Onlinekolumne Was jemand verdient, ist Folge gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse

HCM-Kolumnist Eckhard Eyer setzt sich in seinem aktuellen Text mit der Bezahlung für die Mitarbeiter in der Pflege oder anderen systemrelevanten Berufen bzw. Tätigkeiten auseinander.

Dipl.-Ing. Eckhard Eyer, Perspektive Eyer Consulting in Ockenfels, Kontakt: info@eyer.de – © Eckhard Eyer

FDP-Parteichef Christian Lindner gab der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ ein Interview, das am 28. Mai auf Seite 2 unter dem Titel „Kein Brett vorm Kopf“ abgedruckt wurde. Dort antwortet Lindner auf die Frage „War es Ihnen denn nicht manchmal unangenehm, dass Sie – so wie wir – so viel mehr verdienen als eine Kassiererin, die sich vor allem zurzeit viel größeren Risiken aussetzt?“ Lindner antwortet: „Was jemand verdient, ist Folge gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse“. ZEIT: „Aber müssten diese Menschen, die Kassierer, Pfleger, Lkw-Fahrer, nicht trotzdem mehr verdienen?“ Lindner: „Ich bin dafür offen, aber es ist eine Frage von Arbeitgebern, Gewerkschaften und von Konsumenten.“

Wer sich nicht wehrt lebt verkehrt

Diese Binsenweisheit formuliert Lindner mit den Worten „das ist die Folge gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse“ und sagt damit auch: Was jemand verdient ist keine Frage der Gerechtigkeit, der Lohngerechtigkeit, sondern eine Machtfrage. Die Regierungsparteien sehen das offensichtlich genauso, denn in dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung vom 12. Juni 2020 konnte ich keine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Bezahlung für die Mitarbeiter in der Pflege oder anderen systemrelevanten Berufen bzw. Tätigkeiten finden.

Die Pilotengewerkschaft Cockpit hat die Spielregeln offensichtlich früh verstanden, ebenso wie die Ärztegewerkschaft Marburger Bund, die im Jahr 2005 aus dem TVöD ausscherte, streikte und seit 2006 eigene attraktive Tarifverträge abschließt. Die Lockführer Gewerkschaft GDL und die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO kennen die Spielregeln auch und haben sich für ihre Mitglieder eingesetzt. Die Mitglieder können offensichtlich damit leben, dass ihre Kunden sie nicht lieben, aber brauchen. Das ist wohl eine wichtige Voraussetzung, um bei den herrschenden Spielregeln seine Interessen durchsetzen zu können.  

Wohlstand sichern – Zukunftsfähigkeit stärken

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung trägt den schönen Titel „Wohlstand sichern – Zukunftsfähigkeit stärken“. Bedenkt man, dass die Europäische Gemeinschaft auch ein Konjunkturpaket auflegt, das die Bundesrepublik zu einem großen Teil finanziert, dann ist ein wesentliches Ergebnis: Wir sichern unseren Wohlstand in Deutschland dadurch, dass wir die Nachfrage aus Südeuropa selbst mit verlorenen Zuschüssen finanzieren und dafür Kredite aufnehmen. Ob die Rechnung aufgeht, ist offen. Wichtig ist: Für die Pflege alter und pflegebedürftiger Menschen im eigenen Land und eine angemessene Bezahlung der Mitarbeiter, die in der Pflege rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche arbeiten, ist nicht ausreichend Geld vorhanden. Auch ihr Gehalt schafft Wohlstand und sichert die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen, die wiederum Arbeitsplätze und Wohlstand sichern.

Fazit

Wer sich auf ein Spiel wie „Mensch ärgere dich nicht“ einlässt, sollte die Spielregeln kennen. Wer gewinnen will, der muss seine Interessen durchsetzen und auch einmal jemand „rauswerfen“, Er darf aber auch keine Tränen vergießen, wenn er selbst „rausgeworfen“ wird. Wer nur spielt, um mit den Kindern und Enkeln die Coronazeit zu überbrücken, hat möglicherweise ein anderes Ziel, er will „um des lieben Friedens willen“ und „um Tränen zu vermeiden“, vielleicht gar nicht gewinnen.

Kontakt zum Autor:
Dipl.-Ing. Dipl.-Kfm. Eckhard Eyer ist Gründer von Perspektive Eyer Consulting in Ockenfels, Kontakt: info@eyer.de, www.eyer.de