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Digitale Vernetzung in Pflegeeinrichtungen Virtuell zusammenarbeiten, Hürden überwinden

Die ärztliche Betreuung von Bewohnern ohne einen Heimarzt kann eine große Herausforderung für alle Beteiligten sein. Ein Bereich mit viel Konfliktpotenzial ist z.B. die Arzneimitteltherapiesicherheit, aber auch die Frage nach der Vor-Ort-Verfügbarkeit der Mediziner. Digitale Vernetzung und Telehealth-Tools schaffen Abhilfe.

Topic channels: Digitalisierung und E-Health

Weniger Bürokratie, eine optimierte intersektorale Zusammenarbeit, gesteigerte Versorgungsqualität und mehr Zeit für die Patienten – Schlagworte, die für ärztliches und pflegerisches Personal in Heimen wie Musik in den Ohren klingen dürften. Denn nicht selten ist es das Gegenteil, das die Zusammenarbeit in der Bewohnerbetreuung zwischen den zuständigen Akteuren massiv erschwert.

Dabei sind es in erster Linie die unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen der einzelnen Personen gegenüber dem jeweils anderen, die für Disharmonie sorgen. Die Pflege am Bewohnerbett wünscht sich die enge und stets abrufbare Vor-Ort-Betreuung durch den zuständigen Arzt. Dabei spielt dessen geografische Nähe zur Einrichtung eine entscheidende Rolle. Ist diese nicht gegeben, ist die Bereitschaft, für Routine-visiten oder für das Ausstellen von Rezepten vorbeizuschauen relativ gering. Die naheliegende Vermutung, einfach mit Ärzten aus der Umgebung zu kooperieren, ist aufgrund der immer dünner werdenden allgemeinärztlichen Abdeckung selten ein realistischer Lösungsansatz. Ärzte wiederum erwarten in erster Linie Unterstützung von der Pflege in der Einrichtung, z.B. bei bürokratischen Tätigkeiten wie der Rezeptanforderung. Dass hier schon einmal im Alleingang und ohne Absprache Medikamente vergeben oder ohne vorige Absprache der Physiotherapeut bestellt und hinterher die Nachrezeptierung erwartet wird, ist keine Besonderheit. Ein weiteres Problem ist die niedrige Pauschale, die Ärzte für den Heimbesuch abrechnen dürfen. Die Konsequenz: Viele niedergelassene Ärzte nehmen keine Pflegeheimbewohner mehr an. Wenn doch, ist die Menge der zu betreuenden Menschen in vielen Fällen so groß, dass kaum Zeit ist, sich ausreichend Kenntnis über die individuelle Krankengeschichte zu verschaffen und im Zweifelsfall die Kliniküberweisung schneller von der Hand geht als die Übernahme der Behandlung.

Dass digitale Vernetzung und telemedizinische Ansätze für diese Problematiken einen Lösungsansatz bieten, wird den Beteiligten immer bewusster. Es fehlt bekanntermaßen noch an flächendeckenden Tools dafür, doch es gibt unterschiedliche Insellösungen, mit denen individuell Arbeitserleichterung und auch ein Wettbewerbsvorteil geschaffen werden können. Zwei davon werden im Folgenden vorgestellt.

Ein Pionierbeispiel: digitale Vernetzung in Eigenregie

Dr. Irmgard Landgraf betreut als Hausärztin das Agaplesion Bethanien Sophienhaus. Sie nutzt digitale Vernetzung als Instrument für die Qualitäts- und Effizienzsteigerung der Versorgung ihrer Patienten im Pflegeheim. Dabei stand Dr. Landgraf vor folgenden Herausforderungen:

  • der zeitgleichen Betreuung zu vieler multimorbider, hochbetagter Patienten,
  • häufig vorliegender Demenz sowie Kommunikationsstörungen,
  • dem notwendigen Monitoring rund um die Uhr – sowohl pflegerisch als auch ärztlich,
  • Multimedikation sowie
  • eingeschränkten diagnostischen Möglichkeiten.

Hürden, die laut Dr. Landgraf nur schwer ohne digitale Vernetzung zwischen ihrer Person, den Einrichtungsmitarbeitern und den rund 150 Bewohnern zu überwinden waren. Deshalb entschied sich Dr. Landgraf mit ihren Mitarbeitern und den Verantwortlichen der Einrichtung, auf ein digitales Kommunikationsmodell – die E-Pflegeheimakte – zu setzen. Die einzigen Voraussetzungen, die dazu geschaffen werden mussten, waren die technische Infrastruktur durch PCs für Praxis und Heim, eine netzwerkfähige Software (DAN) und entsprechende Schulungen für das Personal.

Dank des Tools kann Dr. Landgraf von ihrer Praxis aus z.B. die Pflegeplanung, Durchführung von Therapiemaßnahmen, Überwachung der Vitalwerte, Ernährungsberichte, Wunddokumentationen, ergänzende Therapiepläne, die Kommunikation mit anderen Ärzten und vieles mehr in einer Art hausinterner digitaler Patientenakte einsehen und damit arbeiten, ohne dass bzw. ehe sie die Fahrt zum Heim antritt. „Ich kann mich vorab auf meine Patienten einstellen, bin immer aktuell informiert über deren Gesundheitszustand und kann von der Praxis aus überprüfen, ob z.B. Therapievorgaben eingehalten wurden“, erklärt Dr. Landgraf. Das erspare ihr und den Pflegemitarbeitern bei der gemeinsamen Visite Zeit und steigere die Qualität. Ebenso ermögliche es die direkte Kommunikation mit dem Heim. Die Pflegefachkräfte können über die Software Fragen bzw. Mitteilungen an sie richten. Dr. Landgraf kann antworten oder Anordnungen geben; schriftlich einsehbar, mit digitalem Handzeichen, verbindlich. Auch praktisch: Die Ärztin kann bei Bedarf Laboruntersuchungen beauftragen und dank Medikationsplan detaillierte Anweisungen zur Medikamentengabe veranlassen. Das schließt auch Therapieänderungen mit ein. „Oft erspart dieser digitale Austausch unnötige Heimbesuche, ermöglicht im Umkehrschluss aber auch schnelleres Handeln im Notfall“, erklärt Dr. Landgraf. Für sie liegen die Vorteile auf der Hand: „Durch die digitale intersektorale Vernetzung bin ich frühzeitig über den Status meiner Patienten informiert, habe rasche Interventionsmöglichkeiten auch ohne vor Ort zu sein, steigere meine Behandlungs- und Patientensicherheit und trage so zum gesteigerten Wohlbefinden meiner Patienten bei.“ Das spürt auch die Pflege vor Ort, die gegenüber dem Patienten mit der Vernetzung zur Ärztin schnell mehr Handlungskompetenz hat. Dr. Landgraf hat nach eigenen Angaben eine Entlastung der Pflegefachkräfte wahrgenommen, eine gesteigerte Arbeitszufriedenheit sowie eine geringere Personalfluktuation. „Niemand von uns möchte mehr auf die digital vernetzte Zusammenarbeit verzichten“, resümiert Dr. Landgraf. Ein ausführliches Interview dazu können Sie im Bereich „online exklusiv“ auf www.hcm-magazin.de kostenlos downloaden.

Inspiriation Am Beispiel Telemedizin

Ein Schritt weiter in Richtung digitale ärztliche Pflegeheimversorgung kann mit der cloudbasierten Telemedizinlösung wie Docs in Clouds gelingen. Damit können Hausärzte wie Dr. Landgraf in der Praxis sitzen und mit Patienten und Altenpflegekräften in der Einrichtung via Videokonferenz kommunizieren. Ein medizinischer Rollständer im Pflegeheim macht das möglich. Nachdem die Pflegerin die Vitaldaten der Bewohnerin gemessen hat und diese über das telemedizinische System in Echtzeit an den Hausarzt übertragen wurden, kann dieser z.B. die Therapie anordnen und die Entscheidung über die entsprechende Medikation treffen, ohne selbst vor Ort sein zu müssen.

„Wir setzen mit der Teledoc-Lösung genau dort an, wo viele Notfälle vermeidbar sind: in den Pflege- und Seniorenheimen“, erklärt Dr. Michael Czaplik, Geschäftsführer Docs in Clouds. „Durch telemedizinische Untersuchungen können negative Veränderungen des Patientenzustands frühzeitig abgeklärt und überflüssige Krankenhauseinweisungen vermieden oder medizinische Therapien zur richtigen Zeit angestoßen werden.“ Dabei steckt hinter der Teledoc-Lösung mehr als die telefonische Konsultation durch den Hausarzt. Das System stütze sich auf Fakten, die erhoben und unmittelbar an den Hausarzt übertragen werden. Außerdem basiert es auf dem Prinzip der Delegation. Das heißt, es muss immer eine Pflegefachkraft beim Patienten sein, die den Anweisungen des Arztes folgt. Der im Pflegeheim eingesetzte medizinische Rollständer unterstützt die bidirektionale Telefonie, verfügt über einen medizinischen Panel-PC, Konsultations- und Dokumentationssoftware, eine hochauflösende Raumkamera, einen Patientenmonitor, der den Puls, die Atemfrequenz, den Blutdruck, die Sauerstoffsättigung und ein EKG erfasst, sowie eine Kommunikationsbox, die das System über eine Cloudplattform mit dem Hausarzt verbindet.

Der Hausarzt nutzt einen herkömmlichen Arbeitsplatzrechner, der mit einer Software ausgestattet ist, die Schnittstellen z.B. für das Praxis-Abrechnungssystem oder die Pflegedokumentationssoftware bereitstellt. Über seinen Internetanschluss stellt der Arzt eine sichere VPN-Anbindung, die ein Software-client aufbaut, mit der Cloudplattform der Docs in Clouds her. Der Teledoc-Rollständer im Pflegeheim verfügt über einen fest verbauten VPN-Mobilfunkrouter. Dieser empfängt und sendet alle Daten via Mobilfunknetz und nutzt zur Kommunikation mit der Cloudplattform sichere VPN-Kanäle.

Als Gegenstelle für Rollständer und Hausarzt wird in der Cloud ein virtueller Router, der über einen ESXi-Server die zentralseitige Infrastruktur virtualisiert, eingesetzt. Der virtuelle Router macht den Einsatz weiterer Hardwarekomponenten wie ein zentrales VPN-Gateway überflüssig und ist zudem einfach und flexibel skalierbar. Sämtliche Kommunikation wird verschlüsselt per VPN übermittelt.

Zukunft Televisite?

Weniger Bürokratie, eine optimierte intersektorale Zusammenarbeit, gesteigerte Versorgungsqualität und mehr Zeit für die Bewohner sind keine leeren Schlagworte mehr, wenn Pflegeeinrichtungen und niedergelassene Ärzte auf die gemeinsame digitale Vernetzung setzen. Ob wie im Falle von Dr. Landgraf mit einer Vorform oder direkt durch den Einstieg in konkrete Telehealthlösungen, die virtuelle Vernetzung sorgt für deutliche Verbesserung der Arbeitssituation der unter Zeitdruck leidenden Hausärzte, aber auch der überlasteten Pflege. „Richtige Televisiten würden meine digital vernetzte intersektorale Zusammenarbeit ideal ergänzen und die Versorgungsqualität weiter verbessern. Davon profitieren Patienten, Heime sowie Einsatzkräfte, Krankenhäuser und Kostenträger, da sie seltener für Heimbewohner in Anspruch genommen werden“, so eine Einschätzunng von Dr. Landgraf.

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