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Lesetipp Pflege in der Literaturgeschichte

Urlaubszeit – Lesezeit. Da darf es auch mal eher leichte Lektüre sein, wie diese: „Krankenschwesternromane“ lautet der simple Titel dieses kleinen Fachbuchs, das mit umso größeren Erkenntnissen aufwartet. Denn nichts Geringeres als die Untersuchung des Pflegebildes in der belletristischen Literatur zwischen 1914 bis 2018 steht im Mittelpunkt. Und somit die Frage, ob bzw. wie weit bekannte Stereotypen aus Trivialromanen – wie „selbstlose Frauen“ – unser Denken im Alltag beeinflussen. Ein Kapitel mehr für die Pflegeforschung.

Sage und schreibe knapp 300 Romane hat sich die promovierte Historikerin und habilitierte Soziologin Birgit Panke-Kochinke vorgeknöpft, um eine Lücke in der Pflegeforschung zu schließen: Wie viel Einfluss hat das literarische Bild der weiblichen Pflegekraft auf unsere Gesellschaft?

Ein Hauch von Florence Nightingale

Denn obwohl Pflegeberufe in den letzten Jahrzehnten eine enorme Wandlung erfahren haben, halten sich hartnäckige Vorurteile über Krankenschwestern. Sie gelten als pflichtbewusste und selbstlose Frauen, die – wenn sie noch ledig sind – stets auf der Suche nach der „wahren Liebe“ sind. Und als ihre Heiratspartner kommen bevorzugt Ärzte und Patienten in Frage.

Dieser Stereotyp, den wir längst auch aus Fernsehserien wie „Schwarzwaldklinik“ oder „Schwester Nikola“ kennen, wird seit mehr als hundert Jahren ebenso in Trivialromanen gern bedient. Wenn man so will: Ein Hauch von Florence Nightingale und ihrem wichtigen Erbe weht nicht nur durch solche Geschichten, sondern auch durch die Buchseiten von Frau Panke-Kochinke…

Prototypen für verschiedene Varianten

Tatsächlich lassen sich Prototypen herausfiltern, die in bestimmten Konstellationen zueinanderstehen, etwa: Die Frau als aufopferungs- und verantwortungsvolle „Kümmerin“, der Mann als fachlich zugeordnete Person „zum Aufschauen“. Was viele Varianten zulässt: Die Krankenschwester arbeitet in einer Klinik oder Praxis oder ambulant, der Arzt dort jeweils entsprechend oft als Vorgesetzter. Mal sind sie sich schnell einig und ziehen am selben Strang, mal muss dieses Glück erkämpft werden.

Oder aber, wenn alle Stricke reißen – hat die Pflegerin auf jeden Fall einen sinnvollen Job, der ihr Anerkennung, manchmal auch Heldentum bringt. Auf diese Weise lässt sich dann noch manch privater (Liebes-)Schicksalsschlag ertragen. Und das Berufsfeld der Krankenpflege dient als dramaturgische Kulisse für Szenarien, die sich historisch jederzeit anpassen lassen, dabei wichtige Aspekte wie Fürsorge und Hilfe garantieren. Eine Kombination im Interesse der Sehnsucht nach einer heilen Welt, die bei vielen Leser(inne)n eben sehr gut funktioniert.

Klare Mustervorlagen und Charakteristika

Es ist nicht zuletzt Verdienst der Autorin, dass am Ende auf mehr als 30 Seiten ein pralles Literaturverzeichnis plus Anhang u.a. mit Pseudonym-Tabelle und Kurzinhaltsangaben einiger Romane vorhanden ist. Denn siehe da: Einige angeblich weibliche Schreiberinnen waren nämlich Männer, teils steckte sogar eine ganze Autorengruppe hinter einem einzigen Namen.

Nicht zuletzt aus organisatorischen Gründen hinter den Verlagskulissen war es daher von Vorteil, sich an klaren Mustervorlagen und Charakteristika zu orientieren – ohne „Schema F“ wären tausende von Leserinnen sonst sicher um ein Happy End-Vergnügen gekommen.

Der Pflegeberuf leidet unter alten Bildern

Gleichwohl: Was als Buchtitel und Intention vielleicht trivial klingt, entpuppt sich beim Lesen schnell als soziologisch wirklich relevanter Aspekt. Denn die Untersuchung zeigt: Das Bild der Pflege, wie es in dieser Literaturgattung erscheint, zählt eben zu unseren oft unbewussten gesellschaftlichen Standards. Und diese Standards, die unser Denken heimlich prägen, begründen auch, warum der Beruf – trotz aller Modernisierungsbemühungen – unter alten Bildern leidet, manchmal davon gar behindert wird.

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