20. DRG-Forum | Digital Sektoren auf der Suche nach einer einheitlichen Marschrichtung

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Corona-Pandemie

Das deutsche Gesundheitswesen hat in der Corona-Pandemie bewiesen, dass es agil und leistungsfähig ist. Nun geht es darum, all jene Hindernisse zu beseitigen, die das Entfalten dieser Eigenschaften behindern. Die Akteure sind in Bewegung, doch der gemeinsame Weg zur patientenzentrierten Versorgung ist noch undefiniert.

Sabine Brase, Pflegedirektorin und Mitglied der Krankenhausleitung, Klinikum Oldenburg AöR, Universitätsmedizin Oldenburg (mitte) wurde auf dem diesjährigen DRG-Forum mit dem Vordenker-Award ausgezeichnet. Rechts neben ihr zugeschaltet im Bildschirm: Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter, Sylvia Bühler, Mitglied des Bundesvorstandes, ver.di. Links im Bild: Dr. Axel Paeger, CEO, Vorsitzender des Vorstandes AMEOS Gruppe. – © HCM

Weniger Wettbewerb, mehr Kooperation, weniger Bürokratie, mehr Abstimmung, weniger Misstrauen, mehr Mut, …. Die Liste der Antonyme einer optimierten, modernen und patientenfokussierten Gesundheitsversorgung ist lang, die Pain Points, die die Corona-Pandemie noch einmal deutlicher hervorgehoben hat, sind längst erkannt. Was die Akteure des deutschen Gesundheitswesens, die auf dem diesjährigen DRG-Forum am 18. und 19. März 2021 teilgenommen haben, eint, ist der unbedingte Wille, jetzt die für eine Veränderung relevanten Schritte zu gehen. „Im Wettbewerb gegeneinander kommen wir nicht weiter“, brachte es Maria Klein-Schmeink, MdB, Gesundheitspolitische Sprecherin Bündis 90/Die Grünen in der politischen Auftaktrunde zum DRG-Forum auf den Punkt. Ihrer Ansicht nach braucht es einen „Neuaufbruch in der Versorgung“. Mit dieser Auffassung steht sie nicht allein. Dr. Josef Düllings, Präsident Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands e.V. (VKD), sprach wie Dr. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), ebenfalls von einem Neustart – auch in der Krankenhauspolitik. Im Fokus dieser Diskussion standen die Sektorengrenzen und die nicht funktionierenden Schnittstellen zwischen der stationären und ambulanten Versorgung. Bei der Frage von Moderator, Prof. Dr. Jörg F. Debatin, Chairman hih – health innovation hub, warum sektorenübergreifende Strukturen noch nicht geschaffen sind, wenn sie doch von allen gewünscht werden, gab Gaß zu Bedenken, dass dies eine Machtfrage zwischen Ambulant und Stationär sei. Außerdem fehle es auf Ebene der Krankenhäuser an Vergütungsbedingungen, die dem ambulanten Behandlungsrahmen im Krankenhaus gerecht werden.

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sieht eine ganz wesentliche Voraussetzung für einen Schritt nach vorn in der „Prüfung der Prozesse auf Effektivität und Geschwindigkeit“. „Die Politik muss uns machen lassen und nicht versuchen das Rad neu zu erfinden“, erklärte Gassen. Der Föderalismus habe seine Grenzen in der Corona-Pandemie in „skurrilen Ausprägungen“ gezeigt. „Konterkarierende, träge Entscheidungen, hindern die Akteure vor Ort an der Arbeit (…) die Politik muss sich deutlich hinterfragen“, mahnte der KBV-Chef.  

Kooperation braucht Menschen, die sie zulassen

Das „Zauberwort“ für eine sektorenübergreifende Gesundheitsversorgung, die auch vor Ort eine strukturierte Versorgung sicherstellt, ist laut Klein-Schmeik: Kooperation. Diese Ansicht teilt auch Thomas Lemke, Vorstandsvorsitzender Sana Kliniken AG und Vizepräsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Das wurde in der Session „Klinikmarkt in Bewegung“ deutlich. Darin erklärte Lemke: „Einer allein wird es nicht richten. Kooperationen werden noch weiter Platz greifen müssen.“ Dafür brauche es eine entsprechende „Unternehmenskultur, Menschen, die das zulassen und eine gemeinsame Zielvorstellung“. Fusionen machen seiner Meinung nach nur Sinn, wenn sich Träger und Partner zu einem gemeinsamen wirtschaftlichen Ziel vereinen und folgende drei geschaffen sind:

  1. Eine Geschlossenheit von Politik, Trägern, Kassen und Bevölkerung mit einer gemeinsamen Vorstellung von einer künftigen Struktur.
  2. Neue Anreize, um Veränderungssysteme in Gang zu setzen.
  3. Durchlässige Systeme und Ansprechpartner für Patienten.

Vom „angeschlagenen Freund“ DRG

Bewegung ist auch beim Thema DRG zu spüren. „Unser gemeinsamer Freund DRG ist angeschlagen“, sagte Stefan Wöhrmann, Abteilungsleiter Stationäre Versorgung, Verband der Ersatzkassen (vdek). Anja Simon, Kaufmännische Direktorin, Universitätsklinikum Freiburg, prophezeite, dass „die DRGs wie wir sie heute kennen, sind nicht für eine sektorenübergreifende Versorgung geeignet sind“. Es brauche „eine Überarbeitung in vielen Dingen“. Prof. Dr. Jonas Schreyögg, wissenschaftlicher Leiter, Hamburg Healthcare Economics, merkte an, dass die DRGs für mehr Transparenz gesorgt hätten, die man auch weiterhin brauche. Er wünsche sich eine Bearbeitung hinsichtlich Strukturkriterien, die vom G-BA oder gesetzlich vorgegeben werden sowie eine Anpassung an die Versorgungsstrukturen.

Sicherheitskultur und Personalschlüssel

Beim Pflegemanagementforum am zweiten Kongresstag stand der Fachkräftemangel in der Pflege im Fokus der Diskussion. Was dabei einmal mehr deutlich wurde ist, dass Pflege nicht losgelöst betrachtet werden darf, sondern als elementarer Teil des übergeordneten Ziels einer guten und sicheren Patientenversorgung. In sämtlichen Sessions des zweiten Kongresstages war den Tenor aller diskutierenden Expertinnen und Experten deutlich: Mit neuen Strukturen der Krankenhauslandschaft braucht es auch neue Strukturen in der Pflege. „Wir müssen jetzt einsteigen. Die Menschen müssen spüren, dass sich für sie etwas ändert – es kommt bisher einfach nichts an“, sagte Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter, Bundesministerium für Gesundheit. Dr. Ruth Hecker, Chief Patient Safety Officer, Universitätsklinikum Essen, Aktionsbündnis Patientensicherheit, sieht mehrere Instrumente, die dazu führen können, dass die Pflege eine Aufwertung erfährt. Dazu gehört ein Personalschlüssel. Diesen erachtet auch Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intesivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) für elementar.

Die Vordenkerin 2021: „Es braucht eine positive Vision …“

Als erste Pflegemanagerin wurde Sabine Brase, Pflegedirektorin am Klinikum Oldenburg, mit dem Vordenker Award 2021 ausgezeichnet. Nach der offiziellen Verleihung erklärte sie im Live-Stream-Interview auf die Frage, wie man die Pflegenden dazu motiviert, trotz Frust, den Weg mit dem Management zu gehen: „Es ist wichtig, sich dabei am Faktischen zu orientieren und zu schauen, an welchen Stellen man die gegebenen Rahmenbedingungen nutzen kann, um Weiterentwicklung zu erreichen. Wenn wir mit der Veränderung warten, bis wir neue Rahmenbedingungen vorfinden, dauert es viel zu lange. Es braucht eine positive Vision, von dem wie sich Pflege entwickeln kann und von dem, was man jetzt schon umsetzen kann.“

Veränderung beginnt im Kopf

„Eins ist Fakt“, sagte Lemke, und fasste damit bereits am ersten Kongresstag die Kernaussage der Veranstaltung zusammen: „Es wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Die Veränderung fängt im Kopf bei uns allen an.“ Bleibt abzuwarten, wann die einheitliche Marschrichtung definiert und in welcher Form sie gemeinschaftlich und sektorenübergreifend gegangen wird.