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Krisenmanagement Risikobasiertes Denken in der Corona-Krise

„Risikobasiertes Denken ist zum Erreichen eines wirksamen Qualitätsmanagementsystems unerlässlich.“ So definiert es die Norm DIN EN 15224. Wie könenn wir das für das Handling von Pandemie-Zeiten nutzen?

Topic channels: Qualitätsmanagement, KKC und Corona-Pandemie

DIN EN 15224 beschreibt die Anwendung der ISO 9001 für die Zertifizierung im Gesundheitswesen und erläutert in Anhang A.4 das risikobasierte Denken. Sie richtet sich an alle Akteure: neben allen Einrichtungen der Krankenversorgung explizit auch an die Behörden. Die Anwendung erlaubt eine höhere Flexibilität als ISO 9001:2008 und verbessert klinische Prozesse, deren Dokumentation und Verantwortlichkeiten der Organisation.

Eine vorbildliche Risikoanalyse demonstriert das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) in seinem Lagebericht 2020, der auch die Risiken von Wearables, vernetzten Medizinprodukten und der elektronischen Gesundheitskarte behandelt. Die BSI-Statistiken über Cyberkriminalität sind erschreckend: 322.000 neue Schadprogramm-Varianten pro Tag – in der BSI-Risikomatrix der höchsten Risikostufe „existenzbedrohend“ zugeordnet. Jeder zehnte Nutzer bewegt sich ohne Schutz im Netz. Zurzeit sind 24,3 Millionen Patientendatensatze im Internet frei zugänglich.

Für die vier Hauptaktionen

  • Risiken erkennen,
  • Risiken analysieren,
  • Maßnahmen planen und
  • Maßnahmen umsetzen,

ist die intensive Kommunikation mit allen Beteiligten erfolgsentscheidend. Angesichts des bisherigen Krisenmanagements in der Corona-Pandemie zeigt sich aber ein sehr heterogenes Bild.

Das Risiko einer „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ wurde 2012 unter fachlicher Federführung des Robert Koch-Instituts und der Mitwirkung acht weiterer Bundesbehörden simuliert. Trotz der Veröffentlichung als Bundestagsdrucksache 17/12051 wurde diese Risikoanalyse in den politischen Gremien nicht ausreichend bewertet.

In den ersten Pandemie-Wochen kam es zu panikartigen Reaktionen der politischen Ebene: Milliarden überteuerte Mund-Nasen-Masken und 25.000 Beatmungsgeräte wurden planlos bestellt. Überzogene behördliche Auflagen und hohe Bußgelder wurden von den Gerichten in mehr als 60 Urteilen für unwirksam erklärt. Die permanenten Panikmeldungen und dadurch ausgelösten Beschränkungen riefen bei einem Teil der Bevölkerung massiven Widerstand hervor. Als Kontrapunkt zu den öffentlich etablierten Medien bildete sich im Internet eine digitale Echokammer mit einer bunten Gesellschaft aus Corona-Leugnern, Masken-Verweigerern, Staatsverdrossenen und selbsternannten Medizinexperten, die sich in beeindruckenden Protestaktionen manifestierte.

Im Mai 2020 hatte ein Beamter im KRITIS-Referat KM 4 des Bundesinnenministeriums eine kritische Studie über das bisherige Krisenmanagement erstellt. Als der Bericht im Internet landete, erklärte Minister Seehofer die Arbeit kurz zur nichtautorisierten Privatmeinung und die qualifizierte Analyse landete unbewertet in der Versenkung.

Der Staat hatte es versäumt, die in kleinem Kreis beschlossenen Maßnahmen vorab mit Betroffenen und Fachleuten zu kommunizieren. Die Virologen waren anfangs unter sich, die Epidemiologen, die Lungenfachärzte, Intensivmediziner, Kinderärzte und Pflegekräfte, aber auch die Gerontologen, Psychologen, Psychotherapeuten, Soziologen, Pädagogen und Erzieher wurden zu lange ignoriert. Die Warnungen von Statistikern vor falschen Dateninterpretationen erhielten kein Forum.

Best-Practice: Christian Drosten

Es gibt aber einen Lichtblick: der NDR-Podcast „Corona Virus Update“ mit über 70 Podcast Folgen erreichte schnell 60 Millionen Aufrufe und wurde von 60 Ländern übernommen werden. Der Charité-Virologe Christian Drosten hat seit Ende Februar das Konzept des risikobasierten Denkens vorbildlich umgesetzt, indem er mit seinem Team von Beginn an einen intensiven Dialog mit den Bürgern über ihre Ängste und Fragen pflegt.

Kontakt zum Autor: m.kindler@kkc.info

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