Digitalisierung -

Schwerpunkt „Digitalisierung“ beim Hauptstadtkongress 2018 Wenn der Computer zum Konkurrenten wird

„Digitalisierung und vernetzte Gesundheit“ lautet das Motto des 21. Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit vom 6. bis 8. Juni 2018 in Berlin. Rund um diesen Schwerpunkt bietet das Programm unzählige Veranstaltungen zu Chancen und Risiken der „digitalen Revolution“.

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Mehr denn je steht die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche im Fokus. Auch der neue Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) will dieses ­Thema so schnell wie möglich voran­treiben.

Dazu bietet gerade der diesjährige Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit das allerbeste Forum: Es werden bahnbrechende Beispiele der Digitalisierung und Vernetzung in Medizin und Pflege gezeigt und besprochen. Darüber hinaus wird es auch um die entscheidende Frage gehen, wie die gewaltigen Chancen der digitalen Revolution schnellstmöglich genutzt und zur Realität im Versorgungsalltag gemacht werden können. Dazu seien exemplarisch zwei Veranstaltungen schon einmal vorgestellt.

WER GEWINNT DEN KAMPF UM BUDGETS?

Unter dem Titel „Digital vor ambulant vor stationär: Vom Kampf um Digital-Budgets und wer gewinnen wird“ diskutieren

  • Dr. Markus Müschenich, Co-Founder und Managing Partner des Flying Health Incubators,
  • Thomas Lemke, Vorstandsvorsitzender der Sana Kliniken AG,
  • Dr. Mani Rafii, Vorstandsmitglied der Barmer,
  • Birgit Fischer, Hauptgeschäfts­führerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, und
  • Hans Raffauf, Co-Founder vom App-Entwickler Clue.

Der Hintergrund dieses spannenden Themas: Von der Digitalisierung in der Medizin werden insbesondere Patienten mit chronischen Erkrankungen profitieren – etwa, wenn ihnen digitale Begleiter rund um die Uhr mit qualitätsgesicherten Empfehlungen zur Seite stehen. Für Diabetiker gibt es bereits heute digitale Diabetes-Managementsysteme. Ähnliche digitale Entwicklungen stehen für Patienten mit Depressionen, für die Begleitung von Schwangeren oder von Krebspatienten zur Verfügung.

Dem Facharzt mit vielleicht 3.000 Patienten pro Quartal steht plötzlich ein Expertensystem gegenüber – gespeist mit den Informationen von einer Million Patienten, ausgewertet durch neuronale Netzwerke und künstliche Intelligenz. So wie ein erfahrener Mediziner kann das System jeden neuen Patienten/Nutzer individuell beraten, wenn es um die optimale Einstellung des Blutzuckers geht. Und das nicht nur zu den üblichen Praxis-Öffnungszeiten, sondern zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit.

Dies stellt insbesondere althergebrachte Finanzierungsschemata in Frage: Denn plötzlich gibt es eine neue Kategorie von Leistungserbringern. Diese sind digital, permanent verfügbar und deutlich preiswerter als ihre menschlichen Kollegen. „Die Ärzteschaft wird in den nächsten Jahren die Erfahrung machen, dass es einen neuen Wettbewerb gibt“, konstatiert Markus Müschenich vom Bundesverband Internetmedizin. Dieser werde sich in den Kategorien Qualität, Preis und Verfügbarkeit abspielen. Als Folge sei zu erwarten, dass Budgets bereinigt und neue Digitalbudgets geschaffen werden müssen, so Müschenich.

Die Krankenkassen haben derzeit einige Pilotprojekte initiiert, bei denen Apps bezahlt werden. Bevor eine flächendeckende Kostenerstattung möglich wird, muss aber eine wichtige Frage geklärt werden: Wer ist eigentlich der Leistungserbringer der digitalen Leistung? Nimmt man das Geld dem stationären Sektor weg oder dem ambulanten? Oder wie sonst sollte der digitale Sektor finanziert werden?

ONLINECHAT STATT ARZTBESUCH?

Um Telemedizin wird es unter dem Titel „iDoc: Löst der Computer den Arzt ab?“ gehen. Dazu haben

  • MUDr./ČS Peter Noack, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg,
  • Dr. Jens Härtel, Geschäftsführer der Arvato CRM Healthcare GmbH,
  • Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstandes der Kassenärztlichen Bundesvereinigung,
  • David Meinertz, Gründer und Geschäftsführer von DrEd.com, und
  • Dr. Johannes Schenkel, MPH, Ärztlicher Leiter der UPD Patientenberatung Deutschland gGmbH

zugesagt. Input kommt vor allem aus dem Ausland. Dr. Ed beispielsweise – eine Online-Arztpraxis mit Sitz in London – macht es vor: Der Patient beschreibt Dr. Ed die Symptome, indem er ein Onlineformular ausfüllt. Dr. Ed meldet sich kurz darauf – ebenfalls digital – mit einer E-Mail, die den Patienten auf die Website zurückholt. Bei manchen Patienten rät der virtuelle Doktor dann zu einem persönlichen Besuch beim Arzt, bei manchen stellt er eine Diagnose und verschreibt gegebenenfalls auch ein Medikament.

In Deutschland ist eine derartige telemedizinische Fernbehandlung als Erstbehandlung derzeit noch verboten. Trotzdem haben sich mehr als 400.000 Deutsche schon online in die Sprechstunde von Dr. Ed begeben. Denn der von einem deutschen Juristen gegründete Onlinedienst mit deutschen Ärzten sitzt in London und profitiert vom liberaleren Recht in England. Die deutsche Kundschaft rekrutiert sich zu einem großen Teil aus Patienten, die einen persönlichen Arztkontakt scheuen: So leiden beispielsweise 40 Prozent der Ratsuchenden an erektiler Dysfunktion, viele Frauen möchten ein Folgerezept für die Pille. So etwas fällt leichter, wenn es per Webformular geht.

Ärzteverbände kritisieren das Unternehmen, denn es verstoße in jedem einzelnen Fall gegen das in Deutschland in der ärztlichen Berufeordnung festgeschriebene Fernbehandlungsverbot. Doch genau dieses Verbot soll nun möglicherweise fallen: Der Deutsche Ärztetag hat im Mai letzten Jahres eine Überprüfung beschlossen – weil sich anders als unter Einbeziehung von Telemedizin eine flächendeckende Versorgung vor allem in ländlichen Regionen kaum noch sicherstellen lässt.

Wenn das Fernbehandlungsverbot fällt, wie viele Unternehmen wie Dr. Ed werden dann entstehen? Und wo werden sie ihren Sitz haben? Und was bedeutet das für die niedergelassenen Ärzte in Deutschland?

Mehr als 50-mal findet sich das Stichwort „digital“ im Programm des dreitägigen Großevents, ob bei Veranstaltungen zum Thema oder als zusätzlicher Aspekt in weiteren Diskussionen. Eine komplette Übersicht steht jetzt unter www.hauptstadtkongress.de auch als PDF-Download zur Verfügung.

Ralf-Thomas Hillebrand, politik & internet

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