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Übergriffe am Arbeitsplatz So verbreitet ist sexuelle Belästigung in Kliniken

Mehr als ein Drittel des Pflegepersonals berichtet von sexuellen Übergriffen durch Patienten. Dieses Ergebnis förderte eine Online-Befragung des Portals Medscape zutage. Aber auch Kollegen oder Vorgesetzte kennen oft kein "Nein". Die erschreckenden Ergebnisse der Umfrage im Überblick.

Topic channels: Betriebliches Gesundheitsmanagement und Female Empowerment

Fast jeder sechste Arzt oder Ärztin hat bereits sexuelle Übergriffe an seinem Arbeitsplatz beobachtet. Sieben Prozent der Mediziner wurden selbst von Kollegen sexuell belästigt und fast jeder vierte Mediziner und mehr als ein Drittel des Pflegepersonals berichten von sexuellen Übergriffen durch Patienten. So die Ergebnisse des aktuellen Medscape-Reports "Sexuelle Belästigung unter Ärzten, Pflegepersonal und Patienten". Mehr als ein Drittel gibt an, dass die Vorfälle Ihre Arbeit stark beeinträchtigt haben. Dennoch haben drei von vier Betroffenen den Täter nicht gemeldet - meist aus Sorge, als überempfindlich zu gelten.

An der Online-Umfrage des Gesundheitsportals Medscape nahmen über 1.000 Beschäftige im Gesundheitswesen teil. Die Ergebnisse decken sich mit den Erkenntnissen einer kürzlich veröffentlichten Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS): Darin hatte jede siebte erwerbstätige Frau und jeder zwanzigste Mann von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz berichtet. Am stärksten Betroffen: das Gesundheits- und Sozialwesen.

"Ich finde es gut, dass es für Deutschland endlich Zahlen zu sexuellen Belästigungen von Ärzten und Ärztinnen gibt", kommentiert die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) Dr. Christiane Groß den Medscape-Report. "Als Arzt oder Ärztin ist man, was sexuelle Übergriffe angeht, mehr gefährdet als in manch anderen Berufen - nicht nur von Kollegen, sondern auch von Patienten und Patientinnen, weil wir körperlich viel näher an den Menschen dran sind," betont Groß.

Unerwünschte Nachrichten

"Wiederholt wurden mir von Kollegen Nachrichten und Filmchen mit nackten Frauen geschickt", berichtet eine der befragten Ärztinnen. Sexuelle Übergriffe wie dieser scheinen in deutschen Kliniken an der Tageordnung. Am häufigsten genannt wurden:

  • "anzügliche Kommentare und Blicke" (61 Prozent),
  • "Vorschläge für sexuelle Aktivitäten" (32 Prozent),
  • "ständige Flirts oder Fragen nach einem Treffen" (25 Prozent) und
  • "unerwünschte Briefe, Textnachrichten und Emails mit sexuellem Inhalt" (18 Prozent).

Fragwürdige Beförderungen

Bei mehr als der Hälfte der Befragten wurden die Kollegen jedoch auch körperlich aufdringlich: Die Erlebnisse reichen von Annäherungen und fehlender räumlicher Distanz (56 Prozent) bis hin zu unerwünschtem Anfassen und Umarmen (51 Prozent). Einem von vierzehn Medizinern (7 Prozent) wurde gar eine Beförderung als Gegenleistung für eine sexuelle Gefälligkeit in Aussicht gestellt. Oder bei Verweigerung mit Nachteilen gedroht. Ebenso viele wurden gewaltsam zu einer Berührung oder einem sexuellen Kontakt gezwungen.

Fast jede zweite Belästigung geht von Vorgesetzten aus

Kommen die Übergriffe aus dem Kollegenkreis, ist der Täter in jedem zweiten Fall ein anderer Arzt. In den seltensten Fällen (9 Prozent) sind Täter und Opfer dabei beruflich auf Augenhöhe. Fast jede zweite Belästigung geht von einem Vorgesetzten aus. Eine Anästhesistin berichtete in den Kommentaren des Reports: "Ein Oberarzt umarmte mich während der Narkoseausleitung von hinten, berührte meine Brust und griff mir zwischen die Beine". Tatsächlich scheint es gerade an öffentlich zugänglichen Orten, wie dem OP-Bereich, dem Untersuchungs- oder Behandlungszimmer oder dem Klinikflur zu Übergriffen zu kommen. Ein Fünftel der sexuellen Belästigungen (21 Prozent) fand hinter verschlossener Tür statt.

Erhebliche psychische Auswirkungen 

Knapp die Hälfte der Betroffenen fühlte sich nach dem Übergriff verletzt oder sehr verletzt. Vier von zehn Medizinern (39 Prozent) gaben an, dass das Erlebte sie stark im Berufsalltag beeinträchtigt hat. Fast ein Viertel (23 Prozent) kündigte nach dem Übergriff. Ebenso viele gaben an, dass sie mit diesem Gedanken spielten. Trotz dieser erheblichen Auswirkungen haben drei von vier Betroffenen den Täter nicht gemeldet. Die meisten Ärzte hatten offenbar Sorge, dass ihnen vorgeworfen würde, überreagiert zu haben (40 Prozent). Andere befürchteten, dass ohnehin nichts gegen den Täter unternommen werde (26 Prozent) oder, dass ihre Aussagen nicht vertraulich behandelt würden (21 Prozent). Mehr als jeder fünfte Arzt (23 Prozent) beklagte eine mangelnde Unterstützung durch den Arbeitgeber. Auf die Frage etwa, ob ihnen ihr Arbeitgeber ein obligatorisches Training für den Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz anbiete, antworten 92 Prozent mit Nein.

Egal ob selbst betroffen oder nicht, die Mehrheit der befragten Ärzte und Pflegekräfte (80 Prozent) war sich einig: Sexuelle Belästigungen wirken sich am Ende negativ auf die Qualität der Patientenversorgung aus.

Was Betroffene empfehlen 

Unbedingt mit Kollegen, dem Vorgesetzten oder dem Betriebsrat reden und den Vorfall melden - das rät die Mehrzahl der Befragten ihren betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Ein konkreter Vorschlag lautete: "Dem Aggressor sollte man verbal unmissverständlich klar machen, dass man diese Belästigung nicht möchte. Wenn erforderlich auch körperlich Gegenwehr leisten. Falls dieses Vorgehen nicht sofort zur Beendigung dieses Verhaltens führt, sollte man Zeugen oder Dritte zu Hilfe rufen. Damit eine eventuelle polizeiliche Anzeige auch Erfolg hat."

"Jeder hat eine andere Schwelle, an der für ihn sexuelle Belästigung beginnt", räumt Groß ein. "Wenn man aber selbst das Gefühl hat, es handelt sich um einen Übergriff, sollte man diesen Eindruck ernst nehmen und mit einer Vertrauensperson darüber sprechen", so der Ratschlag der DÄB-Präsidentin.

Die vollständigen Ergebnisse der Medscape-Reports "Sexuelle Belästigung unter Ärzten, Pflegepersonal und Patienten" kann unter folgendem Link abgerufen werden.

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