Pflege -

Die Kolumne von Eckhard Eyer Stellen Sie sich vor: Es ist Streik und alle gehen hin

Tarifautonomie und der Abschluss von Tarifverträgen ist in Deutschland ein hohes Gut, das auch im Grundgesetz festgeschrieben ist. So haben wir es im Schulunterricht gelernt und die – insbesondere wirtschaftsliberalen – Mitglieder der Politik betonen es immer wieder, wenn sie den ordnenden Staat außen vor lassen wollen. Was das mit Blick auf die Pflege bedeutet.

In der Metall- und Elektroindustrie habe ich einige Streiks – sowohl bei Haustarifverträgen als auch bei Flächentarifverträgen – miterlebt, sie dauerten von ein paar Tagen bis hin zu mehreren Wochen. Die Mitarbeitenden verließen ihren Arbeitsplatz und kehrten nach Abschluss des Streiks und der Unterschrift unter den neuen Tarifvertrag wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Sie staubten ihre Werkbank und Werkzeuge ab und setzten ihre Arbeit an dem Werkstück fort, an dem sie ein paar Tage oder ein paar Wochen zuvor aufgehört hatten zu arbeiten.

Stellen Sie sich vor, Pflegepersonal würde sich so verhalten wie die Mitarbeitenden in dem Beispiel der Metall- und Elektroindustrie und ihre grundgesetzlich garantierten Rechte wahrnehmen. Wenn Pflegekräfte nach einem Tag oder nur einer Schicht Streik an ihren Arbeitsplatz zurückkehren würden wäre die Zeit nicht stehen geblieben. Das Leben wäre weitergegangen. Die liegengebliebene Arbeit – die Versorgung der Patienten und Bewohnenden mit Essen, der Stuhlgang der Bewohner, die Körperpflege, das Wundmanagement, die aktivierende Pflege, ... wären nicht mehr nachzuholen. In der Pflege ist nicht nur der Staub von der Werkbank zu wischen und einfach weiterzuarbeiten. Der entstandene Schaden, die Körperverletzung der Pflegebedürftigen durch mangelnde Pflege wären erheblich. Das Vertrauen der Patienten in die Krankenhausversorgung und der Bewohnerschaft in der Altenpflege wäre stark beschädigt, wenn nicht zerstört.

Die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in der Pflege trägt auch die Gesellschaft  

Wir halten die Spielregeln in unserer Gesellschaft – insbesondere die freiheitliche demokratische Grundordnung – und damit unser Grundgesetz zu recht hoch. Bei seiner Anwendung ist es wichtig den Kontext, die sogenannte "Waffengleichheit" der Tarifvertragsparteien in der Tarifauseinandersetzung zu beachten.  

Der Physiker und Nobelpreisträger Max Plank sagte einmal: "Wenn Sie die Art und Weise ändern, wie Sie die Dinge betrachten, ändern sich die Dinge die Sie betrachten." Ich denke wir brauchen einen neuen Blick auf die Situation in der Pflege. Die Verantwortung für die Pflege der Patienten und Pflegebedürftigen haben nicht die einzelnen Mitarbeiter, sondern die Einrichtungen, sie haben den Versorgungsvertrag unterzeichnet. Das hohe persönliche Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter gegenüber den ihnen anvertrauten Patienten und Bewohnern führt heute dazu, dass die Pflegekräfte ihre grundgesetzlich garantierten Rechte nicht wahrnehmen (können).

Als Gesellschaft – nicht nur die Tarifvertragsparteien – müssen wir zügig und angemessen handeln, um Folgendes nicht zu erleben: Es ist Streik und alle gehen hin.

Kontakt zum Autor:
Dipl.-Ing. Dipl.-Kfm. Eckhard Eyer, Perspektive Eyer Consulting, www.eyer.de, www.good-pay.de, info@eyer.de 
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