Sieben Todsünden

Mit schwerer Bauchfellentzündung aus dem Krankenhaus entlassen und danach berufsunfähig – erschütternde Fälle wie den einer jungen Frau deckt der Chirurg Michael Imhof in seinem Buch auf.

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„Wir leben in einer Welt der großen Siegeszüge der modernen Medizin: Die schweren und früher tödlichen Infektionskrankheiten wurden erfolgreich bekämpft, Herzinfarkte, ja selbst Schlaganfälle können in vielen Fällen erfolgreich und ohne bleibende Funktionsausfälle behandelt werden. Verstopfte Herzkranzgefäße werden wieder geöffnet oder mit Bypässen überbrückt, Maschinen übernehmen die Funktion von ausgefallenen Organen. Chronisch schmerzende und arthrotisch versteifte Gelenke werden problemlos durch Kunstgelenke ersetzt“, so beschreibt Imhof in seinem Buch „Eidesbruch“ die moderne Medizin. Diese Erfolge sind nicht zu leugnen. Dennoch geht er mit der technisch hochgerüsteten Medizin hart ins Gericht. Imhof sieht die Gefahr, dass die moderne Medizin ihre Seele verliert und dass Patienten zu bloßen Objekten degradiert werden.

Epochaler Sündenfall

Durch die ökonomische und kommerzielle Dominanz im Gesundheitswesen werde die Ethik in ein Nischendasein verbannt, so Imhof. Dadurch gehe die Bindung an die ursprünglichen ethischen Grundsätze und Prinzipien verloren. Nach Ansicht des Mediziners ist das ein „epochaler Sündenfall“. Kommerzialisierung von Krankheit und Leistungen, Geldgier, Habsucht, Korruption, ethische Dammbrüche, Mitleidlosigkeit sowie Hochmut und Machbarkeitswahn – das sind für den Chirurgen die Todsünden der modernen Medizin, die er in seinem Buch ausführlich beschreibt.

Im 292 Seiten starken Buch schildert Imhof etwa, wie Patienten in Deutschland falsch beraten werden, wie ihnen Leistungen verwehrt werden und wie sie mit Behandlungsfehlern ihr Leben lang zu kämpfen haben. Dabei macht er auch vor vertuschten Hygieneskandalen, überflüssigen Operationen, erfundenen Krankheiten oder unfassbaren Betrugsfällen nicht Halt. Dabei ist eines sicher: der Leidtragende ist immer der Patient.

Je größer der Erfolg, desto mehr Kranke

Doch auch die Medizin sieht Imhof als Opfer, nämlich als Opfer ihres eigenen Erfolgs. Denn wenn ein Patient etwa eine Tumorerkrankung überlebt, indem er durch eine Strahlen- und Chemotherapie behandelt werde, müsse dieser Patient oft lebenslang nachbehandelt werden. Ist die Medizin in der Fortschrittsfalle? Imhof jedenfalls beobachtet den uralten Sisyphosmythos in einem neuen Gewande: “ je größer der Erfolg, desto größer die daraus resultierenden Probleme und desto größer der wiederum erforderliche Aufwand; je erfolgreicher diese Medizin umso mehr Kranke“.

Er plädiert in seinem Buch dafür, dass es höchste Zeit zur Besinnung auf eine Medizin sei, in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Sein Fazit: „Diese Besinnung wird die dritte Revolution der Medizin im im 21. Jahrhundert einläuten“.

Buchtipp
Imhof M. (2014) Eidesbruch. Ärzte, Geschäftemacher und die verlorene Würde des Patienten. Frankfurt am Main: Campus Verlag