Krankenhausgipfel 2022 Verantwortung und Vertrauen gefragt

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Krankenhausgesetzgebung

Die anstehenden Reformen und Veränderungen für die deutsche Krankenhauslandschaft erfordern eine neue Vertrauenskultur bei den Akteuren und Akteurinnen des Gesundheitssystems. Laut Dr. Gerald Gaß müsse man darauf vertrauen können, dass man die nächsten Schritte gemeinsam geht. Neben den Diskussionen um Finanzierung und Personal, stellte Gaß eine neue Kollegin im Vorstand vor.

Krankenhausgipfel
Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG, bei seiner Rede auf dem Krankenhausgipfel. – © Screenshot HCM/DKG

Am 19. März läuft der Corona-Rettungsschirm aus, gleichzeitig verzeichnet Deutschland Höchststände bei den Corona-Inzidenzen. Immer mehr Krankenhäuser melden weiter steigende Bettenbelegungen mit Corona-Patientinnen und -Patienten, die Pandemie ist nicht vorbei. „Wir appellieren an die Politik: Lassen Sie die Kliniken nicht im Regen stehen. Aktuell sind mehr als 22.000 Patientinnen und Patienten in deutschen Krankenhäusern, das bedeutet weiterhin aufwendigen Infektionsschutz und erschwerte Behandlungsprozesse“, mahnte Dr. Gerald Gaß, beim Krankenhausgipfel am 16. März in Berlin. Eine tagesaktuelle DKI-Blitzumfrage habe zudem gezeigt, dass 75 Prozent der Krankenhäuser aufgrund der hohen Ausfallquoten Schwierigkeiten haben, ihren vollen Leistungskatalog anzubieten. Damit verbunden sind Erlösverluste, die laut dem Vorstandsvorsitzenden nicht ohne Rettungsschirm ausgeglichen werden können.

„Die wirtschaftliche Lage ist viel, viel dramatischer und auch die Stimmung ist viel, viel schlechter als es die Politik derzeit wahrnimmt“, betonte Gaß. Bei all den Ausgaben, die die Ampel derzeit u.a. für die Bundeswehr und auch die Energiewende vorgesehen habe, dürfe es nicht zu einer Zurückstellung der Anforderungen des Gesundheitswesens kommen.

Umdenken bei Finanzierung und sektorenübergreifender Organisation gefordert

Um die flächendeckende Krankenhaus- und Gesundheitsversorgung auch in Zukunft zu sichern, fordert die DKG ein Umdenken, sowohl in der Finanzierung als auch in der sektorenübergreifenden Organisation. Auch die anhaltende Problematik ausbleibender Investitionskostenfinanzierung müsse die Politik dringend angehen. In der Versorgung müssten die Krankenhäuser ihre ambulanten Potenziale den Patientinnen und Patienten zur Verfügung stellen können und dürfen. Hier müssten Hürden abgebaut werden, denn gerade in Regionen, in denen die ärztliche Versorgung im niedergelassenen Bereich immer schwieriger wird, können Krankenhäuser die Lücken füllen.

„Doch die ambulanten Potenziale sind keine Lückenfüller. Die Krankenhäuser brauchen die Möglichkeit, im Interesse der Patienten bislang stationär erbrachte Leistungen zukünftig auch ambulant zu erbringen (= ambulant-klinische Leistungen). Dazu gehören aus unserer Sicht Krankenhausleistungen, die die Ausstattung und den multiprofessionellen Hintergrund des Krankenhauses benötigen. Die Vergütung dieser ambulant-klinischen Leistungen kann, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, über Hybrid-DRGs erfolgen, die sich an der bisherigen stationären Vergütung orientieren. Dies ist auch zugleich Chance, den sektorenübergreifenden Versorgungsansatz zu fördern, denn Kliniken sollen mit niedergelassenen Ärzten kooperativ zusammenarbeiten können“, sagte Gaß. Die Krankenhäuser seien offen und bereit für Veränderungen, fordern aber von der Politik „Respekt und Anerkennung für herausragende Leistungen in der Spitzenmedizin ebenso wie für die enormen Anstrengungen bei der wohnortnahen Versorgung und dem Aufrechterhalten von Notfallstrukturen auch im ländlichen Raum“.

Bericht einer Intensivpflegerin der Charité in Pandemiezeiten

Krankenhausgipfel 2022
Nadine Hobuß, Intensivpflegerin an der Charité. – © Screenshot HCM/DKG

„Wir gehen oft frustriert nach Hause, weil wir nicht die Pflege leisten können. Gerade auf Intensiv sind die Leidtragenden auch oft die Angehörigen“, erzählte Hobuß. Die Berlinerin des Jahres 2021 arbeitet als Intensivpflegerin an der Charité und kennt die Herausforderungen der Pflege und den Personalmangel aus eigener Erfahrung sehr genau: „Die Pflegekräfte dekompensieren und denken sogar an den Ausstieg. Dabei lieben wir diesen Beruf. Wir sind schon länger in sehr schwierigen Umständen. Trotzdem kann ich behaupten: Wenn ich das Krankenhaus verlasse, habe ich etwas Gutes getan.“ Die schnellste Entlastung ist ihrer Einschätzung nach durch das Drehen an mehreren „Zahnrädern“ möglich. Dazu gehören flexiblere Arbeitszeitmodelle, mehr Selbstwirksamkeit und die Selbstverwaltung durch eine Pflegekammer. „Es ist nicht nur die Finanzspritze“, betonte Hobuß.

Notfallversorgung: Reformvorschlag der DKG

Auch die ambulante Notfallversorgung bedarf einer Reform. Für die Krankenhäuser steht fest, dass die Sicherstellung im niedergelassenen Bereich verbleibt. Der Grundsatz ambulant vor stationär müsse und solle weiter gelten. Um aber die ambulante Notfallversorgung dauerhaft gewährleisten zu können, braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen dem niedergelassenen Bereich und den Krankenhäusern. Der Reformvorschlag der DKG setzt auf den bereits existierenden Versorgungsstrukturen auf. Folgende vier Zielsetzungen sind darin enthalten:

  • Nachvollziehbare und eindeutige Strukturen, klare Verantwortlichkeiten
  • Qualitativ hochwertige medizinische Behandlungen
  • Flächendeckende, interdisziplinäre und patientenorientierte Versorgung
  • Effizienter und effektiver Einsatz der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel

„Grundsätzlich sollen Integrierte Notfallzentren (INZ) zukünftig der Behandlungsbereich für die ambulanten Notfälle sein. INZ soll es dann an den Krankenhäusern geben, die eine stationäre Notfallstufe nach G-BA- Beschluss haben. Patienten und Patientinnen durchlaufen eine standardisierte Ersteinschätzung am gemeinsamen Tresen durch qualifizierte Mitarbeitende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) oder des Krankenhauses. Klarheit und Definition von Zuständigkeiten, aber auch Abgrenzung sind wesentliche Voraussetzungen für eine gute Kooperation. Dazu haben wir ein Konzept erstellt, das klare Definitionen beispielsweise der Zeiten, wann Portalpraxen oder Kliniken die Versorgung übernehmen, enthält. Zudem muss die Vergütung der ambulanten Notfälle auskömmlich sein“, erklärte Gaß das Konzept.

Krankenhausgipfel 2022
Prof. Dr. Edgar Franke beim Krankenhausgipfel am 16. März 2022. – © Screenshot HCM/DKG

Politik signalisiert Zusammenarbeit

Edgar Franke, Parlamentarischer Staatssekretär Bundesgesundheitsministerium (BMG), vertrat Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach auf dem Krankenhausgipfel. Er sprach von „vielen Herausforderungen“, denen sich die neue Regierung derzeit stellen müsste. Seine Ausführungen lassen annehmen, dass man sich im BMG darüber bewusst ist, dass die nötigen Reformen in der Gesundheitsversorgung nicht mehr länger auf sich warten lassen dürfen: „Wir brauchen ein gutes Konzept für das Gesundheitssystem. Die neue Ampel hat sich ambitionierte Ziele gesetzt, aber viele Fragen hinsichtlich des Vorhabenplans sind noch offen“, räumte der Gesundheitspolitiker ein. Das Ziel sei, die Gesundheitsversorgung zukunfts- und krisenfest zu machen und eine flächendeckende und qualitativ hochwertige Versorgung zu garantieren. „Auch in Puncto Versorgungsplanung brauchen wir eine dauerhaft tragfähige Strategie“, sagte Franke und versprach zudem, dass das BMG, allen voran Prof. Lauterbach, ein „tragfähiges Konzept“ mit den Krankenhäusern hinsichtlich ihrer Liquiditätssicherung abstimmen will, das Planungssicherheit geben soll.

Prof. Dr. Henriette Neumeyer kommt in die DKG-Spitze

Krankenhausgipfel 2022
Prof. Dr. Henriette Neumeyer wird als Stellvertretende Vorstandsvorsitzende die DKG-Spitze unterstützen. – © Screenshot HCM/DKG

Für Überraschung sorgte eine Personalie der DKG: Ab Juni 2022 wird. Prof. Dr. Henriette Neumeyer als Stellvertretende Vorstandsvorsitzende die DKG-Spitze unterstützen. Die Ärztin und Wissenschaftlerin hat in der Vergangenheit als Beraterin innovative Krankenhausprojekte begleitet, ist Hochschullehrerin in Hamburg und soll u.a. für das Dezernat Politik und Krankenhauspersonal zuständig sein.

Krankenhausversorgung nach der Pandemie: ein 2030-Szenario

Bei der Diskussionsrunde mit u.a. Petra Grimm-Benne, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Sachsen-Anhalt (SPD) und Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz 2022, wurde deutlich, dass bei all den Reformvorhaben, die Menschen vor Ort nicht vergessen werden dürfen. Grimm-Benne kennt diese Herausforderungen und die großen Proteste der Bevölkerung bei drohenden Krankenhausschließungen aus der Landespolitik und wies darauf hin, dass man mit den Krankenhäusern zusammen passende Konzepte etablieren müsse, nicht ohne – und das erklärte Stephan Pilsinger, MdB (CSU) – „den Leuten nichts vorzumachen und transparent kommunizieren, wie die Versorgungsqualität sichergestellt wird“. So könne es gelingen, sektorenübergreifend zu denken und zu versorgen.

Dr. Eibo Krahmer, Geschäftsführer Finanzmanagement, Infrastruktur und Digitalisierung bei Vivantes, zeichnet folgende Prognose für 2030: „Wir haben ein System, das in 2022/2023 an der Spitze der Politik diskutiert und geeint wurde und mit flankierenden Maßnahmen in den entsprechenden Rechtsfeldern in die Umsetzung gebracht wurde.“ Dabei hat sich die Anzahl der Krankenhäuser, bei einer gleichzeitigen Stärkung der bestehenden Standorte, reduziert und sich innerhalb der Krankenhäuser ein Wandel vollzogen, wie Gaß skizziert. 2030 gäbe es neue Berufsgruppen, eine Pflege, die mehr Aufgaben übernimmt, weniger Wettbewerb und mehr Kooperationen in den Regionen u.a. auf Basis von Digitalisierung.