Interview mit Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach „Spitzenmedizin und Forschung verbessern“

Demografischer Wandel, wachsender Fachkräftebedarf – mit der unabhängigen Kommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“ unter Vorsitz des renommierten Gesundheitsexperten Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach soll die medizinische Versorgung in der Hauptstadt zukunftsfähig gemacht werden. Die Vorstellung der Ergebnisse ist für Anfang 2019 geplant.

Die Sicherung der Kranken- und Pflegeversorgung wird für viele Städte und Regionen Deutschlands zunehmend zur ­Herausforderung. Der demografische Wandel – ob durch mehr ältere Patienten oder ältere Fachkräfte – und der grundsätzliche Mangel an Personal im Gesundheitswesen sind nur zwei der Gründe.

Beispiel Berlin: Das Gesundheitswesen ist die größte Branche der Region, rund 370.000 Beschäftigte erwirtschaften dabei 25 Milliarden Euro Jahresumsatz. Zudem lassen sich dort pro Jahr mehr als 21.000 Patienten aus dem Ausland behandeln, die laut Berechnungen von Wirtschaftsexperten bald bis zu 200 Millionen Euro Jahresumsatz bringen könnten. Die Krankenhäuser spüren den Zuwachs von Patienten jedoch allein schon wegen des anhaltenden Zuzuges von Neuberlinern – und es gibt Engpässe in der Pflege. Laut Gesundheitssenatsverwaltung schildern Bezirksämter und Pflegestützpunkte, dass es immer schwieriger werde, einen Pflegedienst für die ambulante pflegerische Versorgung zu finden.

So nimmt der Senat das Heft jetzt übergreifend in die Hand: Die unabhängige Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“ unter Vorsitz des renommierten Gesundheitsexperten Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach erarbeitet derzeit strukturelle Empfehlungen, wie eine forschungsbasierte und zukunftsfähige Krankenversorgung für Patienten unter Berücksichtigung der Folgen des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftebedarfs gesichert werden kann. Dabei gelte es auch, das besondere Potenzial des Gesundheitsstandortes und die Synergiemöglichkeiten zwischen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Vivantes GmbH, beide in öffentlicher Trägerschaft, künftig besser zu nutzen. Einberufen wurde die mit elf externen Sachkundigen aus Wissenschaft, Verbänden, Kliniken, Unternehmen und Patientenvertretungen besetzte Arbeitsgruppe vom Regierenden Bürgermeister von Berlin und Senator für Wissenschaft und Forschung, Michael Müller, und der Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Dilek Kolat. Die Ergebnisse der Zukunftskommission sollen Anfang 2019 vorgestellt werden.

Müllers Ziel: „Wir wollen Berlin bis 2030 zur europäischen Topadresse in der medizinischen Forschung und Versorgung machen.“ Und Dilek Kolat ergänzte bei der Präsentation: „Als Gesundheitssenatorin ist es mir wichtig, dass wir nicht nur Wirtschaftskraft und Forschungsleistungen im Blick haben, sondern dass Innovationen bei den Patienten in der Breite ankommen und die Versorgung insgesamt verbessern. Ob Digitalisierung, Fachkräfteausbildung oder Höchstleistungsmedizin – ohne enges Zusammenwirken von Forschung und Versorgung ist das nicht denkbar. Die hochkarätig besetzte Zukunftskommission bietet eine einmalige Chance mit fachkundigem Blick von außen, die Potenziale der ‚Gesundheitsstadt Berlin‘ zu erkennen und zu nutzen.“

HCM sprach mit dem Arzt, Wissenschaftler und Politiker Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach über (bundesweite) Perspektiven der Branche.

HCM: Herr Prof. Dr. Dr. Lauterbach, was haben Sie sich als Vorsitzender der Kommission vorgenommen?

Lauterbach: Erst einmal ist es eine große Ehre für mich, die Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“ leiten zu dürfen. Für mich als Politiker und Wissenschaftler ist das eine erstklassige Gelegenheit, meine Kenntnisse zur Entwicklung der Medizin mit den Kenntnissen zur Veränderung des Wissenschaftsstandorts Deutschlands zu verbinden.

HCM: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Deutschland ein?

Lauterbach: Sowohl die medizinische Wissenschaft als auch die medizinische Versorgung stehen vor großen Herausforderungen. In der medizinischen Wissenschaft gilt es, Spitzenmedizin und medizinische Forschung auf das Niveau der besten internationalen Standorte zu verbessern. Die Krankenhausversorgung steht gleichzeitig vor der dramatischen Herausforderung des demografischen Wandels, der die Zahl der chronisch Kranken massiv erhöhen und die Zahl der Fachkräfte massiv senken wird. Gleichzeitig entwickeln sich neue medizinische Verfahren wie die personalisierte Medizin, die eine viel bessere Zusammenarbeit von Kliniken, Spezialisten und Forschern, Versorgungsärzten und Pflegepersonal notwendig machen. An keinem deutschen Standort sind die Potenziale, diesen Anforderungen zu begegnen, größer als in Berlin.

HCM: Und wie ist die Lage in Berlin?

Lauterbach: Die gute Nachricht: Sowohl die Uniklinik, also die Charité, als auch die öffentlichen Häuser wie Vivantes sind bisher wirtschaftlich mit den Herausforderungen gut klargekommen. Das ist in anderen Städten wie etwa in Köln nicht so. Das macht die Arbeit dieser Kommission leichter, es geht nicht um Sanierung, sondern um Optimierung.

Die schlechte Nachricht: Wenn ich als Wissenschaftler recherchiere, stoße ich selten auf deutsche Forschungsergebnisse – und noch seltener auf Berliner Forschungsergebnisse. In einer Welt, in der die Auswertung solcher Ergebnisse mehr denn je gemessen wird, hat das eine andere Bedeutung als früher, wo eine Klinik schlicht einen guten Ruf hatte. Bei solchen Rankings liegen universitäre Spitzeneinrichtungen wie Harvard, Oxford, Cambridge, Stanford oder aber das schwedische Karolinska-Institut auf den ersten 20 Plätzen, die Hälfte sind amerikanische. In diesen Rankings ist die Charité nicht in einer Aufholjagd begriffen, sondern weit abgeschlagen. Trotz einer gewissen Größe ist die Charité auch weit davon entfernt, mit anderen europäischen Städten wie Paris oder London mithalten zu können. So sind wir in der Wissenschaft in Deutschland, auch in Berlin, nicht da, wo wir sein könnten.

HCM: Trotzdem sprechen Sie von Potenzialen. Welche sind das?

Lauterbach: Tatsächlich erfüllt Berlin alle Voraussetzungen: Es sind große universitäre Einrichtungen mit medizinischer Forschung vor Ort. Und sie haben auch die notwendige Größe für Spitzenforschung – das ist nicht an jedem deutschen Standort der Fall. Außerdem ist der Standort attraktiv, denn viele junge Wissenschaftler können sich vorstellen, dort zu leben, auch Menschen, die etwas aufbauen wollen. Es ist alles optimal vorhanden.

HCM: Was also ist zu tun?

Lauterbach: Aus meiner Sicht ist zu klären, wie es Berlin erreicht, ein wissenschaftlicher und klinischer Topstandort zu werden. Der zweite Schwerpunkt ist: Wie stellt man es dar, dass der wissenschaftliche Stand der Medizin tatsächlich umgesetzt wird, das heißt, dass die Patienten überall dort behandelt werden, wo sie optimal, in wissenschaftlichgesicherter Art und Weise versorgt werden können. Also: Zu überlegen, welche Klinik sich worauf spezialisieren sollte bzw. ob Spezialzentren eingerichtet werden. Was auch eine wichtige Verknüpfung mit dem ersten Punkt ist. Drittens: Man muss dafür Sorge tragen, dass in allen Stadtteilen eine Topversorgung vorhanden ist, egal ob arm oder reich, mit einer gesetzlichen oder privaten Versicherung. Der vierte Punkt wäre einer zur Nachhaltigkeit: Wie gelingt es uns langfristig, genug Personal zu gewinnen. Wie rekrutiere ich z.B. ausländische Wissenschaftler – dem muss man sich öffnen, wenn man international Anschluss finden will. Langfristig wird die Ressourcenbegrenzung im Gesundheitswesen nicht das Geld sein, sondern das werden das Fachpersonal und die Spitzenkräfte sein.

HCM: Aber rechnen muss sich das Ganze auch?

Lauterbach: Das ist der fünfte Punkt: Wie erreicht man es, dass die Wirtschaftlichkeit dabei nicht gefährdet wird. Es ist beachtlich, dass in Berlin bisher keine Defizite gemacht wurden, da ist einiges geleistet worden. Ich begrüße es ausdrücklich, dass der Senat entschieden hat, dass diese Form des Ausbaus in staatlicher Hand bleiben soll. Unser Ehrgeiz muss sein, den Standort im Rahmen des öffentlichen Gerüstes nach vorn zu bringen.

Die Fragen stellte Carolina Heske.