Digitalisierung in der Pflege Welche Rolle spielt die professionelle Pflege?

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Wenn nicht erneut und damit auch künftig auf wertvolles Know-how der Pflegeprofession in der Gesundheitsversorgung verzichtet werden soll, gilt es jetzt die Perspektive der Branche einzubeziehen. In vielen Bereichen, z.B. einer digitalisierten Fachsprache, ist die Pflege bereit für die Digitalisierung.

Eine Digitalisierung in der Pflege erfordert mehr als nur Laptops und Tablets auf Station. Die Rede ist u.a. auch von Nursing Informatics und Befähigung. – © DC Studio (stock.adobe.com)

Die Herausforderungen der Digitalisierung der Pflege sind in aller Munde und werden in Presse, Politik und diversen Gremien von Vertreterinnen und Vertretern des Gesundheitssystems seit Jahren diskutiert. Aus Sicht der professionellen Pflege stellt sich allerdings mindestens genauso lange die Frage worüber eigentlich diskutiert wird. Was bedeutet der Begriff Pflege im Zusammenhang mit Digitalisierung?

Bei einem genaueren Blick auf die Inhalte der aktuellen Diskussionen stellt man schnell fest, der Begriff Pflege steht stellvertretend für den gesamten nicht medizinischen Versorgungsprozess von Hilfe- und Pflegebedürftigen und all der einbezogenen formellen Berufsgruppen und informellen Personen. Ohne Zweifel ein großer Bereich mit unzähligen Herausforderungen für den Krankenhausbereich, die stationäre Langzeitpflege und die häusliche Versorgung. Die Aufgaben und Probleme, die sich aus der Digitalisierung speziell für die professionelle Pflege ergeben, sind bei dieser Betrachtungsweise jedoch nur ein Teilbereich und das, obwohl sie die größte Berufsgruppe in diesem Versorgungsprozess stellt und den häufigsten und intensivsten Kontakt mit den Hilfe- und Pflegebedürftigen und deren Familien hat. Es ist richtig und wichtig, dass ein Fokus der Digitalisierung auf dem Nutzen für die Hilfe- und Pflegebedürftigen und deren informellen Helferinnen und Helfer liegt und sich ein anderer auf die Möglichkeiten einer besseren medizinischen Diagnostik und Behandlung konzentriert. Jedoch stellt sich die Frage: Wo bleibt der Fokus der Digitalisierung und deren Chancen für die professionelle Pflege in Deutschland?

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Gesundheitswesen hat die Probleme der Pflegeprofession in Deutschland erneut in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gerückt und die in der beruflichen Pflege wohlbekannten Aussagen wie „Wir müssen mehr für die Pflege tun“ tauchten wieder vermehrt in gesundheitspolitischen Diskussionen auf. Aber, wer schon länger in der beruflichen Pflege tätig ist, weiß, dass dies nicht zum ersten Mal passiert und, so traurig das ist, positive Folgen wie die Weiterentwicklung der Profession oder mehr politische Mitbestimmung blieben bislang zum größten Teil aus (Klapper 2022) . Warum leistet es sich das deutsche Gesundheitswesen nach wie vor und v.a. nun auch im Rahmen der Digitalisierung, auf das Know-how und berufliche Können der Pflegeprofession zu verzichten?

Fakt ist, dass zahlreiche Studien belegen, dass professionelle Pflege einen wichtigen und nachhaltigen Beitrag für das Gesundheitswesen leistet und die medizinische Versorgung u.a. durch die ganzheitliche Perspektive auf den Menschen und dessen Lebenssituation ergänzen kann. Dazu hat die Pflegeprofession, so wie alle anderen Professionen, eigene Arbeitsprozesse und eine eigene Fachsprache. Im übertragenen Sinn, muss man fragen, warum in Deutschland die Verantwortung der Digitalisierung der professionellen Pflege nicht in deren Hand liegt – so wie in anderen Ländern – oder warum diese an der Planung und Umsetzung wenigstens als gleichwertiger Partner beteiligt wird?

Denn auch schon vor der Digitalisierung hat sich gezeigt: Viele Veränderungen in der Gesundheitsversorgung, die von außen, also anderen Berufsgruppen, z.B. zur „Entlastung“ der „Pflege“ angeschoben wurden, haben häufig die gesetzten Ziele nicht erreicht bzw. wurde und wird das Pflegefachpersonal zusätzlich frustriert, da diese zunehmend nicht mehr so arbeiten können, wie es beispielsweise das berufliche Wissen oder der Berufsethos vorgibt. Und das liegt nicht nur an dem zunehmenden Personalmangel, sondern z.B. an einer zwar gut gemeinten, aber falsch umgesetzten Entbürokratisierung. Daher ist es aus Sicht der professionellen Pflege spätestens jetzt an der Zeit, neue Wege einzuschlagen, bevor der Pflexit noch weitervoranschreitet (Stemmer 2021).

Ansatzpunkte, an denen sich die professionelle Pflege bei der Lösung der Herausforderungen der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens einbringen kann, gibt es viele. Nicht zuletzt, da man auf einen umfangreichen internationalen Fundus von wissenschaftlich basierten professionellen Pflegewissen und interdisziplinären Erfahrungen bei der Digitalisierung zurückgreifen kann. Um nur einige zu nennen:

  • Steigerung der Effizienz/Verschlankung von Arbeitsprozessen – Schlagwort Entbürokratisierung
  • Digitalisierung des Gesundheitssystems – Schlagwort Telematik
  • Datenbasierte Gesundheitsforschung – Schlagwort Big Data.

Verpasste Chancen bei der Entbürokratisierung

Wenn man z.B. das mittlerweile im Langzeitbereich häufig umgesetzte Strukturmodell (Vereinfachung des Pflegeprozesses) genauer betrachtet, mag das Personal eine gefühlte Abnahme bei der Dokumentation wahrnehmen, die Sorgenfalten der für die Telematik Verantwortlichen dürften aber zunehmend tiefer werden. Denn, mal abgesehen von den Fragen, die sich hinsichtlich einer professionellen Pflegequalität aufgrund der Eingrenzung des Pflegeprozesses ergeben, stellt der Freitext bei der initialen Einschätzung der Bewohnerinnen und Bewohner, eine bislang kaum lösbare Herausforderung für die Digitalisierung dar. Hätte man bei dieser Entwicklung frühzeitig auf internationale Erfahrungen der Pflegeinformatik (Nursing Informatics) oder auf allgemeine Kenntnisse der Informatik bezüglich der Voraussetzungen für eine der Datenaufbereitung zurückgegriffen, gäbe es diese Problematik heute nicht (Ammenwerth 2016).

Fehlanzeige: Telematik und Big Data

Sieht man sich die bisherige Telematikstruktur (TI) genauer an, kann man auch ohne Informatikkenntnisse schnell feststellen, dass die professionelle Pflege noch kaum vertreten ist. Die Ursachen liegen laut der am Entwicklungsprozess aktiv beteiligten Berufsgruppen u.a. an einer fehlenden digitalisierbaren Pflegesprache. Dies lässt nun die Stirn vieler internationaler und nationaler Pflegeexpertinnen und -experten runzeln, denn es gibt (natürlich) eine eigene berufliche Fachsprache, die auch seit 1973 schrittweise systematisiert und digitalisiert wird, so dass ein fachlicher Austausch auch über Landes- und Sprachengrenzen hinweg möglich ist. So gibt es seit einigen Jahrzehnten standardisierte Referenzterminologien (Hübner 2010) wie

  • den ICNP (International Classification of Nursing Practice), der seit 2020 sogar ein offizieller Teil von SNOMED CT ist, oder

andere deutschsprachige pflegewissenschaftlich abgesicherte Kennzahlensysteme wie

  • epaCC und
  • LEP,

die den professionellen Pflegeprozess abbilden und via ICNP oder auch LOINC mit SNOMED CT gemappt (oder getaggt) sind. Das bedeutet, hier ist die professionelle Pflege in gewissem Sinne sogar schon weiter als die Medizin, da über einen entsprechend digitalisierten Pflegeprozess deutschsprachige Pflegedaten von der bislang noch englischsprachigen umfassenden Referenzterminologie SNOMED CT verstanden werden können. Die Möglichkeiten der Nutzung dieser Daten für die pflegewissenschaftliche Gesundheitsforschung bzw. dem potenziellen Nutzen für das deutsche Gesundheitswesen und jedes einzelnen Hilfe- und Pflegebedürftigen sind bislang leider in den Köpfen der Verantwortlichen noch nicht angekommen (epaCC 2021, Ranegger 2020).

Damit sich die deutsche Pflegeprofession in den Digitalisierungsprozess wirklich einbringen und das bestehende Wissen und die nationalen und internationalen Ressourcen für ein Gelingen der Digitalisierung genutzt werden können, müssen zentrale Voraussetzungen zeitnah erfüllt werden.

Das ist zum einen die in Deutschland zwar seit vielen Jahren diskutierte und von Seiten der Berufsvertretungen wiederholt geforderte Anerkennung als eigenständige und selbstbestimmte Profession im Kanon der interdisziplinären Gesundheitsversorgung, die sich u.a. durch folgende Elemente auszeichnet:

  • Die professionelle Pflege hat einen eigenen wissenschaftlich basierten Wissens- und Handlungsbereich, der z.B. die medizinische Versorgung u.a. mit dem Fokus auf Wohlbefinden und Lebensqualität der Hilfe- und Pflegebedürftigen ergänzt. Dieser eigenständige Fokus wird in den Pflegediagnosen abgebildet.
  • Der Pflegeprozess (inklusive Pflegediagnostik), als Handlungsrahmen und Planungs- und Steuerungselement der Arbeitsprozesse der direkten Versorgung.
  • Die professionelle Pflege hat eine eigene Fachsprache.

Die aktuellen Schritte in Richtung der Akademisierung sind zwar wichtige Weichenstellungen, aber kommen viel zu spät. Nicht umsonst rutscht die deutsche Pflegeprofession im internationalen Vergleich der Qualifikation Niveaus seit Jahren immer weiter ab (Ewers 2019). So ist es auch nicht verwunderlich, wenn Pflegefachkräfte, die zur Abmilderung des Personalnotstands mit hohem Aufwand aus dem Ausland geholt werden, nach kurzer Zeit aufgeben und als einen Hauptgrund angeben, dass sie nicht entsprechend ihres Ausbildungs- und Kompetenz-Niveaus arbeiten können.

Systematische Befähigung notwendig

Die Pflegeprofession muss wie andere Professionen im Gesundheitswesen für die Digitalisierung systematisch befähigt werden. Das bedeutet, sie benötigt gezielte und durch den Arbeitgeber geförderte Kompetenzerweiterung durch pflegespezifische Fortbildung. Und es braucht zeitnah eine gezielte Entwicklung und Förderung der professionsspezifischen Informatik, Stichwort „Nursing Informatics“. Diese spezielle pflegerische Fachrichtung auf Masterniveau, die nur in Bezug auf die Informatikinhalte mit der medizinischen Informatik vergleichbar ist, spielt im Ausland eine immer größere Rolle (Hübner 2010). Pflegekräfte mit dieser Zusatzausbildung können z.B. dabei unterstützen, Wege der Kommunikation zwischen Technik und Pflegepraxis zu gestalten oder die Pflegeperspektive in die Überprüfung/Testung bzw. bedüfnisgerechte Entwicklung von technischen digitalen Hilfsmitteln mit einzubringen. Natürlich können entsprechende Masterprogramme nicht ad hoc aus dem Boden gestampft werden. Ein erstes wichtiges Signal wären von der Pflegeprofession (zusammen mit der Informatik) entwickelte Weiterbildungsangebote in Nursing Informatics, womit sicher auch Pflegefachkräfte im Beruf gehalten werden könnten. Übrigens: Auch hier muss man nicht bei null anfangen, da es im deutschsprachigen Raum schon einzelne an Hochschulen angesiedelte Programme gibt (UMIT Tirol 2022).

Wenn für die Digitalisierung des Gesundheitswesens das Optimale herausgeholt werden soll, muss die Pflege bei der strategischen Planung, Entwicklung und Umsetzung miteinbezogen werden.

Literatur

  • Ammenwerth E. (2016). Pflegepersonen benötigen Kompetenz im Informationsmanagement – Ein Plädoyer, Pflegewissenschaft, 18 (7/8), 324-326.
  • epaCC: Studien und Fachartikel zum epaSYSTEM. https://www.epa-cc.de/studien/ [03.04.2022].
  • Hübner U. (2010). Pflegeinformatik – Mehrwert für die Versorgung von Patienten. Deutsches Ärzteblatt, 107(4), 134-136.
  • Klapper B.: Impulsvortrag – DBfK-Symposium zur Zukunft der Pflege in Deutschland. https://www.youtube.com/watch?v=LEMwPAe1oGA [03.04.2022].
  • Ewers M. (2019). Wo steht die deutsche Pflege im internationalen Vergleich? Die Schwester Der Pfleger, 58 (3), 28-30.
  • Ranegger R. et al. (2020). Automated Mapping of LEP Nursing Data to Nursing Minimum Data Sets. Studies in Health Technology and Informatics, 270, 38-42.
  • SNOMED CT: New ICNP-SNOMED CT Nursing Practice Refset is first product to increase nursing visibility, safety, and quality. https://www.snomed.org/news-and-events/articles/ICNP-SNOMEDCT-Nursing-Practice-Reference-Set [03.04.2022].
  • Stemmer R. (2021). Beruflich Pflegende – Engpass oder Treiber von Veränderungen? In K. Jacobs, A. Kuhlmey, S. Greß, J. Klauber, & A. Schwinger (Hrsg.) Pflege-Report 2021. Springer: Berlin

Weitere Literatur bei den Autorinnen.

Kontakt zu den Autorinnen:

Dr. Monika Linhart, Kontakt: monika.linhart@hs-kempten.de

Patricia Möbius-Lerch, Kontakt: patricia.moebius-lerch@hs-kempten.de

Veranstaltungshinweis

HCM-Chefredakteurin Bianca Flachenecker wird am 11. Oktober 2022 auf dem Smart Hospital Excellence Forum u.a. mit Sabine Brase, Pflegeleitung des Klinikums Oldenburg, und Prof. Dr. David Matusiewicz, Founder Digital Health Academy, über digitale Transformationsprozesse in der Pflege diskutieren.