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Gewalt gegen Pflegende Notaufnahme: So geht das Klinikum Nürnberg gegen Randalierer vor

Schlagen, spucken, schreien – in der Notaufnahme vergessen immer mehr Patienten und Angehörige Anstand und Respekt. Ein neues Gesetz soll Gewalttaten gegen Pflegekräfte nun härter bestrafen. Was das Klinikum Nürnberg bereits jetzt gegen Randalierer tut.

In der Gesundheitsversorgung gilt die Notaufnahme als Hochrisikobereich für Gewalt am Arbeitsplatz. Denn in der Ausnahmesituation können bei Patienten und Angehörigen leicht Emotionen überschießen. So haben 94 Prozent der männlichen und 89 Prozent der weiblichen Beschäftigten laut einer Studie der Hochschule Fulda in ihrem beruflichen Leben schon einmal körperliche Gewalt erlebt.

„In den letzten Jahren ist die Zahl der Übergriffe von Patienten und deren Angehörigen gegenüber Mitarbeitern der Notaufnahme kontinuierlich gestiegen“, berichtet Peter Schuh, Vorstand Personal und Patientenversorgung im Klinikum Nürnberg. „Aktuell beobachten wir, dass die Zahlen weitgehend konstant bleiben. Allerdings haben die Intensität und die Gewaltbereitschaft der Übergriffe in den letzten ein bis zwei Jahren merklich zugenommen.“ Schon vor sieben Jahren machte die Einrichtung mit einer Plakataktion in ihrer Notaufnahme auf das Problem aufmerksam, die bundesweit eine Debatte über die Zustände auslöste.

Security rund um die Uhr

Die Poster hängen auch heute noch im Klinikum, v.a. an zentralen Punkten im Haus. „Viele Menschen sind erstaunt, wenn sie die Plakate sehen. Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, dass es an einem Ort wie dem Klinikum oder der Notaufnahme zu Übergriffen kommt. Also an einem Ort, an dem Menschen in einer Notsituation geholfen wird“, erklärt A. Röttenbacher, Leiter der Abteilung Sicherheit im Klinikum Nürnberg. Schon seit Jahren sind dort Securitykräfte rund um die Uhr im Einsatz. Ende dieses Jahres wird der Sicherheitsdienst nachts nochmals dauerhaft verstärkt, um die Sicherheit für die Mitarbeiter zu erhöhen.

Alkohol steigert Aggressionen

Denn v.a. bei Patienten, die alkoholisiert sind oder unter Drogeneinfluss stehen, sinkt die Schwelle für Gewalttaten. Laut Studie der Hochschule Fulda gelten neben Alkohol (24 Prozent), eine zu lange Wartezeit (16 Prozent) sowie Desorientiertheit und Demenz (zwölf Prozent) als häufigste Auslöser, wenn es zu Ausschreitungen kommt. Drei Viertel der Beschäftigten fühlen sich ohne Schutz nicht mehr sicher am Arbeitsplatz. Die Studie liefert auch Hinweise auf kurz- und langfristige psychische Folgen, wenn eine Pflegekraft attackiert wurde.

Patienten immer gewaltbereiter

Damit ist das Klinikum in der fränkischen Metropole nicht alleine. In 59 Prozent der Krankenhäuser sind Übergriffe in den letzten fünf Jahren ebenfalls gestiegen laut „Krankenhaus Barometer 2019“ des Deutschen Krankenhaus Instituts. „Ärzte und Pflegende sind im Einzelfall nicht vorhersehbaren Risiken ausgesetzt. Diese gesellschaftliche Entwicklung erfüllt nicht nur das Klinikum Nürnberg mit Sorge. Einem Klima, in dem Ärzte und Pflegende angegriffen werden, müssen wir gemeinsam entschieden entgegentreten“, fordert Personalvorstand Schuh.

Neues Gesetz schützt Pflegende

Die Bundesregierung sieht das genauso und will neben Feuerwehrkräften und Rettungsdiensten nun auch Pflegekräfte in den Notdiensten besser schützen. Laut Gesetzesentwurf, der im Februar diesen Jahres eingereicht wurde, sind bei schweren Straftaten künftig Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren möglich. „Allerdings muss das neue Gesetz auch konsequent angewandt werden. Eine Einstellung solcher Verfahren hätte eine verheerende Signalwirkung auf andere“, warnt der Sicherheitsleiter am Nürnberger Klinikum.

Er und sein Team setzen schon lange auf ein Maßnahmenbündel zur Gewaltprävention. Dazu zählen Handlungsanleitungen für Mitarbeiter und Vorgesetzte für den Fall eines Übergriffs, Schulungen im Umgang mit Aggression und Gewalt sowie ein Notruftaster, der sowohl den Sicherheitsdienst als auch die Polizei alarmiert. Qualitätsmanager überprüfen außerdem regelmäßig, ob es Situationen und Abläufe gibt, die Wut auslösen, und erarbeiten neue Lösungen, um das Agressionspotenzial zu senken.

Kollegen als „Seelsorger“

„In den letzten Jahren wurden zudem Klinikmitarbeiter als Deeskalationstrainer ausgebildet. Sie bieten haus­interne Schulungen in ihren Einsatzbereichen und stehen ihren Kollegen als Ansprechpartner für Fragen zur Gewaltprävention, zum Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen sowie zur kollegialen Betreuung nach einem Übergriff zur Verfügung. Ein zweitägiges Deeskalationstraining ist heute außerdem auch Teil der Ausbildung von Pflegekräften am Klinikum Nürnberg“, erklärt Sicherheitsleiter Röttenbacher, „aber angesichts der massiven Aggression ist eine Deeskalation oft schwierig oder manchmal sogar unmöglich.“

Mit Lockerung steigt Gewalt

Das Coronavirus und der damit verbundene Lockdown sorgten zwar für weniger Ausschreitungen in der Nürnberger Notaufnahme und deutlich mehr Bewusstsein für den systemrelevanten Baustein „Krankenhaus“, aber „einhergehend mit den Lockerungen nimmt die Gewalt leider allmählich wieder zu“, sagt Röttenbacher.

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