Politik -

Ein Kommentar von Heiko Burrack Organspende: Warum wir die Widerspruchslösung brauchen!

"Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, wenn wir mehr Leben retten wollen. Die Widerspruchslösung ist genau das", schreibt der Autor des Buches "Leben hoch zwei" in seinem aktuellen Kommentar. Seiner Meinung nach hat die Widerspruchslösung das Potenzial, genau dies zu erreichen.

Das Thema Organspende ist wieder in aller Munde: Denn obwohl im letzten Jahr die Anzahl der Spender ein wenig zugenommen hat, sind die Zahlen hierzulande immer noch sehr niedrig. Vergleichen wir dies z.B. mit Spanien, so werden dort mehr als vier Mal so viele Organ-Spender gewonnen. Dies wäre halb so schlimm, wenn nicht jeden Tag drei Menschen sterben, die vergeblich auf ein Organ warten. Ein wichtiger Baustein, um Leben zu retten, ist die Widerspruchslösung.

Wenn wir uns nochmals vor Augen führen, dass jeden Tag drei Menschen sterben, die kein Organ erhalten, so finde ich die Kühle, mit der wir hier reagieren, bemerkenswert. In vielen anderen Bereichen hätten wir schon längst gehandelt und gerade die Politik hätte dramatische Änderungen eingeleitet. Aber Menschen, die lebensbedrohlich erkrankt sind, können nicht mehr schreien.

Fairerweise muss man sagen, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits strukturelle Verbesserungen in den Krankenhäusern durchgesetzt hat; diese sind seit dem 1. April in Kraft. Dieser Hebel ist wichtig, damit mehr Menschen überleben bzw. ihr Leben in einer deutlich verbesserten Qualität genießen können. Nun diskutieren wir als nächstes die Frage der Widerspruchslösung. Die Gegner dieses Vorhabens weisen darauf hin, dass ein Widerspruch generell nicht als Zustimmung gedeutet werden darf. Beispielsweise, so argumentieren sie, wenn ich einen Newsletter bestellen möchte, benötigt der Versender dafür nicht nur eine einfache sondern sogar eine doppelte Zustimmung. Aber stimmt dieses Argument? Ich denke nicht.

Einen Widerspruch zu formulieren, ist keine Rarität

Schauen wir uns die letzte Lebensphase an. Die Beispiele beziehen sich auf diesen Zeitraum, weil hier die Frage der Organspende relevant wird. Hier müssen Entscheidungen umgesetzt werden. Diese Situation muss man antizipieren, wenn Menschen über die Organspende nach ihrem Hirntod nachdenken und sich hier festlegen. Wenn ich in der finalen Lebensphase keine maximale medizinische Versorgung haben möchte, so muss ich schriftlich einen Widerspruch formuliert haben (= Patientenverfügung). Während ich bei der Frage der Organspende mit einem Ja oder Nein antworten kann, ist die Frage nach meiner Behandlung im Sterbeprozess viel komplexer. Unterschiedliche Bereiche muss ich verstanden haben. Ich muss diese miteinander verknüpfen und meine Entscheidung muss möglichst genau ausformuliert sein. Die Auseinandersetzung beim Formulieren einer Patientenverfügung ist also sehr intensiv. Auch wenn meine Entscheidung, ob ich Organe spenden möchte oder nicht, durch mehr Informationen sicherlich besser wird, kann ich hier auch „aus dem Bauch heraus entscheiden“. Wirklich informieren muss ich mich dafür gerade im Vergleich zu einer Patientenverfügung nicht.

Ein Testament ist ein Widerspruch

Ein zweites Beispiel, wo ein Widerspruch formuliert werden muss, ist das Testament. Wenn ich möchte, dass nach dem Ableben meine materiellen Güter meinen Wünschen entsprechend verteilt werden sollen, muss ich dies im Testament festhalten. Ansonsten kommen die gesetzlichen Regeln zum Tragen. Ein Testament ist also ein Widerspruch, der notwendige Aufwand ist auch hier höher als der bei der Organspende. Schließlich gibt es auch Bereiche, wo ich nicht einmal theoretisch widersprechen kann. Ordnet der Staatsanwalt eine Obduktion an, so wird diese durchgeführt.

Was heißt das? Einen Widerspruch am Lebensende formulieren zu müssen, kommt nicht oft vor. Aber es handelt sich dabei auch nicht um eine Rarität. Damit der Staat aber verlangen kann, sich bei einer Frage zu entscheiden, bedarf es guter Gründe. Drei vermeidbare Tote pro Tage sind aus meiner Sicht genau dies. Außerdem: Jeder, der so schwer erkrankt, dass er nur mit einem Spenderorgan überleben kann, möchte, dass er auf die Warteliste kommt. Kann man dann nicht im Gegenzug erwarten, dass man sich wenigstens entscheidet, was mit seinen Organen passieren soll?

Der Alternativvorschlag ist wie das Reiten eines toten Pferdes

Was ist nun aber von der Alternative zur Widerspruchslösung zu halten, die von den Abgeordneten Annalena Charlotte Alma Baerbock und Co. eingebracht wurde? Im Kern wird hier die Entscheidungslösung weiter fortgeführt. Es werden weitere Informationspunkte eingerichtet. Waren es bisher die Krankenkassen, die ihre Versicherten alle zwei Jahre informieren, kommen nun Hausärzte und Behörden, bei denen man z.B. den Reisepass verlängern lässt, hinzu. Wir alle mussten lernen, dass die Entscheidungslösung zu inakzeptabel schlechten Ergebnissen führt; dass dies auch etwas mit der Situation in den Kliniken zu tun hat, habe ich schon angesprochen.

Warum basteln wir schon wieder an einer deutschen Sonderlösung?

Wenn wir aber akzeptieren, dass wir mit der Entscheidungslösung unsere Ziele nicht erreichen, so verstehe ich nicht, dass diese nun verbessert wird. Ein totes Pferd kann man nicht mehr reiten. Es ist auch nicht nachzuvollziehen, warum wir in Deutschland wieder an einer Sonderlösung werkeln. In anderen Ländern gibt es doch funktionierende Regeln. Warum nutzen wir diese nicht? Neben der grundsätzlichen Kritik des alternativen Vorschlages hat dieser aus meiner Sicht auch noch zahlreiche operative Mängel. Wie will ich mich in einem hoch frequentierten Amt zur Organspende informieren? Ist der Hausarzt tatsächlich ausreichend kompetent, um auch meine Fragen nach dem Hirntod zu beantworten? Viele können dies sicherlich. Nicht alle haben jedoch das aktuelle Wissen und einige lehnen das Konzept vollständig ab.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, wenn wir mehr Leben retten wollen. Die Widerspruchslösung ist genau das. Und sie hat das Potenzial, genau dies zu erreichen.

Über den Autor:
Der Dipl-Kaufmann Heiko Burrack (geboren 1967) arbeitete in der Kundenberatung unterschiedlicher Agenturen. Im Jahr 2003 gründete er Burrack NB-Advice. NB-Advice berät primär Agenturen bei der strategischen und operativen Neukundengewinnung. Er ist als Referent, Trainer und Coach tätig und publiziert regelmäßig in unterschiedlichen Fachzeitschriften und ist Autor von vier Büchern. Vor mehr als 25 Jahren ist er selbst zum Empfänger einer Spenderniere geworden. Für sein Buch „Leben hoch zwei“  beschäftigte er sich intensiv mit verschiedenen Fragestellungen rund um das Thema Organspende und Transplantation. Er möchte damit gegen Vorurteile und Halbwissen Fakten setzen. Und er möchte DANKE sagen. Kontakt: heiko@burrack.de, https://www.burrack.de

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