Lesetipp Warum unsere Medikamente nicht mehr sicher sind

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Patientensicherheit und Pharma

Pünktlich zum Start des Topthemas Arzneimittelversorgung, das HCM in Ausgabe 7-8/2017 beleuchtet, kam der Fachtitel „Pharma-Crime“ auf den Markt. Koautor ist der Filmemacher Daniel Harrich, der Mitte Mai mit seinem ARD-Themenabend „Gefährliche Medikamente“ für Aufsehen sorgte. Das Begleitbuch geht weiter, liefert noch mehr Recherchen und entpuppt sich – leider – tatsächlich als ein wahrer, hochspannender Krimi.

© Heyne

Als das Pop-Idol Prince 2016 nach der Einnahme eines Schmerzmittels starb, war die Bestürzung groß – nie war der Künstler durch Drogen- oder Medikamentenkonsum aufgefallen. Dann stellte sich heraus: Der Musiker war durch die Einnahme eines gefälschten Medikaments gestorben. Es enthielt einen Wirkstoff, der eigentlich nur Schwerstkranken verordnet wird, den er (unwissentlich) offenbar auch ohne ärztliche Aufsicht genommen hatte.

Das nahm die Welt soweit zur Kenntnis. Doch die echte Nachricht dahinter geht weiter: Prince war und ist kein Einzelfall. Sondern unsere Medikamente sind nicht mehr sicher, weil das Ausmaß an Fälschung international stetig zunimmt. Das ist Tenor des Buches „Pharma-Crime“, für das die Filmemacher Daniel Harrich und seine Mutter Danuta Harrich-Zandberg lange recherchiert haben. „Kopiert, gepanscht, gefälscht“, so der Untertitel, zeigt dann auch die Marschroute für diesen Realo-Krimi, dem man eigentlich gar nicht glauben mag, besser: nicht glauben will.

Millionen Tote durch gepanschte Arzneien

Denn: Laut Recherchen der Autoren ist bereits jedes hundertste Medikament in unseren Apotheken und Krankenhäusern gefälscht – und das ist nicht zu erkennen, weil es sich äußerlich um Originalprodukte handelt.

Jedes Jahr sterben mindestens eine Million Menschen weltweit an gepanschten Arzneien, weil diese entweder gar keinen oder zu viel Wirkstoff oder giftige Trägerstoffe enthalten. Vor allem lebenserhaltende und stark nachgefragte Arzneimittel sind betroffen.

Kriminelle Profitgier siegt über Menschenleben

In neun Kapiteln zeichnet Familie Harrich die Historie zur Medikamentenfälschung nach: Angefangen u.a. beim Contergan-Skandal, weiter über andere Mittel, undurchsichtige Warenketten, Global Player sowie die Herstellung in Indien und China bis hin zu den modernen Bestellfallen im Internet.

Gespickt mit aktuellsten Studien, Quellen und Zahlen hat das populärwissenschaftliche Taschenbuch nicht nur das Zeug zum informativen Nachschlagewerk, sondern sorgt mit einem sachlichen, flüssigen Stil über 270 Seiten ebenso für spannende „Unterhaltung“. Tatsächlich aber lassen manche Zeilen den Leser so geschockt wie verstört zurück: Ist das wirklich Realität, dass auf Kosten von Menschenleben die kriminelle Profitgier siegt?

Ein Szenario zum Fürchten

So ist der Aspekt, den die letzten 50 Seiten verfolgen, sicher einer der wichtigsten: Gibt es noch Institutionen, die für die Sicherheit unserer Arzneimittel sorgen (können)? Leider lautet die Antwort nicht durchgehend „ja“ – obwohl man sie am Ende des Buches gern lesen würde –, denn u.a. aufgrund der Produktionsverlagerungen in asiatische Billiglohnländer geben auch deutsche Pharmafirmen die Herstellung selbst aus der Hand und verlieren somit oft die Kontrolle.

Ihr Vorteil: So erzielen sie enorme Gewinne. Der Nachteil: Das geht zu Lasten nicht nur der Qualität für Patienten, sondern im Falle eines Handelskrieges wäre Europa von Zulieferungen quasi abgeschnitten. Ein Szenario zum Fürchten, denn Lieferengpässe gibt es in Deutschland jetzt schon.

HCM mit dem Topthema Arzneimittelversorgung

Ein brisantes und topaktuelles Buch also, das Branchenkenner mit frischen Informationen versorgt, v.a, aber auch uns allen als Konsumenten die Augen für mehr Wachsamkeit öffnet. Gleichwohl: Einen Ausweg aus diesem Lobbyismus , aus diesem Machtmissbrauch scheint es kaum zu geben.

Lesen Sie mehr in HCM-Ausgabe 7-8/2017, darunter zum Topthema Arzneimittelversorgung Fakten deutscher Studien und Reporte, auch ein Interview mit Buchautor Daniel Harrich.

Buchtipp
Harrich-Zandberg D. & Harrich D. (2017) Pharma-Crime. München: Wilhelm Heyne Verlag.