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Psychiatrie Wenn die Seele krank wird, kann auch Telemedizin helfen

Psychisch kranke Menschen brauchen viel Beistand, manchmal täglich. In Sachsen nutzt ein Facharzt dafür auch Telemedizin. So bleibt er mit seinen Patienten stets in Verbindung.

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Als Christian in die 11. Klasse seines Gymnasiums ging, hörte er das erste Mal diese seltsamen Stimmen in seinem Inneren. Im Rückblick kann sich der 19-Jährige nicht mehr erinnern, was ihm genau Angst machte. Auf jeden Fall war es gruselig. Zum Trost verstaute er einen Teddy in seiner Schultasche, der ihm als Maskottchen helfen sollte. Doch irgendwann sprach auch der Teddy nur noch böse. Christian hatte das Gefühl, dass andere über ihn redeten und lachten. Der Gymnasiast wurde ein Fall für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Diagnose lautete Psychose. Bei dieser Erkrankung nehmen Betroffene die Welt verändert wahr.

Auf dem Weg zurück ins Leben helfen

Ein gutes Jahr später sitzt Christian im Medizinischen Versorgungszentrum Bischofswerda dem Mann gegenüber, der ihm auf seinem Weg zurück ins Leben half. Der Kinder- und Jugendpsychiater Reinhard Martens hat sein Zentrum eigentlich in Pirna. Doch inzwischen gründete er drei Zweigstellen in Sachsen, darunter in Bischofswerda. In den Zentren arbeitet Martens im Team mit Sozialpädagogen und Psychologen. Manchmal ist der 55-Jährige vor Ort, manchmal läuft die Sprechstunde als Videokonferenz.

Zum Beispiel bei Michael. Der junge Mann aus einem Ort unweit von Dresden lässt sich in Thüringen gerade zum Metallbauer ausbilden. Was einfach klingt, ist für ihn ein hartes Stück Arbeit. Denn Michael leidet immer wieder unter wahnhaften Ängsten, fühlt sich verfolgt und glaubt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben. Deshalb hat er auch schon ein paar Mal seine Ausbildung hingeschmissen. Martens lässt sich regelmäßig mit ihm verbinden. Dann werden die nächsten Schritte besprochen, manchmal reicht auch schon ein aufmunterndes Wort. Aus Gründen des Datenschutzes wird verschlüsselt kommuniziert.

«Moderne Kinder- und Jugendpsychiatrie kann bei der Mehrzahl der erkrankten Kinder und Jugendlichen ambulant und ohne den Einsatz von Medikamenten erfolgen», sagt Martens. Dafür benötige man aber individuell abgestimmte Behandlungsangebote, die für alle Familien erreichbar sind. Sein Konzept war für die Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung so überzeugend, dass sie es nun fördern. «Man denkt immer, Kinder- und Jugendpsychiatrie spielt sich in Kliniken ab. Unsere Erfahrung ist, dass ein Aufenthalt dort nur selten notwendig ist», sagt Martens und schwört auf Teamarbeit.

Interdisziplinäre Teams sind in diesem Bereich heute Standard. Deshalb hat sich auch Martens mit Kollegen aus anderen Disziplinen zusammengetan, um die Patienten im familiären und schulischen Umfeld zu belassen und sie in den Zweigstellen versorgen zu können. «Wir schauen erstmal, was die Kinder und Jugendlichen drauf haben und wo wir anknüpfen können.»

«Bevor ich einem Hyperaktiven sage, wie er sich in der Schule verhalten soll, schaue ich mir erstmal an, wie viele Klimmzüge er schafft», beschreibt der Psychiater seine Herangehensweise. Martens scheut sich auch nicht, mit seinen Patienten eine Kissenschlacht zu machen, um sie aus der Deckung zu locken: «Dann ist das Eis schnell gebrochen.» Wenn Betroffene Vertrauen hätten, könnten sie eine Hürde nach der anderen nehmen. Der größte Teil der jungen Patienten ließe sich mit relativ kurzen Behandlungen stabilisieren: «Es gibt aber bestimmte Erkrankungen wie Psychosen, da ist es anders.»

Auch hier gilt, was für viele Erkrankungen zutrifft

Je eher sie therapiert werden, desto besser sind die Erfolgsaussichten. «Wenn eine bereits in der Jugend begonnene Psychose erst im Erwachsenenalter festgestellt wird, brauchen wir viel Zeit und Geduld, um gute Effekte in der Behandlung zu erreichen», sagt Martens.

Michael Kölch, Professor an der Universität Rostock und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, sieht es ähnlich. «Die Frage ist, wer braucht was. Wenn Störungen neu auftreten, kann man mit wenig relativ viel erreichen. Wenn sie erst einmal chronisch sind, braucht es eine intensivere Behandlung.» Gerade in solchen Fällen könnten Projekte wie das von Martens als Ergänzung sehr wirksam sein. «Sie ersetzen aber die anderen Angebote, auch die stationären nicht», sagt Kölch.

Telemedizin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie komme bisher v.a. in Flächenländern wie Australien oder den USA zum Einsatz: Es gebe Hinweise darauf, dass sie wirksam ist. Es gibt aber auch Hinweise auf Probleme – z.B. die relativ hohen Abbruchquoten.

App für Jugendliche mit Depressionen

Wo man für eine Stunde Therapie drei Stunden Fahrtzeit in Kauf nehmen müsse, stelle sich die Frage nach Aufwand und Nutzen, sagt Kölch. Hier könne die Telemedizin helfen. An der Uni Rostock arbeitet er derzeit an einer App für Jugendliche mit Depressionen. Sie soll Betroffene durch ein Programm mit Aufgaben leiten und so direkte und telefonische Kontakte ergänzen.

Das Zentrum in Bischofswerda residiert in einem früheren Musterhaus am Rande der Stadt und ist inzwischen eine Anlaufstelle für mehr als 100 Mädchen und Jungen. «Es gibt Jugendliche, die täglich betreut werden müssen», berichtet der Sozialpädagoge Martin Epkes. Der 29-Jährige verweist darauf, dass Martens Modell mit den Zweigstellen und der Telemedizin einen Engpass lindert. Denn Termine für eine Regelbehandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind in Sachsen rar. Martens macht das von der Dringlichkeit abhängig. Wenn irgendwo die Luft brennt, kreuzt er auch am Abend noch auf.

«Die Kinder kommen gern zu uns, können sich hier Selbstbewusstsein holen und sind stolz, wenn sie etwas erreicht haben», sagt Epkes. An diesem Tag kommt ein junger Mann, der dafür noch einen weiten Weg vor sich hat. Der 17 Jahre alte Richard hat seit gut zwei Jahren eine Psychose. Er scheint antriebslos und in sich gekehrt. Als er zwischen Martens und seinem Vater sitzt, blickt er meist nach unten. Eine Schule hat seit langem nicht mehr von innen gesehen. Ein halbjähriger Klinikaufenthalt brachte keine Besserung. Richards Schulpflicht ruhte auch nachher. Das hat seine Lage nicht verändert. Monatelang hing er ohne viele Kontakte zu Hause ab.

Martens beschreibt Richard als besonders feinfühlig und sensibel. Solche Menschen seien bisweilen anfälliger für eine Psychose als andere. «Das Informationszentrum des Gehirns nimmt in bestimmten Stresssituationen zu viele Wahrnehmungen auf und kann sie nicht mehr sortieren. Dann kann es zu einer Psychose kommen. Das ist, als würde man auf einem anderen Planeten landen und könne sich dort nicht zurechtfinden.» In der Therapie gehe es nun darum, die Vertrautheit mit der bekannten Welt wiederherzustellen. «Eine Psychose stellt einen Schock für die Seele dar. Deshalb will der Betroffene auch erstmal seine Ruhe und zieht sich zurück.»

Ein wenig hat Richard sich aus seiner Verkapselung schon gelöst. Die Dosis seiner Medikamente soll möglichst gering bleiben – auch das eine Maßgabe von Martens' Arbeit. Nun geht es darum, Schritt für Schritt seine Belastbarkeit zu steigern. Er soll für ein Jahr auf eine Schule gehen, die mit vereinfachten Lehrplänen arbeitet, und sich so wieder an den schulischen Alltag gewöhnen und Kontakte zu anderen jungen Leuten bekommen. Zunächst soll er beim Renovieren des Zentrums in Löbau helfen. Auf der Schule ist er noch nicht so gut anzusprechen: «Ich hasse alle Fächer», antwortet er auf die Frage einer Vorliebe.

Christian ist da schon ein ganzes Stück weiter. Unlängst hat er das Abitur mit einem Einser-Schnitt gemacht, nun möchte er Informatik studieren. Die von vielen Schülern kritisierten Mathematik-Aufgaben im Abi fand er nicht schwer. Christian ist ein Mathe-Ass. Auf Medikamente wird er noch ein paar Jahre angewiesen sein. Vor kurzem hat er einem Mädchen Nachhilfe gegeben, die aus Frust vor Mathe die Schule schmeißen wollte. Als Martens ihn dafür lobt, lächelt er still in sich hinein.

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