Entscheider-Werkstatt Was es für ein KIS der Zukunft braucht

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Bei der Entscheider-Werkstatt in Zusammenarbeit mit der Ategris-Gruppe diskutierten die Teilnehmenden, wie Krankenhausinformationssysteme (KIS) zukünftig aufgestellt sein sollten – Anforderungen und Erfolgsparameter für die Umsetzung.

Entscheider-Werkstatt KIS der Zukunft
Was das KIS der Zukunft ausmacht, diskutierten die Teilnehmenden der Entscheider-Werkstatt. – © Michael Reiter

Die Voraussetzungen für ein KIS der Zukunft sind eine „strategische Infrastrukturentwicklung und Prozessklärung vor IT-Einsatz“, sagte Dr. Martin Kuhrau, Chief Information Officer der Ategris-Gruppe, auf der Entscheider-Werkstatt der Entscheiderfabrik, die vom 16. bis 17. März 2022 stattfand. Denn die „IT muss an die Prozesse angepasst werden“, wozu es z.B. Prozesskenntnisse auf IT-Seite ebenso wie bei medizinischem sowie pflegerischem Personal brauche. Außerdem sollten laut Kuhrau Bausteine aufeinander aufbauen, um den Weg zum KIS der Zukunft zu meisten – z.B. müsse eine OP-Dokumentation vor einer OP-Planung vorhanden sein. Dazu sei die konsequente Umsetzung in der Fläche und nicht nur auf Pilotstationen nötig.

KIS und Subsysteme als zukünftiges Modell

Im Moment ist das KIS bei der Ategris-Gruppe „ein großes System mit vielen einzelnen Modulen“, also ein monolithisches System, erklärte Kuhrau. Für die Zukunft stelle er sich Folgendes vor: Ein KIS, das über eine FHIR-IHE-konforme Struktur an externe Systeme angebunden sei. Es sollte einige Kernfunktionen haben:

  • Ein einheitliches User Interface,
  • eine Prozessunterstützung (z.B. Ressourcenmanagement und -planung),
  • eine zentrale E-Kurve (z.B. Vitalwerte), die besonders wichtig wird, wenn strukturierte Daten von anderen Bausteinen ins KIS einfließen,
  • Pflegeplanung und Dokumentation,
  • Dokumentenmanagement,
  • Integrationsplattform für Subsysteme, die z.B. Daten aus externer OP-Dokumentation einbinden kann sowie
  • eine Anbindung an die Telematik.

Darüber hinaus stellte Kuhrau auch spezifische Anforderungen an ein KIS der Zukunft: Es sollte möglichst eine echte Webapplikation sein. Zudem solle das KIS die Kommunikation sowie Datenquellen standardisieren, um so z.B. doppelte Datensätze wie den Natriumwert eines Patienten oder einer Patientin zu verhindern. Die Funktion als klinisches Kollaborationstool sowie die Möglichkeit wie in einem Baukasten Module hinzufügen zu können – auch spezifische Expertensysteme – würden das KIS zukunftsfähig machen.

Konzepte und Parameter für die Umsetzung

Wie das vorgestellte KIS der Zukunft und dessen Anforderungen zu realisieren wären, diskutierten die Teilnehmenden der Entscheider-Werkstatt in zwei Workshops.

1. Strategie und kritische Erfolgsparameter

Im Rahmen einer Strategie müssten unterschiedliche Akteure wie Patienten und Patientinnen oder Sanitätshäuser an das KIS angebunden werden. Anwenderfreundliche User Interfaces müssten je Zielgruppe definiert werden, z.B. für Ärzteschaft oder Pflegekräfte. Außerdem wären u.a. die Fragen zu klären, ob die künftige Kernaufgabe des KIS die Prozesssteuerung sei und ob das KIS Entscheidungsunterstützung leisten könne? Dazu bräuchte es definierte Erfolgsparameter, die für die Implementierung eines solchen Systems nötig sind: Changemanagement und KPIs (Key Performance Indicators) aus dem KHZG (Krankenhauszukunftsgesetz):

  • Bis zum 31. Dezember 2024 seien Pflicht-Vorgaben aus dem KHZG zu erfüllen,
  • nach dem 31. Dezember 2024 sei ein echter Change zu erwarten.

Für die Transformation zum KIS der Zukunft über KHZG-Vorgaben hinaus brauche es eine Benutzerfreundlichkeit für die Anwendergruppen. Kulturwandel, Projektmarketing und die Konzeption der Projektarbeit spielen eine wichtige Rolle. Hervorzuheben seien auch die Mehrwerte und Potenziale, die ein Krankenhaus dadurch generieren kann, z.B. die Reduktion von Dokumentationszeiten durch eine vollständige Dokumentation im Rahmen eins Patientendatenmanagementsystems (PDMS).

Priorisierung für den Weg zum KIS der Zukunft
Kritische Erfolgsparameter auf dem Weg zum KIS der Zukunft sortiert nach Wichtigkeit und Dringlichkeit. – © Entscheiderfabrik

2. Rahmenbedingungen und Realisierung

Zur Realisierung eines KIS der Zukunft führe „keine reine IT-Strategie, sondern Prozess-, Technologie- und Datenstrategie im Einklang“, erklärte Prof. Dr. Gregor Hülsken, Dozent FOM Hochschule für Oekonomie & Management. Wesentliche Grundlagen seien neben diesen Strategien, aber auch an den Usern ausgerichtete Prozesse, um die Anwenderinnen und Anwender mehr zu integrieren und KPIs, um den Erfolg zu messen.

Sieben Schritte für die Umsetzung eines KIS der Zukunft:

  1. IT-Strategie formulieren
  2. Datenstrategie entwickeln
  3. Digitalstrategie entwickeln, Process Owner finden
  4. Strategische Partner ermitteln, Kompetenz schaffen
  5. Transformation der Prozesse und der Entscheidungswege anstoßen
  6. Prozesseffizienz messen, Handlungen ableiten, Entscheidungen treffen
  7. Daten nutzen, Wertschöpfung verbessern
Priorisierung der sieben Schritte zur Realisierung des KIS der Zukunft
Die sieben Schritte zur Realisierung des KIS der Zukunft als Prozess und sortiert nach Dringlichkeit und Wichtigkeit. – © Entscheiderfabrik

Zum Fazit stellte Hülsken eine Priorisierung für die Schritte zusammen, wobei Kompetenz bei allen Beteiligten zu schaffen, das wichtigste und dringendste sei und forderte einen „Paradigmenwechsel in der KIS-Architektur“, der ein radikales Umdenken und eine Neuordnung der Strukturen nötig mache.