdachte Produkte bereit: Selbstschließende Tore zum Schutz nicht nur vor Feuer, sondern auch vor anderen Elementen wie Wasser bei Starkregenfällen oder Sensoren, die Schwachstellen in Schaltschränken, die zu einem Brand oder einem Betriebsausfall führen könnten, frühzeitig erkennen, sind nur zwei weitere Beispiele für zahlreiche innovative Produkte, die in Schwerin zum Thema Sicherheit präsentiert wurden.                                  Maria Thalmayr

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