Krisenmanagement Vom Krisenmodus zur Krisenresilienz

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Betriebliches Gesundheitsmanagement und Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie hat das Gesundheitssystem stark gefordert. Doch genau solche Krisenlagen sind es, die für einen Lerneffekt sorgen und bestenfalls auch Veränderung hervorrufen. Wie das gelingen kann zeigen Learnings aus Österreich und der Schweiz, die auch Inspiration für Deutschland geben.

In Deutschland hat die Corona-Krise eine Reihe wichtiger Erkenntnisse und Einsichten geliefert, die im Wesentlichen folgende Bereiche betreffen:

  • Strukturelle Defizite im medizinischen Versorgungssystem.
  • Ein Refinanzierungssystem, das zu massiven Fehlanreizen und damit zu Fehlallokationen knapper Ressourcen führt.
  • Die materiell und im Hinblick auf „Worklife Balance“ unattraktiven Arbeitsbedingungen der am Bett tätigen Berufsgruppen.
  • Der mangelnde öffentliche und innerorganisatorische Stellenwert systemkritischer Berufsgruppen in der Gesellschaft.
  • Der im internationalen Vergleich erschreckend niedrige digitale Reifegrad des Gesundheitssystems und die negativen Konsequenzen für die Qualität der medizinischen Versorgung.
  • Das durch Lieferabrisse in nahezu allen Kategorien von Medizinprodukten betroffene Beschaffungsmanagement im gesamten Gesundheitssystem.
  • Das Leadership- und Kommunikationsdefizit in weiten Teilen der Gesundheitsbranche.

In der Schweiz, als föderalistisch konzipiertem Land, ist das Krisenmanagement in einer Pandemiesituation auf einen Machtausgleich der beiden regulatorischen Ebenen Bund und Kantone ausgelegt. Der pandemie-klassische Entscheidungskonflikt zwischen frühzeitiger Lockerung zwecks Vermeidung einer Wirtschaftskrise und der Aufrechterhaltung eines Lockdown mit dem Ziel, den gesundheitlichen Risiken explodierender Infektionen und einer Überlastung des Gesundheitssystems entgegenzuwirken, wurde frühzeitig zugunsten eines Primats der Vermeidung wirtschaftlicher Risiken aufgelöst. Das Argument: Eine wirtschaftliche Krise entwickelt sich immer auch zu einer sozialen Krise, die dann in einer Gesundheitskrise gipfelt.

Eine erste Aufarbeitung des Krisenmanagements spricht die grundsätzlichen strukturellen und gesellschaftlichen Veränderungsbereiche an: Die Überbewertung wirtschaftlicher Risiken, die Lücken in der Digitalisierung, lange insuffiziente Entscheidungswege in der Politik, fehlende Regelungen bei kritischen ethischen Fragen im Umgang mit nicht Geimpften auf Intensivstationen im Verhältnis zu Notfallpatientinnen und -patienten und die kakophone Informationspolitik einzelner Entscheidungstragender und folgende Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung stehen zur Dis­kussion.

Kein Zurück in die Normalität

In Österreich haben die Entscheidungstragenden erkannt, dass es nach der Pandemie kein „Zurück zur Normalität“ geben kann, sondern eine erfahrungsbasierte Weiterentwicklung von Versorgungssicherheit und Versorgungsqualität die Agenda bestimmt. Aus der Krisenerfahrung wurden die strategisch sensiblen Themenfelder des Krankenhausmanagements identifiziert und es wurden konkrete Maßnahmenprogramme eingerichtet. Dies betrifft insbesondere die digitale Transformation, die Personalrekrutierung, die Einrichtung regionaler Gesundheitsplattformen und Versorgungsnetzwerke. Weiterhin soll die Gesundheitssystemgestaltung in Zukunft transparenter erfolgen, wobei über die üblichen statistischen Erhebungen hinausgehend wertorientierte Indikatoren (Lebensqualität, Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit) in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken sollen.

In Österreich und der Schweiz wurden agiles Führungsverhalten, Change-Management-Fähigkeiten und individuelle Führungsstärke als die grundlegenden Erfolgsfaktoren benannt, die über Dauer und Intensität einer Pandemie sowie über das Ausmaß von Wirtschaftsschäden und Krankheitslasten entscheiden.

Learnings direkt umsetzen

In Deutschland, Österreich und der Schweiz – mit der Schweiz in einer Vorreiterrolle – wird mittlerweile als Konsequenz aus den Erfahrungen des Pandemie-Managements die Vergütung medizinischer Leistungen unter Orientierung an den Prinzipien des VBHC-Ansatzes (Value-Based Health Care) gefordert. In den folgenden beiden Beiträgen auf den Seiten 30 ff. geben Dr. Willy Oggier, HSG, Gesundheitsökonomische Beratungen AG, Prof. Dr. Johannes Kriegel, Fachhochschule Oberösterreich, und MMag. Dr. Clemens Rissbacher, Kaufmännischer Direktor der Landeskrankenhaus Universitätskliniken Innsbruck einen Einblick ins Gesundheitsmanagement nach der Krise in der Schweiz und Österreich. Sie zeigen Learnings auf, von denen auch das deutsche Gesundheitssystem profitieren kann.

Kompass für Entscheidungstragende

Wilfried von Eiff, Herbert Rebscher (Hrsg.) (2022) Krisenresilienz. Wie Corona das Krisenmanagement des Gesundheitssystems verändert. Heidelberg: medhochzwei – © medhochzwei

Über die Qualität des Pandemiemanagements in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es unterschiedliche Urteile. Die eine Meinung konstatiert, Deutschland sei im Vergleich zu anderen Ländern glimpflich durch die Krise gekommen. Die andere Meinung attestiert ein Corona-Management der Pleiten und Pannen sowie des Vertrauensverlusts. Vor diesem Hintergrund ist es im dritten Jahr der Pandemie angezeigt, Fehler und Versäumnisse des Pandemiemanagements zu reflektieren und konstruktiv Wege zu finden, diese in Zukunft zu vermeiden, also „Krisen-Resilienz“ herzustellen. Dazu zählt auch der Ansatz, von Erfolgen und Fehlern unserer DACH-Nachbarn zu lernen.

Kontakt zum Autor:

Univ.-Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff, Centrum für Krankenhausmanagement (Uni Münster), Kontakt: von.eiff@uni-muenster.de