Interview mit Prof. Dr. Jürgen Schäfer „Schlaflose Nächte“

Zugehörige Themenseiten:
Personalisierte Medizin

Personalisierte Medizin fängt bei der Diagnose an. Und die ist manchmal so knifflig, dass nur hoch spezialisierte Diag­nostikzentren wie das „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen“ (ZusE) am Uniklinikum Marburg helfen können. Der Leiter ist Prof. Dr. Jürgen Schäfer, auch bekannt als der „deutsche Dr. House“ oder als „Der Krankheitsermittler“.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne – in der Medizin v.a. dann, wenn eine Krankheit diagnostiziert und (hoffentlich) passend behandelt wird. Doch der Anfang wird umso komplizierter, wenn die Ursachen erst gar nicht gefunden werden. Diese Situation ruft Prof. Dr. Jürgen Schäfer auf den Plan: Das von ihm gegründete ZusE an der Universitätsklinik Marburg ist bundesweit für viele Patienten oft der letzte Rettungsanker, um endlich zu einer individuellen Therapie zu kommen.

HCM: Herr Prof. Dr. Schäfer, warum finden Sie und Ihr Team zu Diagnosen, die andere Ärzte nicht stellen können?

Schäfer: Was uns immer ganz wichtig ist, das ist die Tatsache, dass auch wir nur ganz normale Ärzte und wirklich nicht besser sind, als all unsere Kollegen. Wir haben jedoch schon den Vorteil, dass wir als Universitätsmediziner – und besonders ich als Stiftungsprofessor – etwas mehr Zeit haben als andere Kollegen, die oftmals in der Tagesroutine versinken. Zum Teil nehmen wir uns wirklich mehrere Stunden Zeit für einen einzigen Patienten. Wir haben Zugriff zu modernsten Labormethoden und Dank des Rhön-Förderprogramms haben wir Zugang zu allen denkbaren IT-Systemen, die man sich als Mediziner nur wünschen kann. All das erleichtert unsere Arbeit enorm.

Am wichtigsten ist aber die Tatsache, dass wir ein Team von engagierten, exzellenten Ärzten sind, die sich mit viel Begeisterung der Patienten annehmen. Die wöchentlich stattfindenden Teamsitzungen, bei denen in einer Art „Brain Storming“ die kompliziertesten Fälle gemeinsam besprochen werden, ist ein tolles Instrumentarium zur Klärung dieser Fälle.

HCM: Gibt es bei der Diagnostik auch für den bewährten „Krankheitsermittler“ noch Überraschungen?

Schäfer: Es liegt im Wesen der Medizin, dass es immer wieder Überraschungen gibt. Dafür ist das Leben viel zu bunt und die Krankheiten sind manchmal echt verrückt. So wie der Fall eines unserer Patienten, der sich durch sein Aquarium mit der Tropenerkrankung „Bilharziose“ mitten in Deutschland angesteckt hat, ein Infektionsweg, der so bislang noch unbekannt war. Bekannt, aber leider allzu oft vergessen, ist die Tatsache, dass Frauen durch eine hormonfreisetzende Spirale schwere Depressionen entwickeln können – wie bei einer Patientin von uns, die deswegen mehr als vier Jahre arbeitsunfähig wurde, bevor man endlich die Spirale entfernte und die Depressionen verschwanden.

HCM: Belegen Ihre langen Wartelisten nicht die Notwendigkeit für mehr Zentren zur individuellen Versorgung?

Schäfer: Wir haben derzeit mehr als 6.000 Anfragen von verzweifelten Menschen, die um unsere Hilfe bitten und eine jahrelange Warteliste. Selbst einem gestandenen Kliniker, der schon viel erlebt hat, macht solch ein Andrang schlaflose Nächte und ich bin froh, dass uns hier unsere Geschäftsführung unterstützt. Wir weisen ja immer wieder darauf hin, dass wir nicht besser sind als andere, aber die Patienten finden oftmals keine andere Anlaufstelle und werden im wahrsten Sinne des Wortes alleine gelassen. Das ist im Grunde genommen ein gesundheitspolitischer Skandal.

Die Fragen stellte Carolina Heske.

Prof. Dr. Jürgen Schäfer

  • Prof. Dr. Jürgen Schäfer, geboren 1956, ist Internist, Endokrinologe, Intensivmediziner und Herzspezialist. 2008 begann er, seinen Studenten an ausgewählten Beispielen der US-Fern­sehserie „Dr. House“ schwierige medizinische Fälle zu erklären. Die Seminarreihe sorgte bundesweit für Aufsehen. Durch seinen Bestseller „Der Krankheitsermittler“ wurde der Gründungsdirektor des „Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen“ (ZusE) an der Universitätsklinik Marburg auch einem breiten Publikum bekannt.
  • Im Jahr 2010 erhielt Schäfer den „Ars legendi-Preis“ für exzellente Hochschullehre, im Jahr 2013 den „Pulsus Award“ als Arzt des Jahres.
  • Kontakt: zuse@uk-gm.de