Medizintechnik -

Das war die Medica 2019 Robotik auf dem Vormarsch

Die Medica 2019 zeigte einmal mehr, dass sich die Düsseldorfer Messe als weltweit größte Veranstaltung ihrer Art behaupten konnte. Neben den Innovationen und Trends der Medizinbranche waren auch die Foren und Kongresse wieder wichtige Impulsgeber für die zukünftige Gesundheitsversorgung.

Themenseiten: Medizintechnik, Digitalisierung und Entscheiderfabrik

Laut Veranstalter ging die Medica mit einer Rekordbeteiligung von rund 5.500 Ausstellern aus 71 Nationen in 17 Messehallen und 121.000 Fachbesuchern aus 170 Nationen zu Ende.

Erstmals wurden die Themen der Messehallen neu zugeordnet. So rückten z.B. die Hersteller chirurgischer Instrumente von der Halle 13 thematisch passend näher heran an die Anbieter von OP- Komplettlösungen sowie bildgebender Verfahren in den Hallen 10 und 11. „Das neue Konzept findet Bestätigung durch die gleichmäßig hohe Besucherfrequenz in den Hallen. Das Medica Health IT Forum sowie das Medica Connected Healthcare Forum bildeten regelrechte Hotspots, waren an allen Tagen stark besucht und zählten insgesamt mehr als 10.000 Besucher“, freut sich Horst Giesen, Global Portfolio Director Health und Medical Technologies der Messe Düsseldorf. Grund der thematischen Neuordnung war, dass die Health-IT immer weniger als isolierte Disziplin betrachtet wird. Speziell im Bereich der Elektromedizin und Medizintechnik sind viele Innovationen softwaregetrieben, vermehrt unter Einbezug künstlicher Intelligenz (KI), und ausgerüstet mit notwendigen Schnittstellen zur sicheren Einbindung in Netzwerkstrukturen.  

Hotspot der Medica 2019: Start-up Park

Ein absoluter Hotspot der Messe, nicht für nur potenzielle Investoren und Businesspartner, war der Start-up Park. Vor allem bei Digital-Health-Applikationen mit kompatibler Medizintechnik waren die Stände der Start-ups in Halle 13 begehrte Anlaufstellen. So wurden u.a. Produkte vorgestellt, die den sofortigen Nachweis einer Vielzahl von Krankheitserregern und genetischen Zielen am Point of Care ermöglichen oder markierungsfreie FET-Biosensoren für POC-Tests und molekulare Diagnostik mit Hochdurchsatz-Multiplexkapazität, die eine genaue Diagnose und Echtzeitüberwachung von Patienten anbieten.

Das Rennen um die weltbeste Health-App-Lösung machte in den finalen Pitches der 8. Medica App Competition das Team von „SynPhNe“ aus Singapur. Sie haben die erste vernetzte, tragbare Lösung entwickelt, die im Rahmen einer Mobilisationstherapie die Muskeln und das Gehirn trainiert. So kann die funktionelle Unabhängigkeit von Menschen mit Einschränkungen etwa nach einem Schlaganfall verbessert werden.

Große Nachfrage beim Publikum herrschte auch bei den Themen Big Data, KI und Deep  Learning in den Fachforen der Medica Labmed Forums. Nicht zuletzt deshalb, weil die Anwendungsbereiche Mobile Health und Robotik ohne Optimierungen künstlicher Intelligenz nicht funktionieren. Ein weiteres Thema im Forum war der praxisnahe KI-Einsatz in der digitalen Pathologie, der besonders Nutzen hinsichtlich der Diagnostik bei Krebserkrankungen verspricht. Aber auch das Thema Medizin 5.0 fand großes Interesse: Vorträge über spezifische Themen, wie selbstlernende Algorithmen, die auch autonom Entscheidungen treffen können. Die Möglichkeit, dass sich Algorithmen selbst Verarbeitungsregeln anhand von Big Data beibringen können und darauf basierend Vorschläge für Diagnose und Therapie ausarbeiten können, fanden viele Fachbesucher spannend.

Medizinrobotik auf dem Vormarsch

Dass Medizinrobotik in der Gesundheitsversorgung weiter auf dem Vormarsch ist, zeigten auch einige Anbieter der Automatisierungs- und Robotikbranche auf der Medica, wie z.B. Kuka. Das Augsburger Unternehmen präsentierte verschiedene kollaborative Anwendungen auf Basis des Leichtbauroboters LBR Med, der als erste robotische Komponente gilt, die nach dem CB-Scheme-Verfahren zur Integration in ein Medizinprodukt vorzertifiziert ist.

Mit dem robotergestützten System Sculptura von Sensus Healthcare beispielsweise können Ärzte während einer OP gezielt Tumore im Körper bestrahlen. Mithilfe eines integrierten sensitiven 7-Achs-Roboters LBR Med ermöglicht das System dem Arzt eine präzise, schnelle und lokalisierte Dosisabgabe, ohne dabei umliegendes Gewebe zu beschädigen. Dem Patienten erspart das die ansonsten üblichen langwierigen postoperativen Strahlenbehandlungen und ermöglicht eine bessere Lebensqualität.

Preis für Endoskopiekonzept

Kuka nutzte die Medica, um im Rahmen seines „Innovation Award“ am 20. November von fünf Finalisten ein siegreiches Entwicklerteam zu küren. Die Bandbreite der Award-Themen reichte von einer Anwendung zur roboterunterstützten  Laserbehandlung von Beinvenen bis hin zu einer roboterassistierten, personalisierten Rückenmassage. Ein Forscherteam der Universitäten Leeds, Turin und Vanderbilt überzeugte die Jury mit ihrem Konzept für eine robotergestützte, magnetische Endoskopie für die schmerzfreie Darmkrebsvorsorge. Der Innovationspreis ist mit 20.000 Euro dotiert.

Welche Möglichkeiten die Robotik in der Patientenversorgung noch bietet, demonstrierte das Unternehmen Reactive Robotics. Die Münchner Firma entwickelte ein innovatives Assistenzsystem zur Frühmobilisierung von Intensivpatienten. Es ergänzt die manuelle Therapie mit einem adaptiven robotischen System und soll Pflegekräfte und Therapeuten bei der körperlich fordernden Arbeit der Mobilisierung entlasten. Diese erfolgt in einem Patientenbett, das reversibel in ein Therapiegerät umgewandelt werden kann.

Robotik zur Unterstützung von Pflegekräften

Wie sich Robotik in der Pflege außerdem einsetzen lässt, erläuterte Dr. Birgit Graf, Leiterin der Gruppe Haushalts- und Assistenzrobotik des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA im Medica Econ Forum. Dabei machte die Ingenieurin das Potenzial von Robotern am Beispiel eines mit Robotertechnologien ausgerüsteten Pflegewagens deutlich. Er stellt Pflegeutensilien automatisch dort bereit, wo sie gebraucht werden. Das Pflegepersonal kann den Wagen über ein Tablet zum Patientenzimmer rufen, in dem z.B. ein Verbandwechsel gemacht werden soll. Über einen Touchscreen werden entnommene Artikel registriert. Der Roboter dockt bei Bedarf selbst an der Ladestation an, um seinen Akku aufzuladen. Generell sieht die Expertin beim Einsatz von Robotern in der Gesundheitswirtschaft Hürden v.a. im Bereich der Kosten. Diese seien bei Robotern mit komplexeren Assistenzfunktionen noch relativ hoch. „Eine Möglichkeit könnte aber die Anschaffung von Leasing-Modellen sein“, so Graf.

Digitalisierung und IT im Medica Econ Forum

Ein Anlaufpunkt für brennende Themen im Gesundheitswesen im Zusammenhang mit dem Einsatz von Digitalisierung und IT, waren die Vorträge im Medica Econ Forum. Das Forum nutzten zahlreiche Besucher, um sich z.B. über Digitalisierung in der Pflege zu informieren. Der Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege Staatssekretär  Andreas Westerfellhaus erklärte hierzu, dass die Systeme für den Einsatz in der Pflege am sinnvollsten seien, die gemeinsam mit der Profession Pflege entwickelt würden. Ansonsten lässt man vielleicht Unternehmen Dinge tun, die zwar ganz nett seien, aber keinem helfen. Es müsse der Grundsatz gelten, dass es dem Patienten nützt.

Barbara Steffens, Leiterin der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen der Techniker Krankenkasse , hält den Einsatz entsprechender Systeme dann für sinnvoll, wenn der Mensch dadurch in der Lage sei, ein selbstbestimmtes Leben weiterführen könne und Pflegebedürftige mehr Lebensqualität erhalten. Digitalisierung bzw. entsprechende Systeme könnten allenfalls unterstützend in der Pflege eingesetzt werden, ersetzten aber keine Pflegekraft, so das Resümee von Steffens und Westerfellhaus.

Die fünf Digitalisierungsthemen

Die „ digitale Transformation“ stand im Fokus der Eröffnungsveranstaltung der Entscheiderfabrik anlässlich des 42. Deutschen Krankenhaustages zur Medica. Nach der Begrüßung durch Dr. Josef Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands, und Dr. Pierre-Michael Meier, Stv. Sprecher luiG-Initiativ-Rat, wurden die fünf gewählten Digitalisierungsthemen der Entscheiderfabrik und das Voranschreiten der digitalen Transformation vorgestellt. Dabei erläuterten die Beteiligten der jeweiligen Projektgruppen ihr Konzept und die Umsetzung. So wurde z.B. die Chat-Plattform NetSfere auf Platz 1 der Digitalisierungsthemen für 2019 gewählt. Die Plattform unterstützt Kliniken bei den Kommunikationsanforderungen im Zuge der Digitalisierung. Sie ermöglicht Mitarbeitern eine sichere Kommunikation und soll Kliniken Produktivitätszuwächse ermöglichen, da die Kommunikationsstränge an den Klinikprozessen ausgerichtet und ausgetauschte Daten ereignisbezogen archiviert werden können.

Digitalisierung der Pathologie

Ein weiteres spannendes Digitalisierungsthema war „ SAP Digital Boardroom – wie Entscheider komplexe Zusammenhänge agil und intuitiv analysieren können“ der Projektgruppe 2. Sie hatte zum Ziel, mit dem „digitalen Cockpit“ für Kliniken eine Möglichkeit zum Abruf aller relevanten Kennzahlen in Echtzeit zentral abrufen, visualisieren und strukturieren zu können. Damit lassen sich u.a. die Personalplanung und die Materialbeschaffung genauer analysieren und optimieren.

Die Projektgruppe 3 bearbeitete die Digitalisierung der Pathologie, die z.B. in Skandinavien schon weiter vorangeschritten ist. Unter anderem erklärte Dr. Katja Steiger, Oberärztin der Pathologie des Universitätsklinikums der TU München, wie in ihrem Fachbereich Prozesse digitalisiert werden. Als Beispiel nannte sie die automatisierte und maschinenlesbare Beschriftung von Gewebeblöcken und Objektträgern sowie die Nachverfolgbarkeit von Proben im Labor.

Konzepte für den IT-Notfall

Was passiert, wenn ihr Krankenhaus vom Netz geht? Der Problematik totaler Stromausfall widmete sich die 4. Projektgruppe. Mit der täglichen Nutzung und Abhängigkeit von IT-Systemen müssen gleichermaßen Notfallkonzepte für Ausfallsituationen digitalisierter Prozesse geschaffen werden. Die Gruppe entwickelte hierzu Konzepte, um Risiken zu minimieren und im Schadensfall zielgerichtet reagieren zu können, wie u.a. Prof. Dr. Gregor Hülsken von der FOM Hochschule für Ökonomie und Management darlegte.
Zuletzt fasste die Projektgruppe 5 unter Jürgen Bosk (DMI) ihr Thema „Archivar 4.0 und die digitale Archivierung“ zusammen. Hier ging es um die compliancegerechte Verfügbarkeit verkehrsfähiger archivierter klinischer Daten, Bilder und Dokumente, die die Basis für die inter- und intrasektorale Kommunikation sowie die Grundlage für eine effiziente Erlös- und Qualitätssicherung darstellt.

Deutscher Krankenhaustag

Was derzeit in Fachkreisen diskutiert wird, spiegelte sich  in den Vorträgen und Diskussionen der Foren und Kongresse wider. Die bedeutendste begleitende Veranstaltung der Medica ist dabei seit Jahren der Deutsche Krankenhaustag, der dieses Jahr zum 42. Mal stattfand. Dieser stand im Zeichen des Protests: „Alle müssen sich darüber im Klaren sein, dass Überregulierungen, massenhafte Rechnungskürzungen und Diffamierungen, die die Kliniken schwächen, die Situation der Patientenversorgung und des Personals nicht verbessern. Dies kann nur durch eine Stärkung der Kliniken gelingen“, erklärte Dr. Michael A. Weber, Kongresspräsident des 42. Deutschen Krankenhaustages, auf der Eröffnungspressekonferenz. Durch ausufernde Rechnungsprüfungen und die sofortige Verrechnung der strittigen Beträge würden die Kliniken in erhebliche Liquiditätsprobleme gebracht. „Den grundsätzlichen Ansatz im MDK-Reformgesetz, dies durch Einführung einer Prüfquote und Verbot der Verrechnung zu beenden, haben wir deshalb begrüßt. Kein Verständnis haben wir dafür, dass es im letzten Moment zu einem Einknicken des Gesetzgebers vor der Kassenlobby gekommen ist“, sagte Weber, zugleich Präsident des Verbandes der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (VLK). Die Änderungen konterkarierten den ursprünglich guten Ansatz. Mit der Anhebung der Prüfquote von 10 auf 12,5 Prozent, generellen Strafzahlungen und einem verlängerten Prüfintervall bleibe es bei Rechnungskürzungen als Prinzip der Krankenkassen. „Damit werden die Kliniken und zwangsläufig die Versorgung der Patienten entscheidend geschwächt, während wir gleichzeitig mit unübersehbaren Problemen, wie z.B. dem Fachkräftemangel kämpfen.“

Schließungen an der Tagesordnung

Dr. Gerald Gaß , Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), warf den politisch Verantwortlichen von Bund und Ländern vor, den von ihnen initiierten kalten Strukturwandel der Krankenhauslandschaft zu ignorieren. Abteilungs- und Standortschließungen seien mittlerweile praktisch an der Tagesordnung. „Sie gefährden damit die bisher gute und flächendeckende Versorgung der Patienten in Deutschland“, so Gaß. Gleichzeitig gingen in den Einrichtungen jeden Tag über eine Million wertvolle Arbeitsstunden der Patientenversorgung an die Bürokratie verloren, weil die Kontrollwut der Krankenkassen und die Überregulierung von der Politik nicht gestoppt würden. Dies müsse ein Ende haben. „Wir fordern Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Verantwortlichen in den Ländern auf, mit uns gemeinsam im Rahmen eines Krankenhausgipfels den Dialog über die Zukunft der Krankenhausversorgung in Deutschland zu führen“, so der DKG-Präsident.

Pflegebudget braucht tragfähige Grundlage

Dr. Sabine Berninger, Pflegedirektorin Josefinum KJF Fachklinik in Augsburg, kritisierte die Regelung der Pflegepersonaluntergrenzen. Sie hätten keine valide pflegewissenschaftliche Grundlage. Berninger votierte nachdrücklich, wie in der Konzertierten Aktion Pflege vereinbart, für die Entwicklung eines wissenschaftlich fundierten Pflegepersonalbemessungsinstrumentes durch die Selbstverwaltung und dessen gesetzliche Verankerung. „Nur so können Pflegebudget und Untergrenzen auf Basis einer tragfähigen Grundlage umgesetzt werden – im Sinne der uns anvertrauten Patienten und der Pflegefachpersonen, die vor Ort in den Kliniken ihren Auftrag professionell umsetzen möchten. Positiv hob Berninger die Finanzierung der zusätzlich geschaffenen Pflegestellen hervor. „In den Regionen und Kliniken, die neue Pflegefachpersonen gewinnen konnten, spüren die Patienten die bessere Personalausstattung deutlich. Aber es gibt noch viel Luft nach oben!“

Mangelnde Investionsförderung

Dr. Josef Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD), sprach in seiner Rede die mangelnde Investitionsförderung der Bundesländer an. Ohne die erforderlichen Investitionen sei der Strukturwandel nicht zu schaffen. „Wenn wir auch künftig eine gute Gesundheitsversorgung in Stadt und Land wollen, brauchen die Kliniken zeitgemäße bauliche Strukturen, und moderne Medizintechnik, um Prozesse zu optimieren und Leistungen wirtschaftlich erbringen zu können“, forderte Düllings. Da die Länder ihre gesetzliche Pflicht dauerhaft nicht erfüllten, sei es nicht zielführend, wenn sich die Bundespolitik auf stetige Mahnungen an die Länder zurückziehe. „Es geht um die gemeinsame Verantwortung für eine wichtige Infrastruktur, die endlich wahrgenommen werden muss“, so der VKD-Präsident. Die Kliniken seien Symptomträger eines kranken Systems. „In dieser Situation brauchen wir keine gesetzgeberischen Nachbesserungen. Was wir brauchen ist ein Ende der Unterlassungspolitik und Mut, sich von inzwischen untauglich gewordenen Gesetzen, Regelungen und Instrumenten zu trennen und einen Neustart des Finanzierungssystems zu wagen, das zukunftsfähig ist“, sagte Düllings.

Termine

Die Medica 2020 findet vom 16. bis 19. November wieder Düsseldorf statt. Parallel dazu findet auch wieder die Zuliefermesse Compamed statt. Weitere Informationen über die Medica und Compamed finden Sie online auf den Seiten der Veranstalter.

Alles zur Entscheiderfabrik 2019 und darüber hinaus lesen Sie im IT-Branchenreport 2/19. Hier geht es zum kostenlosen Download.

Eindrücke von der Medica 2019
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