Klimagutachten +++ aktualisiert +++ Studie untersucht Klimaschutzmaßnahmen in deutschen Krankenhäusern

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Durch Klimawandel und extreme Energiekostensteigerungen steht das Thema Energieeffizienz in Krankenhäuser ganz oben auf der Agenda. Welchen Beitrag leisten diese bereits zur Energiewende und welchen könnten sie leisten? Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und das Deutsche Krankenhausinstitut (DKi) stellen Gutachten zum Klimaschutz vor.

Maßnahmenfelder der DKI-Analyse im Überblick. – © Screenshot HCM/www.dkgev.de

Fehlende Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen und bislang nicht vorhandene politische Unterstützung haben den Klimaschutz in den Krankenhäusern ausgebremst. Das ist das Ergebnis einer Studie des DKI für die DKG. Es handelt sich um die erste umfassende Erhebung klima- und energierelevanter Daten deutscher Krankenhäuser. Zusätzlich identifiziert die Studie mehr 100 Klimaschutzmaßnahmen, um die Klimabilanz von Krankenhäusern zu verbessern.

Klimaschutz braucht verlässliche Finanzierungsgrundlage: Länder sind gefordert

Seit zwei Jahrzehnten leiden die deutschen Krankenhäuser unter der dramatischen Unterfinanzierung der Investitionsförderung, die trotz gesetzlicher Pflicht von den Ländern nicht geleistet wird. Jährlich fehlen über drei Milliarden Euro. Diese Mangelwirtschaft der Politik habe zu massiven Defiziten bei der baulichen Infrastruktur, der Medizintechnik, der Digitalisierung und auch beim Klimaschutz geführt. Klimaschutz in Krankenhäusern könne einen bedeutsamen Beitrag zur Reduktion von Treibhausgasen leisten. Insgesamt werden rund fünf Prozent des nationalen Ausstoßes dem Gesundheitswesen zugeschrieben. Ein Großteil davon entfällt auf die Krankenhäuser.

„Krankenhäuser sind ähnlich wie die Deutsche Bahn deutlich unterinvestiert. Wir stehen jetzt vor einem großen Berg an Aufgaben.“

Dr. Gerald Gaß, DKG-Vorstandsvorsitzender
Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG. – © Screenshot HCM/www.dkgev.de

Klimaschutz steht auf der strategischen Agenda vieler Krankenhäuser. 71 Prozent der befragten Krankenhäuser sehen die Notwendigkeit und gaben an, dass der Klimaschutz in ihre Anpassungsstrategie zum Klimawandel einfließt. 38 Prozent der Häuser haben Leitlinien und Zielvorgaben zur Energieeinsparung und Nachhaltigkeit etabliert, 30 Prozent beschäftigen Klimamanager. Daneben werden häufig unterschiedliche Einzelmaßnahmen eingesetzt, etwa im Bereich der Wärmedämmung, der Müllvermeidung oder beim Monitoring von Verbrauchskennzahlen. „Krankenhäuser können als Großverbraucher einen spürbaren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dazu müssen sie aber in Technik und Prozesse investieren. Die seit Jahrzehnten unzureichende Investitionskostenfinanzierung zwingt Krankenhäuser allerdings dazu, die knappen Mittel vorrangig für die notwendigsten Anschaffungen in der direkten Patientenversorgung zu verwenden. Deshalb ist bei der CO2-Neutralität vieles liegengeblieben. Die Krankenhäuser benötigen ein Investitionsprogramm für den Klimaschutz, um die vorhandenen Potenziale zu heben“, erklärt der DKG-Vorstandsvorsitzende Dr. Gerald Gaß.

Gas-Krise könnte Kliniken vor entscheidende Engpässe stellen

Aktuell ist das Klimaschutzpotenzial der Krankenhäuser noch nicht ausgeschöpft: 63 Prozent der befragten Kliniken sehen Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich der Energie- und Stromversorgung. Bei der Wärmeversorgung sieht jedes zweite Krankenhaus Handlungsbedarf, etwa bei den technischen Anlagen, der Wärmerückgewinnung und dem Primärenergiemix. Erneuerbare Energien kommen zwar zum Einsatz, jedoch nur in begrenztem Umfang. Auch in anderen Maßnahmenfeldern gibt es noch viel Potenzial, z.B. Beispiel bei der Kälte- und Wasserversorgung oder durch den kontrollierten Einsatz von klimaschädlichen Narkotika.

Im Rahmen der Untersuchung wurden auch zentrale Kennzahlen der Wärmeversorgung abgefragt. Bei den genutzten Energieträgern dominierte Erdgas mit 92 Prozent, Fernwärme und leichtes Heizöl waren als Energieträger bei rund der Hälfte der Kliniken im Einsatz. Angesichts der aktuellen Gas-Krise warnt der DKG-Vorstandsvorsitzende vor einem Kollaps der Kliniken durch entstehende Engpässe im kommenden Herbst und Winter. „Unerlässlich ist, dass Krankenhäuser als Teil der kritischen Infrastruktur vorrangig mit Gas beliefert werden. Die Arbeitsfähigkeit eines Krankenhauses hängt aber auch von zahlreichen Zulieferbetrieben ab. Wäschereien, Küchen und andere Betriebe, die Krankenhäuser versorgen, müssen ebenso vorrangig versorgt werden, um den Klinikbetrieb aufrechterhalten zu können“, betont Gaß.

„Die drohenden Energiepässe lösen auch in den Kliniken in NRW große Sorgen aus. Die Kosten für Erdgas steigen für die Häuser mitunter um das Achtfache in 2023 verglichen mit 2020. Hinzu kommen die gestiegenen Preise in weiteren Bereichen, wie z.B. für die Patientenverpflegung und Medizinprodukte. Doch diese massiven Kostensprünge werden bisher nicht refinanziert. Die Einrichtungen benötigen für das laufende und für das kommende Jahr eine kurzfristige Lösung. Sonst laufen wir Gefahr, dass die Krankenhäuser als ein wesentlicher Teil der Gesundheitsversorgung nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen.“

Matthias Blum, Geschäftsführer KGNW
Matthias Blum, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW). – © Wilfried Meyer/KGNW

Finanzpolitische Lage der Kliniken verschärft sich durch geopolitisch bedingte Entwicklungen

Eine aktuelle DKI-Blitzumfrage bestätigt die dramatische Lage. Danach haben die Kliniken kurzfristig keine oder nur relativ geringe Einsparmöglichkeiten beim Gas. Versorgungsengpässe oder massive Preissteigerungen würden die Krankenhäuser mit voller Wucht treffen. Mehr als die Hälfte der Krankenhäuser erwartet in diesem Jahr noch höhere Preise bei Gas und Strom. Aktuell haben viele Kliniken Verträge mit ihren Gasversorgern, die befristete Preisbindungen oder -obergrenzen vorsehen. Mit Auslaufen dieser Verträge in diesem oder spätestens im nächsten Jahr sind enorme Preissprünge zu erwarten. Schon 2022 sind bereits 43 Prozent der Kliniken bei Gas und 45 Prozent bei Strom von Preissteigerungen betroffen, trotz der vermeintlichen Vertragssicherheit. Diese Preissteigerungen sind durch die Preise für die Patientenbehandlung längst nicht mehr gedeckt. „Die gesetzlich gedeckelte Preissteigerung bei den Fallpauschalen beträgt in diesem Jahr 2,32 Prozent. Wir fordern daher finanzielle Ausgleiche, um die Einsatzbereitschaft und wirtschaftliche Stabilität der Kliniken zu sichern“, sagt Gaß. Krankenhäuser könnten die massiven Preisanstiege nicht weitergeben, wie es in der Wirtschaft der Fall ist. Um die Preissteigerungen auch in anderen Bereichen wie Lebensmitteln und Medizinprodukten abfedern und weitere wirtschaftlich bedingte Schließungen verhindern zu können, benötigten die Kliniken dringend einen Inflationsausgleich.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Energiekrise bleibt der Umwelt- und Klimaschutz ein vorrangiges Ziel der Krankenhäuser. Die mehr als 100 Klimaschutzmaßmaßnahmen betreffen laut Studie acht Handlungsfelder wie

  • Nutzerverhalten,
  • Klimafolgenanpassungen, Abfall- und Energiemanagement.
  • Energie und Strom.

Maßnahmen zum Energiemanagement, Nutzerverhalten und Klimafolgeanpassungen

1. Nutzungsverhalten
– Prozesse an das Verhalten der Nutzenden anpassen (z.B. Standardeinstellung von Geräten, digitalisierte Dokumentation)
– Abfalltrennkultur, Vermeidung von Fehlwürfen (z.B. farbliche Markierungen, entsprechende Behälter)
– Regelmäßige Information, Aufklärung und Motivation des Personals
– Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeitenden

2. Energiemanagement
– Beim Strombezug auf weniger CO2-ausstoßende Brennstoffe zurückgreifen
– Eigenerzeugung Strom (z.B. PV-Anlagen)
– Verstärkter Einsatz von erneuerbaren Energien

3. Umsetzung
– Reduktion Beleuchtung
– Energiesparende Lichtkonzepte
– Laufzeitoptimierung der Raumlufttechnik
– Lastspitzenverteilungsmanagement
– Einsatz von Zeitschaltungen oder Präsenzmeldern (z.B. bei der Klimatisierung von Räumen)

Quelle: Studie DKI im Auftrag der DKG

In diesem wichtigen Feld Energie und Strom gilt es, den Primärenergiebedarf zu reduzieren. Hierzu können Erdwärmesonden eingesetzt werden. Dabei bieten die Laufzeitoptimierung von raumlufttechnischen Anlagen sowie Zeitschaltungen und Präsenzmelder die größten Möglichkeiten, kurzfristig Energie und Strom einzusparen. Auch die Ausgliederung der Energieversorgung an externe Dienstleister (Contracting) trägt erheblich dazu bei, dass Krankenhäuser sich schnell und effizient energetisch sanieren können.

Die energetische Sanierung von Krankenhäusern in Deutschland erfordert zusätzliche Investitionsmittel in großem Umfang.

„Sollten alle individuell möglichen Maßnahmen umgesetzt werden, wären Investitionen im mittleren zweistelligen Milliardenbereich nötig.“

Dr. Gerald Gaß

Für diese Investitionen solle ein Krankenhaus-Klimaschutzfonds gebildet und gemeinsam von Bund und Ländern finanziert werden. Klimaneutralität stelle dabei das anzustrebende und nachhaltigste Zielszenario dar. Sofern geringere Mittel zum Einsatz kommen, bleibe dieses Ziel jedoch außer Reichweite.

Gaß begrüßt die Initiative in Bayern zur Klimaertüchtigung von Krankenhäusern, die in den Bundesrat eingebracht wurde. Er sieht das vorgesehene Investitionsvolumen des auf drei Jahre befristeten Förderprogramms von jährlich 500 Millionen, also insgesamt 1,5 Milliarden Euro, als zu gering an.

Dr. Anna Levsen, Senior Research Managerin Deutsches Krankenhausinstitut e.V. (DKI). – © Screenshot HCM/www.dkgev.de

Erhebung zum Klimaschutz in deutschen Krankenhäusern

Dr. Anna Levsen vom DKI präsentierte den Forschungsauftrag, die Forschungsziele und den theroretischen Hintergrund zur Studie.

Die Hauptkriterien bei der Erhebung waren:

  1. Status quo: Verbrauchskennzahlen deutlich machen, ermitteln
  2. Ableitung von Klimaschutzmaßnahmen: den Krankenhäusern eine Handlungsempfehlung an die Hand geben
  3. Abschätzung der Investitionskosten
  4. Fragebogenerhebung und Rückläufe

Die Fragebögen zur Studie wurden an 1.399 Krankenhäuser versendet. Mehr Infos zur Studie finden Interessierte mit einem Klick hierauf.

Holetschek begrüßt DKG-Forderung zum Klimaschutz in Krankenhäusern

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek unterstützt die Forderung der DKG nach einem Klimaschutzfonds für die Krankenhäusern. Holetschek betonte: „Wir müssen unsere Kliniken bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützen und sie effizienter, ressourcenschonender und klimafreundlicher gestalten.“

Bayern hat hierzu bereits die Initiative zur Klimaertüchtigung von Krankenhäusern in den Bundesrat eingebracht. Der Bund soll ein auf drei Jahre befristetes Förderprogramm mit einem Volumen von jährlich 500 Millionen Euro auflegen, also insgesamt 1,5 Milliarden Euro. Damit könne man die Investitionen anstoßen, die nötig sind, um die Kliniken fit zu machen für eine klimaschonende Zukunft.

„Die Investitionen zahlen sich gleich mehrfach aus: Durch die Senkung des Energieverbrauchs schützen wir das Klima und senken zugleich die hohen Energiekosten, die für die Kliniken zunehmend zu einer massiven Belastung werden. Damit machen wir uns nicht zuletzt unabhängiger von ausländischen Energieimporten.“

Klaus Holetschek, Bayerischer Gesundheitsminister

Zum DKI-Gutachten

Das DKI-Gutachten „Klimaschutz in deutschen Krankenhäusern: Status quo, Maßnahmen und Investitionskosten“ ist mit einem Klick hierauf zum Download verfügbar. Enthalten sind darin auch die Informationen zu mehr als 100 Klimaschutzmaßnahmen.