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Lesetipp Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn

Endlich Ferien, endlich Urlaub – endlich Entspannung! Ständig jagen wir dem Optimum hinterher, um erfolgreicher, besser und schöner zu werden. Ergebnis: Stress und Burn-out. Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn, fordert deshalb Prof. Dr. Svend Brinkmann und bläst mit „Pfeif drauf!“ zum Gegenangriff. Eine amüsante Entschleunigungslektüre, um die Seele einmal abseits der Überholspur baumeln zu lassen.

In Zeiten von Dauer-Puls-Kontrollen per Wearables, ständig neuen Kalorien-Reduzierungs-Empfehlungen und Coachings ist dieses schmale Buch eine echte Wohltat: Prof. Dr. Svend Brinkmann tritt bewusst auf die Stressbremse und zeigt, wie wir das zurückgewinnen können, was vor lauter Hetzerei nach dem Optimum auf der Strecke geblieben ist: Standhaftigkeit, Zufriedenheit und Glück.

Die Überholspur ist auf Dauer ungesund

Um in allen Lebensbereichen mithalten zu können, sollen wir flexibel bleiben, uns weiterentwickeln, selbst optimieren – im steten Streben nach Erfüllung und Erfolg. So zumindest wird es uns von allen Seiten gepredigt.

Doch schneller, höher, weiter – ob als Anforderung der Gesellschaft oder des Einzelnen an sich selbst – sind auf Dauer ungesund. Denn die Anforderungen an ein Leben auf der Überholspur fordern ihren Tribut: Stress, Burn-out und Depressionen nehmen zu – und unsere sozialen Beziehungen werden eigennützig und opportunistisch.

"Setzen Sie den Nein-Hut auf"

Brinkmann, Psychologie-Professor an der Aalborg University, zieht die Reißleine. Der Däne fordert: Schluss mit dem omnipräsenten Selbstoptimierungswahn. Pfeift auf Life-Coachings, Workshops und Diäten.

Das Geheimnis eines glücklichen Lebens liege nicht darin, immer besser zu performen und das innere Selbst bis ins Letzte zu ergründen. Vielmehr sollten wir standhaft sein, Maß halten und den Blick wieder mehr auf die anderen richten. "Setzen Sie den Nein-Hut auf", so das Motto eines Kapitels.

Gefahren der "Coachifizierung des Daseins"

Genau so radikal klingen weitere Überschriften, etwa "Feuern Sie Ihren Coach" oder "Fokussieren Sie sich auf das Negative in Ihrem Leben". Wie bitte? Das permanente Positiv-denken-müssen, noch bei Krankheiten oder in Krisen setze Menschen zusätzlich unter Druck, noch aus jedem Tiefpunkt etwas lernen zu sollen – statt einfach zugeben zu können, dass man leidet, etwas anstrengend oder gar grausam ist.

Ähnliche Gefahren berge die "Coachifizierung des Daseins", weil solche Trainings kein Stillstehen erlauben. Inklusive der stets mitschwingenden Drohung, man wäre bei einem Verzicht auf Daueroptimierung halt selbst schuld, wenn man sich nicht verbessert.

Popstar für Lebensfragen

In seiner Heimat gelang dem Autor mit diesem gesellschaftlichen Gegenentwurf ein Bestseller, seither gilt Brinkmann dort als eine Art akademischer Popstar für Lebensfragen. Die 176 Seiten sind teils sehr provokant und als Psychologe versteht es der Fachmann natürlich, seine Thesen reißerisch an den Leser zu bringen.

Dass einige dieser Empfehlungen dann manchmal doch relativiert werden, macht den Anti-Ratgeber nicht schlechter. Wachgerüttelt wird man im Sonnenstuhl auf jeden Fall, darf sich dann aber über Entschleunigung freuen. Angenehm!

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