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KKC-Kolumne Warum Gesundheitskampagnen immer wieder scheitern

Manfred Kindler, Präsident des KKC, setzt sich in dieser Kolumne mit dem Zuammenhang zwischen Reaktanz und dem Scheitern von Gesundheitskampagnen auseinander.

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Statistiker meldeten 21.332 Verkehrstote im Jahr 1971, mehr als je zuvor. Die Regierung in Bonn handelte mit fünfjähriger Verspätung und führte die allgemeine Anschnallpflicht auf Autovordersitzen ein. Diese Maßnahme löste bei der Bevölkerung einen hysterischen Glaubenskrieg aus. Millionen Menschen fürchteten um ihre Freiheit und verweigerten sich dem Lebensretter Sicherheitsgurt. Die Gurtmuffel beugten sich erst dem gesetzlichen Zwang, als der Staat ab 1984 ein empfindliches Bußgeld einführte.

Im Jahr 2018 starben 127.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Deutschland ist dennoch das europäi­sche Schlusslicht im Kampf gegen das Rauchen, weil die Politik nur widerstrebend gesetzliche Maßnahmen zum Gesundheitsschutz einführte – zu groß war der Widerstand wichtiger Wählerkreise, die durch Rauchverbote ihre persönliche Freiheit eingeschränkt sahen.

Die Geschichte der Verweigerung breiter Bevölkerungsteile wiederholt sich aktuell. Zehntausende demons-trieren gegen die Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung der Covid-19 Pandemie – obwohl mehr als 60.000 Tote in nur einem Jahr zu beklagen sind. Politiker und Wissenschaftler sehen sich einer zunehmenden Kritik ausgesetzt, die mit rationalen Erklärungen nicht immer begründbar ist. Der Staat und seine Behörden haben augenscheinlich einen massiven Vertrauensverlust erlitten.

Gesundheitskampagnen scheitern immer wieder an einem Phänomen, das der Psychologe Jack W. Brehm 1966 als Reaktanzeffekt beschrieben hat. Personen, die sich durch externe Maßnahmen in ihrer individuellen Entscheidungs- und Handlungsfreiheit eingeengt fühlen, reagieren gegen sämtliche Einschränkungen mit einem heftigen Abwehrverhalten (Reaktanz). Der Versuch der Betroffenen, gegen den staatlichen Zwang ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit lauthals anzumelden, erzeugt einen Bumerangeffekt, der zu einem exakt gegenteiligen Verhalten führt. Gerade die verbotenen Freiheiten werden als besonders wichtig erlebt.

Verstärkt wird das kindliche Trotzgefühl durch das passende Umfeld, welches in den alternativen Medien des Internets als Gegenpol zum gesellschaftlichen Mainstream bereitsteht. Durch die dort wirksamen Filter gelangen nur die verstärkenden Nachrichten in die Echokammer der Widerstandsgruppen und erzeugen dort ein elitäres Gemeinschaftsgefühl als Querdenker. Behördliche Corona-Maßnahmen werden zutiefst als ungerecht und unverhältnismäßig empfunden. Abrupte Strategiewechsel, arrogantes Verhalten von Staatsorganen, abweichende Umsetzungen in den Bundesländern, öffentliche Dispute in der Wissenschaft, Ausgrenzung von Kritikern bei der Krisenkommunikation und aktuell die Engpässe bei der Bereitstellung von Impfstoffen erzeugen zunehmend den Eindruck eines Staatsversagens und führen im Extremfall zu abstrusen Verschwörungstheorien.

Kontakt zum Autor:
Manfred Kindler, Präsident des Krankenhaus-Kommunikations-Centrums e.V. (KKC), Mail: m.kindler@kkc.info

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