Health&Care -

Ein Kommentar von Heiko Burrack Warum es in Deutschland so wenig Organspenden gibt

"In Deutschland warten die Patienten länger auf eine Organspende und wenn ihnen ein Organ übertragen wurde, profitieren sie davon kürzer", schreibt der Autor des Buches "Leben hoch zwei" in seinem aktuellen Kommentar. Seiner Meinung nach liegt das Problem der geringeren Organspenden in den Kliniken.

"Schaut man sich die Anzahl der Organspender an, so ist Deutschland in Europa fast schon das Schlusslicht. Auch wenn es im letzten Jahr wieder mehr Organspenden gab, verzeichnet zum Beispiel Spanier rund vier Mal mehr Spenden, als wir dies hierzulande festzustellen. Die Ergebnisse sind bekannt: In Deutschland sind die Wartezeiten deutlich länger als in fast allen anderen Ländern Europas. Aber auch die Überlebenszeiten der transplantierten Organe sind hier kürzer als in Ländern, die nicht zum Eurotransplantverbund gehören. Das heißt: Hier warten die Patienten länger und wenn ihnen ein Organ übertragen wurde, profitieren sie davon kürzer.

Diese Entwicklung ist deswegen erstaunlich, weil auf der anderen Seite sehr viel Geld in die Hand genommen wird, um der Öffentlichkeit die Organspende näher zu bringen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beauftragt regelmäßig entsprechende Kampagnen. Die Meinung der Bürger zur Organspende ist ebenfalls deutlich positiv. Auch wenn die diversen Skandale am Image des Systems gekratzt haben, befürwortet eine eindeutige Mehrheit der Menschen in Deutschland die Organspende. Auch dies zeigen die Zahlen der BZgA ohne jeden Zweifel.

Das Problem der geringen Organspende liegt in den Kliniken

Wie kommt es aber dann zu so wenig Spenden, wenn das Thema gefördert wird und die allermeisten Menschen hier positiv eingestellt sind? Die Antwort finden wir in den Krankenhäusern selber, und sie ist sehr schlicht: Hier wird zu wenig an die Organspende gedacht. Bevor ich dies näher erläutere, schauen wir uns einige Zahlen dazu an. Alle stammen von der Deutschen Stiftung Organtransplanstation aus dem Jahre 2017. Sie werden zwar in Kürze aktualisiert, liegen mir aber momentan noch nicht vor. Große Häuser wie das Universitätsklinikum Heidelberg konnten nur sechs Organspender für das gesamte Jahr 2017 zählen. Am Unikrankenhaus Ulm waren es die Hälfte und in Göttingen ist doch tatsächlich ein Organspender im gesamten Jahre 2017 zustande gekommen. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber mir hat es schlicht und ergreifend den Atem und die Sprache verschlagen, als ich diese Zahlen gelesen habe.

Viel Arbeit aber kaum Geld und Ruhm

Was heißt es aber genau, wenn in den Kliniken zu wenig an die Organspende gedacht wird? Organspenden sind mit Aufwand verbunden: In Deutschland ist die Grundlage der Spende, dass ein Mensch Hirntod verstorben ist. Ausnahmen sind die Lebendspende bei Niere und Leber. In einem ersten Schritt müssen die Patienten gefunden werden, bei denen auf dieser Grundlage eine Organspende möglich erscheint. Dann müssen zwei qualifizierte Ärzte, die mit der Organübertragung in keiner Verbindung stehen, den Hirntod diagnostizieren; dies bedeutet einen Aufwand von zwei Tagen. In dieser Zeit kann kein weiterer Patient auf diesem Intensivbett versorgt werden. Aus der Sicht einiger Ärzte wird das Bett sogar blockiert. Handelt es sich um ein kleineres Krankenhaus stehen die notwendigen Spezialisten nicht immer zur Verfügung. Außerdem müssen die Ärzte Gespräche mit Angehörigen führen, die sicherlich nicht vergnügungssteuerpflichtig sind. Der Verstorbene muss außerdem weiter medizinisch betreut werden, um die Organe in einem bestmöglichen Zustand zu halten. Überdies muss untersucht und entschieden werden, welche zur Transplantation geeignet sind. Schließlich müssen die Chirurgen die Organe entnehmen, was aufgrund der verplanten OP-Säle meist nur nachts möglich ist. Personal, was bei dieser Operation tätig ist, kann am nächsten Tag nicht arbeiten. Und was hat das Entnahmekrankenhaus davon? Derzeit werden die Kosten nicht vollständig erstattet und die Organe helfen meist Patienten in ganz anderen Kliniken.

Soll ein Arzt, der sowohl bezüglich seines Arbeitspensums als auch ökonomisch unter massiven Druck steht, diesen beschwerlichen Weg gehen, und sich auch noch um Organspenden kümmern? Ich kann durchaus verstehen, dass diese Frage nicht immer mit Ja beantwortet wird. Die gute Nachricht ist, dass die Reformen, die Herr Spahn angestoßen hat, viele der eben beschriebenen Hindernisse aus dem Weg räumen bzw. den Aufwand verringern. Um nur drei Beispiele zu nennen:

  • Die Krankenhäuser werden besser vergütet,
  • die Transplantationsbeauftagten haben mehr Möglichkeiten und
  • die Hirntoddiagnostik wird durch bessere Strukturen gerade für kleinere Kliniken erleichtert.

Seien wir alle gespannt, ob wir uns in einigen Jahren wenigstens im Mittelfeld der europäischen Organspender befinden oder ob wir immer noch zu den Schlusslichtern gehören werden. "

Burracks aktuelles Buch zum Thema Organspende "Leben hoch zwei" stellt HCM auf der Website vor.

Über den Autor:
Der Diplomkaufmann Heiko Burrack (geboren 1967) arbeitete in der Kundenberatung unterschiedlicher Agenturen. Im Jahr 2003 gründete er Burrack NB-Advice. NB-Advice berät primär Agenturen bei der strategischen und operativen Neukundengewinnung. Er ist als Referent, Trainer und Coach tätig und publiziert regelmäßig in unterschiedlichen Fachzeitschriften und ist Autor von vier Büchern. Vor mehr als 25 Jahren ist er selbst zum Empfänger einer Spenderniere geworden und beschäftigt sich seitdem intensiv mit verschiedenen Fragestellungen rund um das Thema Organspende und Transplantation. Kontakt: heiko@burrack.de, https://www.burrack.de

Verwandte Inhalte
© hcm-magazin.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen