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Delirmanagement auf der Intensivstation Raumwirkung bestätigt

Die ersten Ergebnisse der Vitality-Studie der Charité sind veröffentlicht – sie geben Anlass, die Gestaltung der Räumlichkeiten von Intensivstationen zu überdenken. Denn die Kombination aus Lichttherapie, Geräuschreduzierung, Workflowoptimierung und Infektions- kontrolle kann signifikant dazu beitragen, das Entstehen eines Delirs zu reduzieren.

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In einer vorläufigen Auswertung hat sich die zugrunde gelegte Hypothese der Wissenschaftler rund um die Vitality-Studie (Observationsstudie) bestätigt: Patienten die in einem Zimmer mit verändertem Raumkonzept behandelt wurden, haben deutlich weniger Delirien als Patienten, die in Standardräumen versorgt werden. PD Dr. Alawi Lütz und sein Team stimmen die Ergebnisse zuversichtlich hinsichtlicher der Hoffung, dass ihre Arbeit an einer neuen, patienten- und mitarbeiterfreundlicheren Umgebung auf der Intensivstation schon bald einen messbaren Fortschritt für die Patientenversorgung haben könnte.

Lütz hatte bereits im Oktober 2017 in einem Gespräch mit HCM (Seite 40/41) das neue Raum- und Workflowkonzept der Intensivstation der Klinik für Anästhesiologie an der Charité vorgestellt. Er berichtete damals bereits über die sehr positiven Reaktionen der Patienten, aber auch der Angehörigen und Mitarbeiter. „Die Intensivpatienten fühlten sich in der neu geschaffenen Umgebung der Intensivstation deutlich wohler. Das senkt das Risiko für Stress und somit für Delir.“

Besonders positiv hätten die Patienten bereits damals auch die neu installierte Lichtdecke empfunden. Darauf können Naturszenen wie Baumkronen oder der Himmel projiziert werden und die Lichtverhältnisse den unterschiedlichen Tageszeiten realitätsnah nachgeahmt werden. In der Kombination mit anderen Raumelementen gab es schon zu diesem Zeitpunkt Anhaltspunkte dafür, dass ein verändertes und natürlicheres Raumkonzept dabei helfen kann, Delir zu reduzieren. Wie zum Beispiel das Lichtkonzept funktioniert und dazu beitragen kann, können Sie in der Januar-/Februar-Ausgabe 2019 von HCM auf den Seiten 64 und 65 in einem Fachbeitrag von Hermann Hofmeister, Baumeister, Ingenieur, Hofmeister Unternehmensgruppe Bau, und Günter Hohensee, Busness-Manager VitalMinds DACH, Delirium Management Solutions, Philips GmbH, nachlesen.

Weniger Delir, mehr Konzept

Für die Vitality-Studie wurde im vergangenen Jahr der Genesungsprozess von 37 Patienten in Räumlichkeiten der Standard-Intensivstation sowie von 37 Patienten in entsprechend modifizierten Räumlichkeiten beobachtet. Das Ergebnis: „Neben Eingriffen, die darauf abzielten, die Geräuschkulisse zu reduzieren, den Arbeitsablauf von Mitarbeitern zu optimieren und Infektionen zu reduzieren, haben wir hier die besagte Lichtdecke installiert, die es den Mitarbeitern ermöglicht, die Patienten mit einer individuellen Lichttherapie zu behandeln“, erklärt Lütz. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Unterschied in der Delirinzidenz (siehe Grafik rechts). Heißt: So oder ähnlich optimierte Räumlichkeiten können dabei helfen, dass das Risiko eines Delirs bei Intensivpatienten verringert werden kann. Allerdings ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht eindeutig ersichtlich, wie die einzelnen veränderten Komponenten dazu beitragen. „In einem nächsten Schritt wird es nun darum gehen, die verschiedenen Aspekte des Raumes in ihrer individuellen und gegenseitigen Wirkung zu untersuchen – sowohl auf grundlagenwissenschaftlicher Ebene als auch in der klinischen Forschung. Wovon wir aber ausgehen können: Eine Komponente allein wird nicht ausreichen, den Zustand des Patienten zu verbessern – es braucht ein multimodales Konzept“, meint Lütz.

Wer das Delirmanagement durch ein Raumkonzept verbessern wolle, müsse das ganzheitliche Konzept erfassen und daran gemeinsam mit Kooperationspartern wie Physikern, Architekten, Ärzten, Patienten, Pflegenden, Therapeuten, Angehörigen und dem Krankenhausmanagement zusammenarbeiten. „Der gesundheitsökonomischen Betrachtung kommt ebenfalls eine tragende Rolle zu, wenn solche Konzepte den Weg in die Fläche finden sollen.“

VitalSky ist bereits verfügbar

Ein Teil des Raumkonzeptes, das bereits den Schritt aus dem Forschungsbereich der Charité gegangen ist, ist die Lichtdecke von Philips. Sie ist bereits als Medizinprodukt zertifiziert und erhältlich. Häuser wie das Marien-Hospital Wesel gehören zu den Ersten, die nach der Charité, wo die Prototypen installiert sind, auf die Lichtdecke (VitalSky) setzen. Sie ist Teil des VitalMinds-Konzeptes, das darauf abzielt, einen multimodalen, nichtpharmakologischen Delirmanagement-Ansatz zu verfolgen und damit Delir zu verhindern.

„Die Studienergebnisse zeigen uns, dass wir mit dem VitalMinds-Ansatz auf dem richtigen Weg sind“, erklärt Thomas Falck, Principal Scientist Patient Care & Measurements bei Philips, „auch wenn noch nicht klar ist, welchen Anteil die Lichttherapie im Speziellen daran hat.“ Gespannt erwartet werden dürfen also weiterführende Ergebnisse von tiefergehenden Studien, die Lütz und sein Team in den kommenden Monaten durchführen werden. Derzeit werden die in der Studie erhobenen Daten zum Schlafverhalten, dem Schmerzverlauf und unterschiedlichen Laborwerten ausgewertet. Anschließend stehen multizentrische Studien mit anderen Kliniken an, in denen die Lichtwirkung untersucht wird. An der Technischen Universität Berlin und der Charité soll eine Stiftungsprofessur zur nicht-pharmakologischen Delirprävention eingerichtet werden. Philips stellt hierfür Stiftungsgelder über den Stifterverband zur Verfügung.

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