Healthy Economics Was die Ökonomie von der Medizin lernen kann

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Ökonomische Methoden auf die Medizin anzuwenden, ist ganz üblich (man denke an „Gesundheitsökonomie“, „Pharmakoökonomie“ usw.). Seltener wird umgekehrt gefragt: Was kann man aus der Medizin für die Ökonomie lernen?

Ökonomische Methoden auf die Medizin anzuwenden, ist üblich (man denke an Gesundheitsökonomie, Pharmakoökonomie usw.). Seltener wird umgekehrt gefragt: Was kann man aus der Medizin für die Ökonomie lernen?

In einer früheren Veröffentlichung konnte gezeigt werden, dass man zwar nichts von medizinischen Gegenständen wie Krankheiten für die Ökonomie lernen kann, sehr wohl aber von der medizinischen Theorie. Es bringt nichts, wenn man „Fieber“ und „Überhitzung des Marktes“ vergleicht, wohl aber, das Vorgehen der Medizin mit der Ökonomie. Insbesondere erkennt man, dass die Grundlagen der Medizin – Anatomie und Physiologie – aus der Empirie gewonnen werden, hingegen die Annahmen der neoklassischen Volkswirtschaftlehre (Stichworte: Homo oeconomicus, Institutionen, Transaktionskosten) spekulativ sind (Thielscher 2014).

Das war auch in der Medizin nicht immer so. Von der Antike bis in die Neuzeit hinein funktionierte die Medizin ganz ähnlich wie heute die Volkswirtschaftslehre. Galen ging z.B. davon aus, dass Gesundheit auf der richtigen Mischung der Körpersäfte beruht (gelber und schwarzer Galle, Blut und Schleim). Diese Säfte hatten unterschiedliche Eigenschaften, u.a. waren sie „warm“ bzw. „kalt“. Krankheiten entstanden der Humoralpathologie zufolge, wenn das Säftegleichgewicht gestört war. Die Behandlung musste dann „entgegengesetzt“ sein.

Ein schönes Beispiel dafür, wie man mit einem fast richtigen Modell zu katas­trophal falschen Ergebnissen kommt, ist Aretaios’ Empfehlung zur Behandlung der Lungenentzündung (Kollesch & Nickel 2005): „Über Lungenentzündung. Auf Grund der beiden bestimmenden Prinzipien, der Nahrung und der Atemluft, leben die Lebewesen, von ihnen ist die Atmung bei weitem entscheidender; denn wenn jemand den Atem anhält, wird er nicht lange ausreichen, vielmehr stirbt der Mensch sofort. Es gibt unzählige Organe: Den Anfang bildet die Nase, als Weg dient die Luftröhre, als Raum die Lunge, der Brustkorb ist schützende Umkleidung und Behälter der Lunge. Aber die übrigen dienen dem Lebewesen lediglich als Werkzeuge; die Lunge dagegen enthält auch die Ursache für die Anziehung; denn den Raum in der Mitte zwischen ihr nimmt ein warmes Organ ein, das Herz, der Ursprung des Lebens und der Atmung; dies vermittelt auch der Lunge das Verlangen nach der Anziehung der kalten Luft; denn es erhitzt sie; das Herz übt aber einen Zug auf sie aus (…). Dies ist es, was wir als Lungenentzündung bezeichnen: eine Entzündung der Lunge mit akutem Fieber, wenn ein Schweregefühl im Brustkorb damit verbunden ist; sie verläuft ohne Schmerzen, wenn nur die Lunge entzündet ist (…). Die Entzündung der Lunge ist bei denjenigen, bei denen ein nur kurze Zeit dauernder Erstickungsanfall auftritt, ein hochgradig akutes end zeitlich begrenztes Leiden. Die Heilmittel müssen nun entgegengesetzt sein und eine schnelle Wirkung haben. Man soll sofort die Venen am Ellenbogen durch einen Schnitt öffnen, und zwar besser beide zugleich, rechts und links, als nur aus einer größeres Blut zu entziehen, damit die Ableitung der Flüssigkeiten von jeder der beiden Regionen der Lunge her erfolgt. Doch nicht bis zur Bewußtlogkeit; denn die Bewußtlosigkeit fördert noch den Erstickungsanfall. Aber auch wenn sie nur noch wenig atmen, muß man sofort anhalten und den Blutstrom unterbrechen. Denn wenn die Ursachen aus dem Blut herrühren, nimmt der Aderlaß die Ursache selbst mit sich fort; und wenn Schleim, Schaum oder irgendeine andere Flüssigkeit als Ursache wirken, machen die Entleerungen der Venen den Raum der Lunge für das Passieren des Atems weiter.“

Die Frage liegt nahe, wie oft ökonomische Empfehlungen genau so falsch sind wie die von Aretaios, nur, dass die ökonomische Theorie das noch nicht gemerkt hat. Und vor allem: Was müsste man tun, damit die ökonomische Theorie dieselbe Entwicklung erlebt wie die medizinische, d.h., wegkommt von fast richtigen spekulativen Modellen hin zu empirisch basierten? Genau das ist ein aktuelles Forschungsprojekt der DGFM. Dabei versuchen wir, die Struktur der medizinischen Theorie sauber darzustellen und dann über den Gegenstand wirtschaftswissenschaftlicher Arbeit zu legen.

Prof. Dr. med. Dr. rer. pol. Christian Thielscher, FOM Hochschule für Oekonomie und Management, ist Gründungspräsident der DGFM.