Qualitätsmanagement -

10. Nationaler Qualitätskongress Gesundheit 2016, Berlin Qualitätssteigerung braucht Empathie und Sinn

Gesundheitspolitiker aus Bund und Ländern sowie Vertreter und Experten der Krankenkassen und Verbände widmeten sich vergangene Woche zwei Tage der Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen. Dr. Eckart von Hirschhausen brachte mit seinem Gastvortrag dem Thema Qualität das Lächeln bei und erklärte auch gleich, warum die Qualitätssteigerung genau das braucht.

Themenseite: Qualitätsmanagement
Qualitätssteigerung braucht Empathie und Sinn
Nationaler Qualitätskongress Gesundheit 2016: zwei Tage Fragen, Antworten und Diskussionen rund um das Thema Qualitätsoptimierung im Gesundheitssystem. -
Bild ohne Titel - 227172

„Die Umsetzung und Gestaltung des Qualitätsmanagements geht weiter“, sagte Ulf Fink, Senator a.D. und Kongresspräsident, bei der Eröffnungsrede zum 10. Nationalen Qualitätskongress 2016. Damit sprach er nicht nur den Erfolg und die Zukunftstauglichkeit der Veranstaltung, sondern auch die aktuelle Bewegung in Richtung verstärkte Qualitätsorientierung im Gesundheitswesen an. Derzeit gelte es v.a. den Ordnungsrahmen weiter zu verbessern, die ersten Selektivverträge umzusetzen und verlässliche Partner für den weiteren Qualitätsausbau zu finden. Zur Orientierung könne man laut Fink den Blick ins Ausland, z.B. in die USA, richten. Dort funktioniere die qualitätsabhängige Vergütung bereits unter flexiblen Bewertungstools. Das Beispiel der USA zeige für Deutschland aber auch, dass es im Gesundheitswesen zwingend Veränderungen geben muss, damit die Qualität verbessert werden kann.

Wie geht es mit der Qualität weiter?

In der Podiumsdiskussion mit

Bild ohne Titel - 227173
  • Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende, Verband der Ersatzkassen,
  • Hedwig Françoise-Kettner, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit,
  • Dr. Matthias Gruhl, Leiter des Amtes Gesundheit der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz,
  • Martin Litsch, Vorsitzender des Geschäftsführenden Vorstandes im AOK Bundesverband, sowie
  • Prof. Dr. Matthias Schrappe, Lehrbeauftragter Patientensicherheit und Risikomanagement,

wurde schnell klar, dass trotz einiger ausrichtungstechnischer Differenzen, eine Grundeinigkeit darüber besteht, dass die Qualität verbessert werden muss. Die Verantwortung liege tendenziell eher auf Seiten der Selbstverwaltung, bedarf aber auch die Politik. „Uns fehlt das political framework, um die Qualität zu verbessern“, erklärte Schrappe. Die Politik dürfe die Qualitätsfrage allerdings nicht dazu nutzen, „um über ihre Probleme zu neutralisieren“. Ähnlich sieht das Elsner: Ein staatliches Gesundheitswesen sei nicht wünschenswert. Die Selbstverwaltung bringe dagegen viele Vorteile mit sich, z.B. die Unabhängigkeit von der Haushaltslage. Dennoch spricht sie vom Wunsch nach einer staatlichen Planung, z.B. was die Personalausstattung anbelangt. Nach Meinung von Litsch ist ein gesetzlicher Rahmen unabdingbar, „damit nicht egoistisch gehandelt wird“. Aber die Planung brauche nicht der Staat übernehmen.

„Wie kann ich dir helfen?“ …

Bild ohne Titel - 227174

… sollte laut Dr. Eckart von Hirschhausen die erste Frage sein, die sich ein Arzt stellt, wenn er seinen Patienten sieht. Nicht: „Wie kann ich mit dir 20 Prozent mehr Rendite machen?“. Der Arzt, TV-Moderator und Buchautor gab den Teilnehmer mit seinem Vortrag „Warum mit der Stimmung auch die Qualität klappt“ einiges zum Grübeln. „Wir erleben derzeit eine Vertrauenskrise in die wissenschaftliche Medizin. Das Krankenhaus wird als Haus der Bedrohung statt Rettung angesehen“, sagt von Hirschhausen. Wie man das ändern kann? Mit Sinnstiftung und Emotionen – davon ist er überzeugt. In großen Krankenhäusern würden Ärzte z.B. beinahe nie das Wunder erleben, selbst einen kranken Patienten wieder gesund nach Hause zu entlassen. Der Arzt, der die Erst- oder Zwischenbehandlungen durchgeführt hat, hat mit der Entlassung meist nichts mehr zu tun – das sinngebende Ergebnis seiner Arbeit sieht er nicht. Das sei der Schlüssel zur Mitarbeitermotivation und letztendlich auch zur Leistungs- und Qualitätssteigerung. Von Hirschhausens wohl wichtigste Botschaft: „Das Gesundheitswesen ist nicht dazu da, dass sich jemand bereichert“. Interessant war die Reaktion der Teilnehmer auf diese Aussage: erst Schweigen, dann verhaltener Applaus.

Und trotzdem hat von Hirschhausen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Immer wieder wurde sein Vortrag in den verschiedenen Symposien zum Thema. Zum Beispiel bei der Session über Infektionsschutz im Krankenhaus. Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin am Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité Universitätsmedizin Berlin, diskutierte u.a. mit Prof. Dr. Walter Popp, 1. Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und Prof. Dr. Iris Chaberny, Direktorin, Institut für Hygiene/Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Leipzig, wie man durch Personalausstattung und verhaltensoptimierende Aspekte die Hygiene im Krankenhaus verbessern kann. Dabei stellte sich heraus, dass wie von von Hirschhausen angesprochen, Respekt und Anerkennung für die Mitarbeiter im Hygienebereich nötig ist, um den Einsatz hierfür zu steigern.

Bericht aus dem IQTIG

Kritisch beobachtet wird nach wie vor die Arbeit des Instituts für Transparenz und Qualitätssicherung im Gesundheitswesen (IQTIG). Der Leiter, Dr. Christof Veit, konnte allerdings auf dem Qualitätskongress erneut von Erfolgen für mehr und effizientere Qualitätssicherung sprechen. Aktuelle Neuigkeit: Das Kuratorium des Instituts hat am 30. November 2016 erstmals getagt und Vertreter der Patientenseite zur Leitung bestimmt.

Bild ohne Titel - 227175

Strukturveränderung unumgänglich

Aufschluss zur Frage „Wo stehen wir heute mit der Reform der Krankenhauslandschaft?“ gab das Symposium unter der Leitung von Ulf Fink. Hier diskutierten

  • Markus Algermissen (Vertretung von Ministerialdirektor Dr. Ulrich Orlowski) vom Bundesministerium für Gesundheit,
  • Stefan Wöhrmann, Abteilungsleiter Stationäre Versorgung, Verband der Ersatzkassen,
  • Prof. Dr. Thomas Mansky, Leiter Fachgebiet Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen, Technische Universität Berlin,
  • Dr. Sabine Richard, Geschäftsführerin Geschäftsbereich Versorgung, AOK-Bundesverband, und
  • Dr. Sebastian Krolop, Healthcare Transformation Services, Vice President und Partner EMEA, Philips GmbH Market DACH
Bild ohne Titel - 227176

über den „schillernden Begriff“ der Krankenhausreform. Wöhrmann stellte anhand einiger Rechenbeispiele in Frage, ob die vorhandenen Gelder im Strukturfonds für die sehnlich erdachte Neustrukturierung der Krankenhauslandschaft überhaupt ausreichen. Dennoch sieht er den Strukturfonds als notwendiges Instrument, Veränderungen herbeizurufen. Auch Prof. Mansky sieht die dringende Not der Strukturveränderung zur Steigerung der Qualität: „Die Strukturentwicklung hat mit der medizinischen Entwicklung nicht mitgehalten. Wir haben in Deutschland ein strukturkonservatives System aus dem 19./20. Jahrhundert“ und wenn man kleinere Häuser schließe, die für gewisse Fachgebiete keine ausreichenden Fallzahlen aufweisen, könne das die Qualität steigern. „Wir verdoppeln alle ein bis zwei Jahre die digitale Leistung, im Krankenhausbereich aber nicht“, ergänzte Krolop.

Nach dem Kongress hatte man das Gefühl, dass sich das Qualitätswesen derzeit zwischen Erkenntnis und Abwarten mit Tendenz zum Aufbruch befindet. Spürbare Veränderungen dürften dank IQTIG und Krankenhausstrukturgesetz nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Spätestens auf dem 11. Nationalen Qualitätskongress (30. November bis 1. Dezember 2016) wird es bereits die ersten Praxiserfahrungen und Auswirkungen zu besprechen geben.

© hcm-magazin.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen