Pflege -

Berliner Pflegedienst „4beimir.kiezpflege.“ Selbstgesteuert arbeiten in kleinen Teams

Der Berliner Pflegedienst „4beimir.kiezpflege.“ setzt auf Selbstbestimmung und Transparenz: Die Mitarbeiter planen ihre Touren selbst, erhalten vollen Einblick in die Geschäftszahlen, und wenn es etwas zu besprechen gibt, wird zusammen gekocht. Ein Konzept, das bei Pflegenden gut ankommt.

Als Uta Kirchner sich entschloss, ein Unternehmen zu gründen, sollte es etwas Sinnvolles sein. Die Erziehungswissenschaftlerin hatte zuvor 14 Jahre lang in der IT-Branche gearbeitet, bis sie irgendwann morgens aufwachte und wusste: Das kann ich nicht mehr bis zur Rente machen. In dieser Phase der Sinnkrise, wie sie es heute nennt, wurde ihr Vater pflegebedürftig, und sie merkte: „Wie es jetzt in der Pflege läuft, ist es furchtbar.“

So kam sie auf die Idee, selbst einen ambulanten Pflegedienst zu gründen – und zwar einen, von dem sie sich selbst gerne pflegen lassen würde und wo alle Mitarbeiter mit Freude arbeiten. Erfahrungen in der ambulanten Pflege hatte Kirchner schon als Studentin gesammelt und im Studium das erste Berliner Seniorentelefon aufgebaut. Sie interviewte zunächst zahlreiche Experten, was man anders machen könnte, darunter auch den Buurtzorg-Begründer Jos de Blok, erstellte ein Konzept und gründete vor dreieinhalb Jahren ihren Pflegedienst „4beimir.kiezpflege.“ in Berlin.

Familiäres Arbeiten in kleinen Teams

Der Name des Pflegedienstes ist Programm: Maximal vier Pflegefachpersonen kommen zum Kunden und ergänzen und vertreten sich gegenseitig. „Dieser Kreis ist für den Pflegebedürftigen überschaubar und familiär“, erläutert die Geschäftsführerin. Zudem werde sichergestellt, dass alle neuen Mitarbeiter dem Kunden immer persönlich vorgestellt und vor Ort eingearbeitet werden. „Bei uns schellt niemand und sagt: ‚Ich bin vom Pflegedienst‘, den der Kunde nicht kennt.“

Die Teams arbeiten K iez-bezogen, das heißt kurze Wege, kein Stress im Stau. Der Pflegedienst hat keine Autos, dafür haben alle Mitarbeiter ein Jobticket. Die meisten fahren mit den „Öffis“ oder dem Fahrrad, nur wenige nutzen ihren Privat-PKW und bekommen Tankgutscheine. „Es wird dort gearbeitet, wo gewohnt wird“, sagt Kirchner. „Der Tag fängt bei uns nicht im Büro, sondern beim ersten Kunden an.“ Deswegen nehme der Pflegedienst im Moment auch nur dort Kunden auf, wo es Teams gebe – v.a. in Moabit, Wedding, Kreuzberg und Friedrichshain.

Die Mitarbeiter arbeiten weitestgehend selbstbestimmt und selbstgesteuert. Das heißt: Nach der Aufnahme durch die Pflegedienstleitung (PDL) planen und organisieren sie ihre Einsätze überwiegend selbst. Wird jemand krank oder ist aus anderen Gründen verhindert, springt eine Mitarbeiterin aus dem 4er-Team ein. „Wir haben viele alleinerziehende Mütter, die sehr kollegial sind und gerne mal einen Dienst außer Plan übernehmen. Dieser Einsatz beruht auf Gegenseitigkeit“, sagt Kirchner. Die Leitung des Pflegedienstes – bestehend aus Geschäftsführung und zwei PDL – mische sich in aller Regel nicht in die Tourenplanung ein. „Solange alle Kunden versorgt sind, kann die Versorgung so laufen, wie sie läuft.“

Überhaupt haben die Mitarbeiter viele Mitsprachrechte: Sie werden in viele Entscheidungen miteinbezogen, z.B. wer eingestellt wird und ob man sich – was selten vorkommt – von einem Kunden trennt. Auch die Kunden können vieles mitbestimmen. „Wenn jemand sagt, ich möchte lieber, dass Frau Müller oder Herr Meier kommt, respektieren wir das“, sagt Kirchner. Wunschzeiten bei der Versorgung werden, so gut es geht, berücksichtigt. „Da unsere Teams ihre Einsätze nur zwei bis vier Wochen im Voraus planen, sind wir sehr flexibel, auch wenn ein Kunde plötzlich eine umfangreichere Versorgung wünscht.“

Alle Zahlen werden offengelegt

Die Büroräume des Pflegedienstes befinden sich in den alten Räumen des Rockerclubs „Bandidos“. Im ehemaligen Kneipenraum ist heute eine großzügige Küche eingerichtet. Hier trifft sich das Team wöchentlich zu Besprechungen – mittlerweile sind es 21 Mitarbeiter, darunter zahlreiche Minijobber. „Wir fahren zur Teambildung nicht zum Klettern, sondern kochen und essen zusammen“, erzählt Kirchner. „Der Zusammenhalt untereinander ist sehr groß.“

Ein weiterer Unterschied zu vielen Pflegediensten: Alle Mitarbeiter erhalten vollen Einblick in die Geschäftszahlen. Fängt jemand neu an, bekommt er gleich zu Beginn eine interne Schulung, wie die Finanzierung eines Pflegedienstes läuft und welche Pflegeleistungen wie vergütet werden. „Die Leute verstehen sehr schnell: Wir haben hier keine Gelddruckmaschine, sondern müssen gut wirtschaften, wie überall anders auch“, erläutert Kirchner.

Volle Transparenz gibt es auch im Hinblick auf die Gehälter. Alle Mitarbeiter bekommen den gleichen Stundensatz – „das sind 12,15 Euro, mehr ist im Moment leider nicht drin“, sagt die Geschäftsführerin. Auch ihr eigenes Gehalt und das der PDL sind allen bekannt. In den guten Monaten komme der Mehr-Umsatz in den „Prämien-Topf“ für das Weihnachtsgeld. „Die Mitarbeiter wissen: Wenn wir gut wirtschaften, bekommen wir das auch ausgezahlt“, sagt Kirchner.

75 aktive Kunden versorgt der Pflegedienst im Moment – und es werden immer mehr. Das Konzept spricht sich herum. Über Bewerbermangel kann Kirchner nicht klagen, sie bekommt häufig Initiativbewerbungen von Menschen, die Gutes über sie gehört haben. Als sie den Pflegedienst eröffnete, schrieb Kirchner 2016 einen Artikel für ein Stadtmagazin über ihr Konzept und hatte „von 0 auf 100 mehr als 20 Bewerbungen“. „Die Pflegenden wollen anders arbeiten“, ist sie sich sicher. Aber sie weiß auch: „Unser Modell kann man nicht einfach so kopieren. Es lebt von der Haltung der Menschen, die hier arbeiten.“

„Pflege kann auch Spaß machen“

Bisher hat der Pflegedienst „4beimir.kiezpflege.“ eine Zulassung nach SGB-XI, also für Leistungen der Pflegeversicherung. Im nächsten Jahr möchte Kirchner die SGB-V-Zulassung beantragen, um ergänzend Leistungen der Krankenversicherung anbieten zu können. Dafür braucht sie ein paar mehr Pflegefachkräfte, im Moment arbeiten in ihrem Pflegedienst v.a. Pflegehelfer. Darüber hinaus wünscht sie sich, ihre Mitarbeiter besser bezahlen zu können.

Um die Erfahrung mit anderen Pflegediensten zu teilen, hat sie ein Open-Space-Camp ins Leben gerufen, das Impulse setzen möchte, wie ambulante Pflege klüger organisiert werden kann. Rund 70 bis 80 Menschen aus dem deutsch-sprachigen Raum nehmen jedes Jahr in Berlin daran teil. Für Kirchner sind neue Organisationsmodelle v.a. eine Frage der Haltung: Die Entscheider müssen das wirklich wollen. „Oft sage ich dort: ‚Es geht auch anders. Pflege kann Spaß machen!‘ Dafür bin ich gerne Botschafterin.“
 

Kommentar:  Neue Organisationsmodelle in der Pflege – Gewinnen diese nach Corona an Attraktivität?
Die Suche nach neuen Organisationsmodellen ist schon seit längerem notwendig und hat durchaus auch stattgefunden. Eine erhöhte Attraktivität durch die Corona-Pandemie ist dabei nicht unbedingt zu erwarten. Ob Corona oder nicht: Neue Modelle bedürfen immer der Personen, die diese Ideen entwickeln und umsetzen. Und es braucht einen Rahmen, in dem das möglich ist. Daran hat sich durch Corona nichts geändert. Welche Modelle sich auch in Krisensituationen widerstandsfähig erweisen, müsste erst noch festgestellt werden. Ich gehe davon aus, dass diese Frage künftig verstärkt diskutiert und vielleicht auch erprobt werden wird: Wie könnte ein Organisationsmodell in der Pflege aussehen, das widerstandfähig gegen Krisen gleich welcher Art ist? Was wir aus Corona jedoch gelernt haben ist, dass diese Krisenin Form, Intensität und Ausmaß nur bedingt vorherzusagen sind.

Prof. Dr. Andreas Büscher, Pflegewissenschaftler an der Hochschule Osnabrück und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)

Diskutieren Sie mit auf dem Deutschen Pflegetag vom 11. bis 12. November 2020!
Uta Kirchner und Prof. Dr. Andreas Büscher sind Referenten der Sitzung: „Neue Organisationsmodelle als Basis für eine selbstbestimmte Pflege“ am 11. November von 12.30 bis 13.20 Uhr/Halle 4.1 . Mehr Infos finden Sie online.

 

© hcm-magazin.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen