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Sorgekultur und -praxis „Sterben im Heim heute und morgen“

Gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit haben das Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung der Universität Augsburg und das Münchener Institut für Praxisforschung und Projektberatung Daten von Pflegeheimen erhoben. Ziel war es, den Entwicklungsstand von Hospizkultur und Palliativkompetenz in den Einrichtungen festzustellen und daraus Empfehlungen zu entwickeln. Die Ergebnisse wurden auf der Fachtagung präsentiert und von Experten eingeordnet sowie diskutiert.

Zur Präsentation ihres Projekts „Sterben zuhause im Heim – Hospizkultur und Palliativkompetenz in der stationären Langzeitpflege“ lud das Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung (ZIG) der Universität Augsburg in den Annahof in der Augsburger Innenstadt. Prof. Dr. Michael Ewers, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft ab der Charité Berlin, gab den Teilnehmern einen kurzen Überblick über den Ist-Zustand in der Pflege.

Verweildauer im Heim oft nur wenige Monate

Demnach waren im Jahr 2015 ein Viertel der 3,1 Millionen Pflegebedürftigen in der stationären Langzeitversorgung untergebracht. Die Zahl derer, die aus dem Krankenhaus direkt in Pflegeeinrichtungen überstellt werden, wachse an. 30 Prozent würden nach sechs Monaten sterben, 20 Prozent schon nach vier Wochen.

Der Keynote-Speaker kam in seinem Vortrag über die „Stationäre Langzeitpflege schwerkranker Menschen“ zu dem Schluss, dass Patienten immer komplexere und anspruchsvollere Bedürfnisse haben. Neben der Gesundheitsversorgung im Heim werde außerdem die Sozialversorgung immer wichtiger. Diese Veränderungen in der Pflege riefen nach einer Anpassung der Rahmenbedingungen aus konzeptioneller, struktureller, sozialrechtlicher, finanzieller und personeller Sicht. Im Ausland würde längst der Einsatz multiprofessioneller Teams diskutiert, in Deutschland vermisse er diese Diskussion.

Sterben unter würdigen Bedingungen

Die zweite Keynote-Speakerin Dr. Birgit Weihrauch, ehemalige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands e.V. (DHPV) und stellvertretende Vorsitzende des ZIG-Beirats, referierte über die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ – eine gemeinsame Initiative des DHPV, der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und der Bundesärztekammer.

Die Charta war aus Sicht der Initiatoren notwendig, da es große Defizite in der Versorgung sterbender Menschen gebe. Dr. Weihrauch betonte, dass es viel zu viele Einweisungen in Krankenhäuser kurz vor dem Tod gäbe. Um ihnen ein Sterben in Würde zu ermöglichen, wurde bis 2016 an der Charta gearbeitet sowie fünf Leitsätze formuliert. Wie Einrichtungen diese umsetzen und zu Unterstützern werden können, ist auf der Webseite der Charta nachzulesen.

Sterben im Heim – Das Projekt

Prof. Dr. Werner Schneider, Projektleiter und Direktor des ZIG, konnte im Anschluss an die Keynotes das Gesagte mit aktuellen Befunden und Zahlen aus dem Projekt „Sterben zuhause im Heim“ (SiH) untermauern. Bedauerlicherweise, sagte Schneider, sei aufgrund des niedrigen Rücklaufs (15 Prozent) kein repräsentatives Bild der deutschen Heimlandschaft möglich gewesen.

Das Projekt habe aber unter den teilnehmenden Einrichtungen folgendes Bild ergeben: Die Mehrheit der Heime hat bereits Organisationsstrukturen für die Themen Hospizkultur und Palliativkompetenz festgelegt. Besprechungsstrukturen hätten sich etabliert und die Pflegefachkräfte werden speziell geschult bzw. es ist geplant diese zu schulen. Der Hospizgedanke im Heim sei aber „nichts grundlegend Neues.“     

Die Kooperation mit Hausärzten wird, laut Umfrageteilnehmer, überwiegend mindestens als befriedigend bewertet. Die überwiegende Mehrheit meint aber Kooperationen, auch mit Anbietern von Hospiz- und Palliativarbeit, käme den Bewohnern spürbar positiv zugute.

Heim der sechsten Generation

Abschließend sagt Prof. Dr. Schneider, dass im Heim nicht das Sterben sondern das Leben im Vordergrund stehen müsse. Die Empfehlungen des Forschungsprojekts, das Heim der Zukunft neu zu erfinden und es zu einem „Ort der guten Versorgung, Betreuung und Begleitung im Sterben“ zu machen, beschreibt er als Heim der sechsten Generation. Damit diese Transformation erfolgreich gelinge, müsse es

  1. mehr Fachkräfte geben, die mit den veränderten Anforderungen konfrontiert werden,
  2. müsse die Vernetzung und Kooperation mit Hausärzten und Akteuren der Hospiz- und Palliativarbeit weiter ausgebaut und
  3. der Kontakt zur Nachbarschaft gesucht werden.

Heimleiter tun sich schwer

Gerade die Kooperation mit Hospizhelfern stelle die Pflegeheime aber immer wieder auf eine harte Probe, erwidert Dr. Gertrud Schwenk, Fachreferentin für Altenhilfe im Caritasverband München Freising e.V. Sie seien anders als die Mitarbeiter in Pflegeheimen spontan, kreativ, „unkontrollierbar“ und bringen dadurch eine gewisse Unruhe in den durchstrukturierten und eng getakteten Arbeitsablauf. Andererseits brächten sie eine gewisse Kontinuität und Ruhe zu den Sterbenden, was die Pflegenden aufgrund des Fachkräftemangels oft nicht leisten können.

Mehr Raum zum Austausch

Zwei Wünsche für die Zukunft wurden in der anschließenden Podiumsdiskussion formuliert. Dr. Dr. Eckhard Eichner, Geschäftsführer und leitender Arzt der Augsburger Palliativversorgung gGmbH sowie Vorstandsvorsitzender der Augsburger Hospiz- und Palliativversorgung e.V. (AHPV), wünschte sich Heimärzte für die Einrichtungen. Der Arzt müsse verfügbar für die Bewohner sein und diese kennen. Ein solches Verhältnis könne nicht aufgebaut werden, wenn er „nur alle drei Wochen für fünf Minuten kommt.“

Brigitte Bührlein, Vorsitzende der „Wir! Stiftung pflegender Angehöriger“, hätte gern mehr Räume – zeitlich aber auch wörtlich – in denen Pflegefachkräfte und Angehörige einander begegnen können. (Pflegende) Angehörige hätten im Heim keinerlei Status, außer sie hätten eine gesetzliche Vollmacht. Sie verstehe aber auch, dass das mit dem jetzigen Arbeitspensum und Personalknappheit schwer zu leisten ist, hoffe aber auf einen Wandel für die Zukunft. Den Forderungen folgte teilweise großer Applaus der Anwesenden.

Forderungen an die Politik

In der teilweise hitzig geführten Debatte mit dem Publikum wurden auch Wünsche an die Politik laut, die an den Leiter des Referats 413 im Bundesministerium für Gesundheit, Dr. Christian Berringer, herangetragen wurden, wie etwa, dass

  • palliativen Bewohnern die hohen Pflegegrade vorenthalten würden und
  • das Thema „Tod“ in der Gesellschaft nicht mehr tabuisiert werde.

Ausführlichere Informationen über das Forschungsprojekt sowie Handlungsempfehlungen finden Sie auf der Website des ZIG.

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