Weißbuch Herz: Experten sehen Defizite in Langzeitversorgung

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Die Daten zeigten, dass die Behandlung von ACS-Patienten zunehmend leitliniengerecht sei, sagt Prof. Uwe Zeymer, leitender Oberarzt am Klinikum der Stadt Ludwigshafen.

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Die Sterberate hat sich dem Weißbuch zufolge in den vergangenen zehn Jahren um rund 37 Prozent verringert. Trotzdem ist der Herzinfarkt noch immer Todesursache Nummer 2 der Deutschen. Einen Grund sehen die Forscher u.a. aufgrund von Defiziten in der langfristigen medikamentösen Behandlung. Diese sei essenziell, um Folgekomplikationen wie einen weiteren Herzinfarkt zu verhindern, sagt Zeymer. Zum Einsatz kommen Mittel zur Blutverdünnung, gegen Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen. Das Problem: Mit der Zeit bekommen Herzinfarktpatienten die Mittel nicht mehr. Erhalten noch 60 bis 90 Prozent der Betroffenen 90 Tage nach einem ACS-Krankenhausaufenthalt entsprechende Medikamente verordnet, sind es fünf Jahre danach nur noch rund ein Drittel. „Das sind Patienten, die nach den Leitlinien nicht adäquat therapiert werden“, mahnt Zeymer. Die Konsequenz von Defiziten in der Langzeitversorgung sind den Experten zufolge höhere Sterberaten nach einem Infarkt. Von Patienten, die den Krankenhausaufenthalt überleben, stirbt jeder Fünfte innerhalb von fünf Jahren. Nach Ansicht von Zeymer sollte die Versorgung der ACS-Patienten in jedem Fall „sektorenübergreifend von Klinik und ambulantem Bereich erfolgen“. Dazu seien Patientenleitpfade sinnvoll, um die medikamentöse und nicht-medikamentöse Sekundärprävention zu optimieren.

Grundsätzlich kann die Herzinfarkt-Sterblichkeit den Experten zufolge in Deutschland weiter gesenkt werden. Vor allem müsste die für das Überleben entscheidende Zeit zwischen Symptombeginn und der Akutbehandlung in einem geeigneten Krankenhaus verkürzt werden, sagt Hans-Holger Bleß, Leiter des Bereichs Versorgungsforschung bei IGES. Mehr Aufklärung in der Bevölkerung über die Symptome eines Herzinfarktes und das sofortige Alarmieren eines Rettungswagens seien nötig.

Erheblicher Kostenfaktor

Die Kosten für die Herzinfarktbehandlung beziffert das IGES Institut für das Jahr 2008 auf rund 1,85 Milliarden Euro. 70 Prozent der Kosten entstehen dabei im Krankenhaus, im Durchschnitt mehr als 6.000 Euro pro Patient. Auffällig ist die überproportionale Zunahme: Stiegen die generellen Kosten aller Krankheiten zwischen 2002 und 2008 um 16 Prozent, waren es für den Herzinfarkt 74 Prozent. Die Zunahme wird v.a. durch die stark gestiegenen Kosten für über 65-Jährige verursacht.