Berufspolitik -

Nachlese BLPR-Frühjahrsakademie 2019 in München Professionelle Pflege – Anspruch und Wirkung

Die traditionelle Frühjahrsakademie des Bayerischen Landespflegerats (BLPR) widmete sich dieses Jahr dem Thema Professionelle Pflege – Anspruch und Wirkung. Neben aktuellen Entwicklungen im Berufsfeld Pflege und wichtigen Fragen zur Gestaltung der zukünftigen pflegerischen Versorgung stand im Fokus der Veranstaltung die zentrale Frage, ob die Umsetzung des Pflegeberufegesetzes gelingen wird.

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Die Generaloberin und Vorsitzende des Bayerischen Landespflegerats  (BLPR) Edith Dürr begrüßte im eindrucksvollen Senatssaal des Bayerischen Landtags die zahlreichen Besucher der Frühjahrsakademie des BLPR. Obwohl die Sonne scheine, habe die Frühjahrsakademie nichts mit der Jahreszeit zu tun, sondern ist im politischen Sinne zu verstehen, sagte Dürr. „Denn die Veranstaltung steht für Aufbruch, Erwachen und Veränderung – eine Frühlingsassoziation. Frühling im politischen Sinne verweist auf Reformbewegung von unten und historisch regional bezogene Zäsuren“, so die Generaloberin. Das zahlreiche Erscheinen von Vertretern aus Politik und Gesundheitswesen im Auditorium zeige aus der Sicht des BLPR sehr deutlich, so Dürr, dass auch in der Pflege eine berufspolitische Entwicklung stattfindet.

Dr. Karl Freller, der Vizepräsident des bayerischen Landtags, dem Veranstaltungsort der Frühjahrsakademie, hob in seiner Rede die Bedeutung der Pflegeberufe hervor. Es müsse uns in den nächsten Jahren dringend gelingen, diese auch in die Mitte der Diskussion der Wertschätzung zu stellen.

Auch die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml sprach einige Grußworte an die Teilnehmer der Frühjahrsakademie. Sie betonte, dass die Generalistik der Pflegeausbildung eine riesige Chance ist, dass die Pflege wieder die Attraktivität erhalte, die sie vor Jahrzehnten hatte. Weiter sagte sie, dass es wichtig sei, dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege weiter verbessert werden. "Wenn der Pflegeberuf attraktiver wird, können auch mehr neue Pflegekräfte gewonnen werden. Dazu gehört eine angemessene Vergütung.“

Mehr als nur Fürsorge

Nach den Grußworten referierte Prof. Dr. Constanze Giese von der Fakultät Pflege, der Katholischen Stiftungshochschule München, in ihrem Vortrag über die richtige Motivation für den Pflegeberuf und ethische Überlegungen zur Rekrutierung und Berufswahl. Giese legte dar, dass die fürsorgliche Motivation des Berufs traditionell überbewertet wird. Es gebe sehr viele andere berechtigte Antriebe menschlichen Handelns, jenseits des Fürsorgemotivs. Dabei ging es ihr darum, die Sichtweise auf Pflegende als fürsorgliche Menschen ohne große finanzielle Ansprüche und Karrierestreben aufzugeben. Was die Motivation Pflegender heute frustriere, sei das Missverhältnis von Pflegearbeitsleistung und Anforderungen.

Nationale Kraftanstrengung für Pflegedienste

Josef Hug, Pflegedirektor des Städtischen Klinikums Karlsruhe, sprach über die Zeitenwende im Pflegedienst und die Auswirkungen des Pflegepersonalstärkungsgesetzes sowie dem Schwerpunkt Pflegepersonaluntergrenzen und Pflegebudget. Dabei erläuterte er die aktuellen Herausforderungen, denen sich die Verantwortlichen der Kliniken stellen müssen sowie die akuten Probleme, wie zum Beispiel teilweise dramatisch ansteigende, krankheitsbedingte Fehlzeiten. Als weiteres Problem nannte Hug auch die Nichteinhaltung der Personaluntergrenzen mancher Kliniken und die damit verbundenen Sanktionszahlungen. Zusammenfassend stellte Hug zehn Aufgabenschwerpunkte vor, um die Probleme in den Griff zu bekommen. So bedürfe es zum Beispiel einer unternehmensindividuellen Bestandsaufnahme und Strategieentwicklung oder der Neudefinition der berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit. „Eine nationale Kraftanstrengung für die Pflegedienste in deutschen Kliniken ist unverzichtbar und kann nicht weiter vermieden werden“, sagte er zum Abschluss seines Vortrags.  

Flexpool für eine bessere Motivation

Einen interessanten Einblick und die Chancen des Mitarbeiter- bzw. Flexpools gab Pflegedirektorin Andrea Albrecht vom Lukaskrankenhaus in Neuss. „Ausschlaggebend für die Umsetzung des Modells waren steigender Ausfallgrad, sinkende Motivation, Ineffizienz für die Planenden, Personalmangel, Leistungsverringerung und damit verbundene wirtschaftliche Konsequenzen“, erklärte Albrecht. Anhand einer Grafik und Beispielen aus ihrem Haus zeigte sie auf, wie die Umsetzung von individuellen Arbeitszeitwünschen und modernen Ausfallkonzepten im heutigen Krankenhausalltag gelingen können. Die Idee dahinter sei z.B. den Ausfall der Pflegemitarbeiter zu kompensieren oder neue Fachkräfte anzuwerben. Durch flexiblere Arbeitszeiten profitieren Pflegefachkräfte mit Kind, Mitarbeiter die sich weiterbilden oder mehr Freizeit einplanen möchten. Letztendlich trägt der Mitarbeiterpool dazu bei, dass die Ausfallzeiten bei den Pflegenden durch Krankheit und Frustration reduziert werden können.

Das niederländische Modell Buurtzorg

Einen ganz anderen Ansatz der Mitarbeiterführung verfolgt das Modell des niederländischen Gesundheitsversorgers Buurtzorg. Johannes Technau, Geschäftsführer der Buurtzorg Deutschland Holding, stellte dabei das Modell mit der Frage vor, ob das ein interessantes Konzept für Deutschland wäre. Im Unterschied zu Deutschland, erklärte Technau, sind die Teams selbstorganisiert, hierarchiefrei, mit nur zwölf Mitarbeitern in der Gruppe. Die Teams rekrutieren ihre Mitarbeiter selbst und nehmen auch die Prozessgestaltung eigenständig vor. „Als Geschäftsführer nehme ich mich bei vielen Prozessen ganz heraus“, sagte Technau. Das schaffe Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Ressourcen, werte das Berufsbild auf und schaffe mehr zufriedene Patienten durch Transparenzansatz, so Techau. Außerdem wirke sich dieses Modell positiv auf die Personalplanung aus.

Komplexität des Pflegeberufs

Rainer Ammende, Vorstand des Bayerischen Landespflegerats und Leiter der München Klinik Akademie, des Städtischen Klinikums München, referierte zum Thema Pflegeberufegesetz – Kompetenzmodell und Praxisbezug. Ammende behandelte in seinem Referat u.a. die Bedeutung der Kompetenz im Pflegeberuf. Dabei wies er darauf hin, dass der Erwerb und die Weiterentwicklung von Kompetenz handlungsorientierte Lernprozesse an den verschiedenen Lernorten erfordert. Dies gelte sowohl für die Pflegeschule als auch für die Pflegepraxis. Außerdem sei die Pflege von Menschen sehr komplex, was eine entsprechende Kompetenz des Pflegenden voraussetze, um entsprechend Handeln und Entscheiden zu können, sagte Ammende weiter. "Wichtig ist, dass während der Ausbildung zur Pflegefachkraft ein professionelles, ethisch fundiertes Pflegeverständnis und ein berufliches Selbstverständnis entwickelt und gestärkt werde", zitierte Ammende abschließend das PflBG.

Podiumsdiskussion – Umsetzung des Pflegeberufegesetzes

In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Irene Hößl, Geschäftsführerin, Katholischer Pflegeverband e.V., wurde über Anspruch und Wirklichkeit in der praxisbezogenen Umsetzung des Pflegeberufegesetzes engagiert diskutiert. Beteiligt waren Andrea Albrecht, Pflegedirektorin am Lukaskrankenhaus Neuss; Dagmar Martin, Zentrale Praxisanleiterin am Rotkreuzklinikum München, Kerstin Aicher, stellvertretende Schulleitung der Berufsfachschule für Altenpflege der Schwesternschaft München vom BRK; Prof. Dr. Michael Bossle, Professor für Pflegepädagogik an der Technischen Hochschule Deggendorf; Tanja Schweiger, Landrätin des Landkreises Regensburg und Bernhard Seidenath, Mitglied des Landtags, Fraktion CSU, und Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit und Pflege. Die Diskussion zeigte, dass Anspruch und Wirklichkeit oft noch weit auseinanderliegen. Einige Diskussionsteilnehmer machten deutlich, dass grundsätzlich die Arbeits- und Rahmenbedingungen geändert werden müssten, um Pflegefachfrauen und -männer zu halten. Das allgemeine Fazit lautete, dass Anstrengungen zur Bewältigung des Pflegekräftemangels und Umsetzung des Pflegeberufegesetzes trotz manch unterschiedlicher Auffassungen nur gemeinsam bewältigt werden könnten.

Weitere Informationen zur Veranstaltung können Sie in Kürze über die Internetseite des Bayerischen Landespflegerats abrufen. 

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    Alfred Freller, Vizepräsident des Bayerischen Landtags, Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml und Generaloberin Edith Dürr, Vorsitzende des BLPR und der Schwesternschaft München vom BRK mehr

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