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Ansichten aus Großbritannien Was eine deutsche Pflegefachkraft, die in England arbeitet, über die Pflegekammerentwicklung in Deutschland denkt

Sie arbeitet seit 15 Jahren in Bristol als Overseas Nurse bzw. Registered Nurse an der Uniklinik, gibt seit sechs Jahren eigene Pflegefachkurse in sechs europäischen Ländern und ist eine Befürworterin der Pflegekammer – nicht zuletzt, weil sie in ihrer Wahlheimat erlebt, welche Vorteile das für die Berufsangehörigen mit sich bringt. Im Gespräch mit HCM hat Sabine Torgler verraten, warum die Pflege eine andere Kultur braucht und warum sie sich für Deutschland die Pflegekammer wünscht.

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HCM:  Frau Torgler, Sie unterstützen von ihrer Wahlheimat England aus die Kammerentwicklung in Deutschland, v.a. in Niedersachsen. Nicht zuletzt weil Sie in Bristol erleben, wie sich eine Pflegekammer und eine Pflegekultur positiv auf das Berufserlebnis auswirken. Können Sie konkret beschreiben, was eine Kammer mit der Pflegekraft macht?

Torgler: Wir Pflegekräfte in England empfinden uns als eine starke, einheitliche Profession, die gegenüber anderen Berufsgruppen gleichgestellt ist und autonom in ihrem Beruf agieren darf. Wir müssen unser Handeln auf Station selbst verantworten. Unsere Aufgaben sind nicht delegiert. Das lebenslange Lernen, dass in Deutschland eher den Medizinern zugeschrieben wird, gilt in England auch für uns Pflegefachkräfte. Wir sind damit auch weiterbildungstechnisch auf Augenhöhe mit den Medizinern. Das verschafft uns in der Gesellschaft Ansehen. All das haben wir im Grunde der Pflegekammer zu verdanken. In England gibt es sie bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

HCM: In Deutschland ist die erste Kammergründung erst gut zwei Jahre her. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Torgler: Deutschland hängt ziemlich hinterher. Auch wenn das ganz normal ist, hat sich in Deutschland seit der ersten Kammergründung nicht viel getan. Die Entwicklung der Pflege in Deutschland braucht einen lang angelegten Prozess, damit am Ende eine Pflegekultur ähnlich der in England entstehen kann. Aber das geht in so kurzer Zeit nicht. Positiv betrachtet: Dass es nun die ersten Pflegekammern gibt, ist eine wichtige Veränderung in die richtige Richtung.

HCM: Warum wird die Kammerfrage in Deutschland von vielen am Bett Tätigen so kritisch beäugt?

Torgler: Weil viele von ihnen noch nicht erkannt haben, dass die Berufspolitik alle etwas angeht, nicht nur die Leitungsebene. Die, die am Bett arbeiten brauchen eine Veränderung. Deshalb müssen sie sich auch selbst dafür einsetzen. Wir dürfen nicht andere für uns denken lassen. Stattdessen müssen wir selbst Verantwortung übernehmen. Die ersten Kammergründungen zeigen ja bereits, dass das Potenzial da ist und auch erkannt wird. Ich habe Hoffnung, dass sich das Denken innerhalb der Berufsgruppe in den kommenden Jahren gegenüber der Kammer zum Positiven hin verändern wird.

HCM: In England stehen die Pflegekräfte also anders hinter der Kammer?

Torgler: Ja. In England darf man auch ohne eine Mitgliedschaft gar nicht praktizieren. Sie überprüft nämlich auch die Berufsqualifikation. Dass dafür ein Beitrag bezahlt werden muss, wird überhaupt nicht in Frage gestellt. Mein Mitgliedsbeitrag beträgt z.B. 125 Pfund im Jahr, das sind rund 10 Pfund im Monat – ähnlich wie in Deutschland. Dafür habe ich eine Berufsorganisation hinter mir, die mich bei Fragen unterstützt, meiner Profession eine Berufsordnung gibt und auch die Weiterbildung regelt.

HCM: Wie stehen Sie denn zum Konzept der freiwilligen, „kostenlosen“ Mitgliedschaft, wie es die Vereinigung der Pflegenden in Bayern vorsieht?

Torgler: Das ist eine Katastrophe. Wer sich heutzutage gegen eine Pflegekammer ausspricht, der hat das Konzept der modernen Pflege nicht verstanden.

HCM: Wünschen Sie sich denn für die deutsche Pflege eine Struktur wie in England?

Torgler: Das kann man so pauschal nicht sagen. Die beiden Systeme funktionieren komplett unterschiedlich. Eine Struktur wie in England aufzustülpen würde, nicht funktionieren und bräuchte eine Revolution im System. Und natürlich gibt es auch in England Kritikpunkte. Allerdings haben wir eine gelebte Pflegekultur, die von der Gesellschaft getragen wird. Das braucht Deutschland auch und dafür sind die Kammergründungen essenziell. Ich finde das lethargische Verhalten der Pflege in Deutschland sehr bedenklich. Sehr viele Kollegen sind mit ihrem Arbeitsplatz und ihren Aufgaben unzufrieden. Deshalb sollten sie es unterstützen, wenn sich Menschen zusammenschließen, um etwas dagegen zu unternehmen.

Über Sabine Torgler

Torgler lebt und arbeitet seit 15 Jahren als Overseas/Registered Nurse am Universitätsklinikum in Bristol. Vor sechs Jahren hat sie mit English for Nurses ihr eigenes Unternehmen gegründet und coacht gemeinsam mit ihren Mitarbeitern Pflegefachkräfte in sechs europäischen Ländern, darunter in mehr als 60 deutschen Kliniken. Sie hat in Bremen ihre Ausbildung absolviert, aber sich später bewusst für das Leben und Arbeiten als Pflegefachkraft in Großbritannien entscheiden. Torgler genießt dort wie ihre Kollegen ein hohes Ansehen in der Gesellschaft, nicht zuletzt wegen der ausgeprägten Pflegekultur, die im Land vorherrscht. Etwas, dass sie sich auch für ihr Heimatland wünscht. Torgler sieht aber auch, dass es in Deutschland eine Revolution im Gesundheitswesen geben müsste, damit hierzulande für die Pflege ähnliche Bedingungen wie in England gelten könnten. Sie rät ihren deutschen Kollegen, keine Angst vor dem Fortschritt zu haben, und neue Wege zu gehen, um ihre Berufsgruppe zu retten und aus dem lethargischen Verhalten auszubrechen.

Torgler unterstützt v.a. die Pflegekammer in Niedersachsen.

Kontakt: sabine@englishfornurses.org

Weitere Informationen: www.englishfornurses.org

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Pflegesituation

Freiberuflich in England tätige Pflegekraft gibt Ratschläge für Gründung weiterer Zwangspflegekammern in Deutschland !

es ist beruhigend, selbst seit vielen Jahren in England tätige Pflegekraft , macht sich Gedanken über die Gründung von weiteren Zwangspflegekammern in Deutschland. Dies zwingt zum intensiven Nachdenken über die Motive von Frau Sabine Torgler. Frau Torgler ist, als Freiberuflerin, mit Ihrer eigenen Firma English for Nurses , wie Sie selbst schreibt, in inzwischen bereits 6 europäischen Ländern tätig. Gratulation zu diesem beruflichen Erfolg. Diesen beruflichen Erfolg als Freiberuflerin möchte Sie nunmehr durch diesen kostenlosen Beitrag in Health@Care auch in Deutschland fortsetzen. Es ist sehr durchsichtig die vielen Millionen an Zwangsbeiträgen die bereits bei den Zwangspflegekammern z.B. in Rheinland-Pfalz auf Abruf winken sind verlockend. Solche lukrativen beruflichen Möglichkeiten stehen Frau Torgler jedoch bei der Vereinigung der Pflegenden in Bayern eben NICHT zur Verfügung. An Steuergelder heranzukommen ist ungleich schwieriger als an Zwangsbeiträge in Millionenhöhe. Frau Torgler möge bitte IHRE Pflegekultur in England oder sonst wo leben
aber NICHT in Deutschland, vor allem nicht in Bayern. Die bayerische Gesundheitsministerin Frau Dr. med. Melanie Huml genießt ein hohes Ansehen bei bayerischen Pflegekräften. Bliebt zu hoffen die bayerischen Pflegekräfte setzen sich mit massiven Protesten gegen die Pläne z.B. der bayerischen angeblich FREIEN Wähler durch die für eine bayerische Zwangspflegekammer votieren. Am 6.April 2017 hat der bayerische Landtag mit Mehrheit für die Einrichtung einer Interessenvertretung für die bayerischen Pflegekräfte votiert. In einer Demokratie sind Mehrheiten zu akzeptieren, NICHT ZWÀNGSGRÜNDUNGEN mit ZWANGSPFLEGEKAMMERN mit ZWANSGBEITRÄGEN.....Punkt.