Lesetipp Künstliche Intelligenz: Denkanstöße vom Star-Philosoph

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Digitalisierung und Ethik

Wie verändert künstliche Intelligenz unser Selbstbild als Mensch? Was können wir von einer selbstlernenden digitalen Technik erwarten und was nicht? Überraschende Ansichten und provokante Thesen liefert Richard David Precht in seiner neuen Veröffentlichung.

Buchcover Richard David Precht Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens
Das Cover von Richard David Prechts Essay über Künstliche Intelligenz. – © Goldmann Verlag

Mittlerweile erschafft die Menschheit Maschinen und Algorithmen, die intelligenter sind als sie selbst. Doch was macht das mit der Selbstwahrnehmung als Mensch? In seiner neuen Veröffentlichung „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ äußert sich der zeitgenössische Philosoph Richard David Precht über die Digitalisierung und ihre Folgen. Denn in vielen Branchen – wie auch im Gesundheitswesen – kommt Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend zum Einsatz und aktuell träumen KI-Forscher sogar vom „Roboter-Richter“ oder „Roboter-Arzt“, der auch moralische Entscheidungen abnehmen soll. Doch was soll KI können und wo liegen ihre Grenzen? Und wird sie den Menschen gar eines Tages übertrumpfen?

Diesen Vorstellungen erteilt Precht eine klare Absage. Künstliche Intelligenz ist an sich sinnvoll, wenn sie eingesetzt wird, um Menschen u.a. von wiederkehrenden und monotonen Tätigkeiten zu entlasten. Aber beim moralischen Entscheiden brauche es immer noch Gefühle, Intuition und Vernunft. Das Leben ist keine vorprogrammierte Abfolge von Handlungen. Ein bekanntes Beispiel liefert die Automobilbranche mit dem autonomen Fahrzeug: Soll es einem plötzlich auftauchenden Fußgänger ausweichen und damit den Insassen gefährden, gar töten? Eine solche „ethische Programmierung“ darf es laut Precht nie geben, denn jegliches Aufrechnen von Menschenleben laufe dem Prinzip der Menschenwürde entgegen. Zudem wissen Forscher bis heute nicht genau was im menschlichen Gehirn passiert. Wo sitzt denn die Moral? Die neuronalen Prozesse sind häufig (noch) intransparent, und damit verbunden unsere Intelligenz. Die Prozesse von Maschinen sind dagegen offen einsehbar und somit eine transparente Form der Intelligenz.

Menschliche und künstliche Intelligenz

„Was KI heute kann ist zwar beeindruckend, aber in keiner Form ähnlich oder gar gleich menschlicher Intelligenz“, erklärt der Professor für Philosophie auf Seite 26. Trotzdem identifiziert sich der Mensch zunehmend mit der Technik als mit seiner biologischen Umwelt. Diese Entfremdung äußert sich laut Precht in zwei parallelen Vorgängen: Dem ungebremsten technischen Fortschritt steht die Zerstörung der biologischen Lebensgrundlage gegenüber.  Dennoch macht uns die „emotionale Sensitivität auch weiterhin und dauerhaft zu Tieren“, stellt Precht auf Seite 27 fest – auch wenn die Spezies sich lieber als über der Natur stehend wahrnimmt. Doch wir sind dem technischen Fortschritt nicht ausgeliefert. Technik kommt nicht über uns, sie wird gemacht. Und alleine ein hochtechnisiertes Leben verleiht dem Dasein keinen Sinn.

Auch die Angst, die viele Science-Fiction-Filme und -Romane schüren, KI könnte sich zu einer Art Superintelligenz entwickeln und die Menschheit übertrumpfen oder gar unterjochen, entkräftet Precht. Nicht zuletzt Branchengrößen wie Tesla-Chef Elon Musk warnen vor den katastrophalen Folgen von überlegenen Maschinen. Laut Precht gibt es naheliegendere Probleme wie die Umweltzerstörung, auf die man sich fokussieren müsse.

Fazit

Erfrischende Gedanken zu einer immer wiederkehrenden Frage. Das Essay eröffnet neue Perspektiven auf eine Diskussion, in der sich KI-Forscher und Experten immer mehr in Horrorszenarien verstricken. Obwohl der Begriff „Essay“ eine Untertreibung ist: Literarische Laien ordnen die Veröffentlichung mit ca. 250 Seiten als Sachbuch ein, in dem Precht die Meinung vieler Forscher und Philosophen aufgreift und seinen Standpunkt darlegt.

Jedoch versäumt Precht an manchen Stellen die angesprochenen Sachverhalte, auf die er sich bezieht, zu erläutern. Ein Beispiel liefert u.a. das Aufgreifen folgender Information: „Die Künstliche Intelligenz, die den Go-Meister schlug, …“. Nun ist KI-Bewanderten klar was gemeint ist: Das chinesische Brettspiel „Go“ gilt als hochkomplex, lange traute man keiner Maschine zu, dieses Spiel zu beherrschen und gar einen Meister darin zu besiegen. Doch 2017 schlug das Programm „AlphaGo“ (entwickelt von Google) den damaligen Weltmeister Ke Jie. Das sorgte für einen Aufschrei unter KI-Forschern und entfachte die Diskussion erneut, was KI noch in Zukunft können wird. Dennoch ist dieses Buch ein Plädoyer dafür, dass man Technik nicht jede Entscheidung zutrauen und am Ende überlassen sollte.

Über den Autor

Richard David Precht (*1964) ist Philosoph, Publizist und Autor und wird v.a. mit seinem ersten Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ in Verbindung gebracht. Precht ist zudem Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.