Gesundheit -

Interview "Niemand stirbt, beim Sprechen über den Tod"

Die Münchener Palliativmedizinerin Prof. Dr. Claudia Bausewein setzt sich für eine offenere Kommunikation über das Sterben und mit Sterbenden ein. Welche Hürden uns erwarten und wie wir wertvolle Gespräche mit Menschen führen, deren Lebenserwartung unklar ist.

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Viele sprechen ungern über den Tod. Woran liegt das?

Bausewein: Über das Sterben zu sprechen, heißt sich mit der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen. Es ist wahrscheinlich in westlichen Kreisen noch schwieriger, als in anderen Kulturen. Denn unsere Gesellschaft ist stark vom Leistungsgedanken geprägt. Aspekte wie Krankheit, Leiden oder das Lebensende werden also verdrängt. Wir haben dadurch verlernt, über den Tod zu sprechen.

Mit Ihrem neuen Buch „99 Fragen an den Tod“ wollen Sie das ändern.

Bausewein: Genau. Aus klinischer Erfahrung wissen wir, dass viele Aspekte beim Lebensende Ängste auslösen, weil sie nicht vertraut sind. Bei der Begleitung schwer kranker Menschen und ihrer Angehörigen kommen oft ähnliche Fragen auf. Einerseits nach Information: Wie erhalte ich palliative Versorgung? Wer zahlt das? Was mache ich gegen Schmerzen? Aber auch emotionale Themen: Was darf ich mit jemandem, der krank ist sprechen? Darf ich mit ihm lachen?

Welche Haltung gegenüber Sterbenden ist hilfreich? Was darf man sagen?

Bausewein: Wir sagen oft: Da steht ein grauer Elefant im Raum, der gerne gemieden wird. Jeder weiß, was kommen wird, doch keiner traut sich, es anzusprechen. Mit dem Buch wollen wir Mut machen, auch diese heiklen Themen anzusprechen. Doch wir liefern keine vorgefertigten Antworten. Denn der wichtigste Tipp ist: authentisch bleiben. Auch wenn es schwer ist, der Realität ins Auge zu sehen, sollte man wahrhaftig bleiben. Ein Prozess, der schrittweise erfolgt.

Standardfloskeln also lieber vermeiden?

Bausewein: Ja. „Es wird schon wieder gut“, „Mach dir keine Gedanken“ und „Nächste Woche verreisen wir“ sind wenig hilfreich.

Hat Ihre Tätigkeit als Palliativ­medizinerin Ihre persönliche Einstellung zum Tod und Sterben beeinflusst?

Bausewein: Ja, es wäre nach dreißig Jahren erschreckend, wenn es nicht so wäre. Die klinische Arbeit am Patienten hat mich sehr geprägt. Denn es wirft immer wieder die Frage auf: Wie lebe ich mein Leben? Wie möchte ich zurückschauen? Und nutze ich die Zeit, die ich jetzt habe, auch möglichst gut? Nicht im Sinn von Effektivität, aber mir zieht es alles zusammen, wenn Menschen sagen: „Ich habe noch gar nicht gelebt.“ Oder: „Ich wollte doch jetzt erst zu Leben anfangen“. Solche Sätze werfen viele Fragen auf und ich bin dankbar, dass ich ein für mich stimmiges Leben führen kann. Wer sieht, wie Menschen in kurzer Zeit nicht mehr das Bett verlassen können, nimmt es nicht für selbstverständlich jeden Tag aufzustehen, und zu machen, was man möchte. Ich bin auch in vielen Dingen gelassener geworden. Wenn wir uns über Dinge aufregen ist es letztlich relativ, wenn man das „Große Ganze“ anschaut.

Sehen Sie Ihrem Lebensende auch gelassen entgegen?

Bausewein: Wenn ich das wüsste. Ich sehe es nicht als Garantie, dass es für mich leichter wird, nur weil ich diese Arbeit schon so lange mache und weiß „wie alles funktioniert“. Ich bin überzeugt, wenn es soweit ist, wird es vollkommen anders als wir uns es vorstellen. Auf der einen Seite kann die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit etwas Bedrohliches haben, als große Unbekannte. Trotzdem lebe ich stärker im Bewusstsein, dass dieses Leben endlich ist. Und ich wünsche mir, dass ich am Ende sage: Ja, dieses Leben war für mich rund.

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