19. PEG-Fachtagung am 11. Oktober 2018 Was geschieht, wenn die Roboter kommen?

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Wenn man sie demokratisiert, wahrscheinlich nicht das Ende der Menschen – glaubt man den Experten, die darüber auf der diesjährigen Fachtagung der Einkaufsgenossenschaft in München diskutiert haben. Damit spannten die Veranstalter einen weiten Bogen über den reinen Krankenhauseinkauf hinaus und rückten den Wandel der gesamten Gesundheitswirtschaft in den Mittelpunkt.

Podiumsdiskussion und volle Reihen unter der Moderation von Prof. Dr. Jörg Debatin zum Thema: Robotik in der Gesundheitswirtschaft. – © Bianca Flachenecker

Die Roboter werden kommen; und sie werden besser sein als je zuvor. Prof. Dr.-Ing. Alin Albu-Schäffer, Lehrstuhl für sensorbasierte Robotersysteme und intelligente Assistenzsysteme an der TU München, und Prof. Dr. Sami Haddadin, Gründungsdirektor der Munich School of Robotics and Machine Intelligence der TUM, machten das in ihren Vorträgen und Videos unmissverständlich deutlich. Die Einsatzbereiche werden sich ausweiten und vom OP (DaVinci) auch die Pflege durchdringen. Eine unkontrollierte Machtergreifung von intelligenter Technik dürfte aber keine Gefahr werden, da Wissenschaftler aktiv daran arbeiten, entsprechende gesellschaftliche Grundlagen zu schaffen. Heißt konkret: Menschen und v.a. Kinder bereit für Robotik zu machen. Zum Beispiel mit Robokind. Das Projekt mit ganzheitlichem Konzept für Schulen zum Thema moderne Robotik soll dabei helfen, sogenannte Robo-Natives „auszubilden“ – Menschen, die wissen, wie man Robotertechnik richtig einsetzt, damit sie den Alltag erleichtert.

Bei der Podiumsdiskussion unter der Moderation von Prof. Dr. Jörg Debatin mit

  • Prof. Dr.-Ing. Alin Albu Schäffer,
  • Daniel Bahr, Manager Allianz Private Krankenversicherung,
  • Dr. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft,
  • Stephan Holzinger, CEO/CFO Rhön-Klinikum,
  • Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer,
  • Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, und
  • Andreas Westerfellhaus, Pflegebeauftragter der Bundesregierung.

zur Frage, welche Chance Robotik für das Gesundheitswesen bereit hält, wurde deutlich, dass, „wir eine andere Kultur brauchen“, wie Bahr es ausdrückte. Er empfindet es als „schwer, in Deutschland Zuspruch für etwas zu bekommen, was man noch nicht kennt.“ Es sei jetzt an der Zeit in Technik zu investieren. Auch Holzinger fordert eine breite gesellschaftliche Debatte und brachte die Frage auf, ob Robotik in der Pflege einen Beitrag dazu beitragen kann, nicht noch mehr Fachkräfte zu verlieren. Der Tenor aus dem Podium: Robotik kann dazu eingesetzt werden, vorhandene Fachkräfte zu unterstützen, ihren Alltag zu erleichtern und so auch das Image gerade in der Pflege zu stärken.

Wenn es um die Durchdringung von Robotertechnik in deutschen Krankenhäusern geht, zeigt die HIMSS-Skala laut Prof. Debatin deutlich, dass Deutschland mit einem Wert von 2,7 bei einem Spektrum bis 7 noch nicht annähernd am Ziel ist. Woran das liegt? Dr. Gaß sieht eine Antwort darauf darin, dass der Spielraum für solche Investitionen in Einrichtungen nicht besonders groß ist. „Krankenhäuser verdienen ihr Geld bei der Behandlung – wenn es darum geht, zu investieren, dann sind wir auf die Länder angewiesen. Man muss zu viel aus den Erlösen der Patientenbehandlung abzweigen – da verliert man schnell das Interesse daran.“ Mit den aktuellen Entwicklungen werden Einrichtungen seiner Meinung nach tendenziell eher den Anreiz haben, ins Personal zu investieren statt in Technologie. Außerdem fehle es an Planungssicherheit.

Westerfellhaus entgegen stört ein solches „Gegeneinander Ausspielen von Innovationen und Personalausstattung. Man müsse vielmehr überlegen, wie man Robotik sinnvoll im Sinne der Mitarbeiter und Patienten einsetzen kann und dabei alle Beteiligten von vornherein mit einbeziehen. Robotik dürfe nur als „ergänzendes Werkzeug“ gesehen werden und muss Freiräume schaffen.

Prof.   Scholz, der „Innovationsmotor aus dem hohen Norden“ wie ihn Prof. Debatin nannte, lieferte mit seinen visionären Krankenhausprojekten u.a. in Kiel und Lübeck interessante Ansichten aus der Zukunft. Wir müssen uns überlegen, ob das Krankenhaus bleibt so wie es war.“ Und das wird es wohl nicht, denn der Patient will dort behandelt werden wo er ist, und das ist mit moderner Technik bereits heute – vorausgesetzt sie wird angeboten und finanziert, leistbar. Dazu muss allerdings generell eine ganz wichtige Veränderung hingenommen werden: „Wir müssen akzeptieren, dass IT-Fachkräfte auf Augenhöhe mit Ärzten arbeiten.“

Und wie können sich angehende Mediziner auf dieses Zukunftsszenario vorbereiten? Laut Prof. Montgomery: „Wenn man uns davon überzeugen kann, dass uns Robotik besser macht und wir etwas davon haben, bin ich sicher, dass die Entwicklung voran geht. Wir haben uns in unserer Geschichte schon oft angepasst  – und das werden wir auch in Zukunft tun!“

Prof. Albu-Schäffer hat keine Bedenken, dass seine Entwicklungen angenommen, unter der Voraussetzung, dass bei Entwicklung und Anwendung immer wieder darauf geschaut wird, was der Anwender braucht und dieser weiß, was Robotik kann, und sie einsetzen kann. Und wird der Mensch nun durch die Robotik ersetzt? Den Aussagen der Experten wohl eher nicht. Aber: Man muss das Thema in die Ausbildung integrieren, damit sie später Bestandteil der Patientenversorgung werden kann.

Die Zukunft ist nicht weit

Der „besonderer Vortrag“ zum Abschluss kam von einem der fünf Pioniere der Robotik Prof. Dr. Ing. Gerd Hirzinger. „Robotik in der Gesundheitswirtschaft, gestern, heute, morgen!“ lautete der Titel des mit Videomaterial visualisierten Vortrages des Doktorvaters von Prof. Haddadin. Hirzinger berichtete darin von Telepräsenz durch Robotik mit Kraftrückkopplung, roboterarmgeführtes Knochenschneiden mit Laser, Singleport-Chirurgie und robotergestützter Tele-Home-Care-Lösungen und schärfte damit den Blick in eine gar nicht so ferne Zukunft.

Auch Führung muss sich wandeln

Zur „Gesundheitswirtschaft im Wandel“ gehört allerdings auch „wertorientierte Führung“ nach Prof. Wilfried von Eiff. Was darunter zu verstehen ist, erklärte er in seinem Vortrag zum CKM-Führungsmodell. Ein Ansatz darin: „Every Employee a Manager“. „Heißt jeder Mitarbeiter ist in seinem Bereich ein Unternehmer“, erklärt Prof. von Eiff. Einzelheiten dazu finden Sie in der September-Ausgabe von HCM auf den Seiten 28 und 29.

Fachexpertise und tiefergehende Einblick zu den Themen Einkauf, Senioren- und Pflegeeinrichtungen, Pflegekräfte, Verpflegungsmanagement, Digitalisierung und Reha bekamen die Teilnehmer dann in den unterschiedlichen Foren.

Westerfellhaus und Imhoff sorgten für Gesprächsstoff

Der dortige Auftritt vom Pflegebevollmächtigen der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus und seines Kollegen aus Bayern, Herrmann Imhof, sorgten für volle Reihen im Forum Pflegekräfte und hinterher für viele Diskussionen. Vor allem die Aussage von Imhof zur „Pflegekammerlösung in Bayern“, die „ein Stück weit weiterentwickelt werden muss“. Ministerpräsident Markus Söder habe in einer Videobotschaft zur 70-Jahre-Jubiläumsveranstaltung des Bayerischen Landespflegerates am Tag zuvor im Sophiensaal des Bayerischen Landesamtes für Steuern in München von einer „Zwischenlösung“ gesprochen.

Westerfellhaus‘ Worte über seine ersten sechs Monate im Amt „auf der anderen Seite“ vielen sehr offen aus: „Das Schwierigste für mich ist es, den Wechsel von der Opposition in die Regierung hinzukriegen. Jetzt merke ich, man braucht Allianzen, die man vorbereiten muss, ich brauchte Menschen die mitgehen.“ Damit ihm das gelingen möge, plädierte er an eine anhaltende Rückendeckung der Pflege in Deutschland.

Konkret arbeite Westerfellhaus derzeit an folgenden Themen:

  • Justierung der Zuständigkeiten in Gesundheitsberufen,
  • Stärkung der pflegenden Angehörigen,
  • Einführung von „Pflegehebammen“ wie in Dänemark,
  • Akademisierung der Pflege,
  • Schutz vor übermäßiger Bürokratie.

Im kommenden Jahr feiert die Fachtagung ihren 20. Geburtstag. „Wir haben Spannendes vor“, verspricht Anton J. Schmidt, Präsident der PEG. Datum für die Veranstaltung 2019: 10. Oktober.

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    Am 11. Oktober 2018 lud die PEG zu ihrer 19. Fachtagung nach Müchen ein. Thema: Gesundheitswirtschaft im Wandel.
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    Anton J. Schmidt hatte hochkarätige Gäste eingeladen: Darunter auch Senator a.D. Ulf Fink aus Berlin, der Pflegebevollmächtigte Andreas Westerfellhaus, ehemaliger Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, Vorsitzender der Initiative Gesundheitswirtschaft Prof. Dr. Jörg Debatin, Präsident der Bundesärztekammer Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery und viele weitere.
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    Herzliche Begrüßung: Anton J. Schmidt, Vorstandsvorsitzender der PEG, bei der Eröffnung.
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    Prof. Dr. Sami Haddadin, Gründungsdirektor Munich School of Robotics and Machine Intelligence der TUM, berichtete über seine ausgezeichnete Arbeit in der sensorischen Robotik.
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    Podiumsdiskussion und volle Reihen unter der Moderation von Prof. Dr. Jörg Debatin zum Thema: Robotik in der Gesundheitswirtschaft.
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    © Eleana Hegerich/PEG
    Die Diskutanten des Podiums mit Anton J. Schmidt (2. v.l.): (v.l.n.r.) Prof. Dr. Jens Scholz, Stephan Holzinger, Prof. Dr. Jörg Debatin, Prof. Dr.-Ing. Alin Albu-Schäffer, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Daniel Bahr, Andreas Westerfellhaus, Dr. Gerald Gaß.
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    Viel Zeit zum Netzwerken in den Pausen.
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    Forum Pflegekräfte: Hermann Imhof, Patienten- und Pflegebeauftragter in Bayern, gab ein Statement aus Sicht der Bayerischen Staatsregierung über die Entwicklung der Pflege in Bayern ab. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag siehe Link unten.
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    Andreas Westerfellhaus bei seinem Impulsreferat über die Pflege im Fokus der Bundesregierung und seine ersten sechs Monate im Amt als Pflegebevollmächtiger in Berlin.
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    Voller Erwartungen auf die Ausführungen zum Thema Pflegekammer von Imhof und Westerfellhaus waren alle Plätze im Forum Pflegekräfte gefüllt und von Experten besetzt.
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    Der besondere Vortrag: Prof. Dr.-Ing. Gerd Hirzinger, Doktorvater von Prof. Haddadin und von diesem als „einer der fünf großen Pioniere der Robotik“ bezeichnet, gab am Ende der Fachtagung einen beeindruckenden und bewegten Einblick in die Gegenwart und Zukunft von Robotern im Gesundheitswesen.